Für Beethoven war er der Größte

Aus seiner Feder floß reichlich Sakralmusik: Zum 175. Todestag des Komponisten Luigi Cherubini. Von Barbara Stühlmeyer

Luigi Cherubini, gemalt von Ingres. Foto: IN
Luigi Cherubini, gemalt von Ingres. Foto: IN

Er gilt als ausgesprochen ernsthafter Mensch, dem Adolphe Adam einen ausgeglichenen Charakter nachsagte, weil er immer leicht ungehalten war. Luigi Cherubini, mit vollem Namen Maria Luigi Carlo Zenobio, wurde ungeachtet des immer wieder einmal genannten Datums 14. September am achten Tag dieses Monats geboren, weshalb er, der katholischen Gepflogenheit folgend, den Namen der Heiligen, Maria, mit auf seinen Lebensweg bekam, wie im Taufregister seiner Gemeinde in Florenz nachzulesen ist. Sein Vater Bartholomeo war von Beruf Maestro al Cembalo, was man heute mit Dirigent oder Orchesterchef übersetzen würde, da es 1760, im Jahr der Geburt Luigis, übliche Praxis war, das Instrumentalensemble vom Cembalo aus zu leiten. Bereits als Kind erhielt Cherubini instrumentalen und theoretischen Musikunterricht und studierte unter anderem Kontrapunkt und Komposition im dramatischen Stil. Er galt als eines der zahlreichen Wunderkinder seiner Epoche.

Für Musiker ist ein so früher Karrierebeginn nicht erst seit Anne Sophie Mutter üblich. Auch Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt, Felix Mendelssohn, George Enescu, Evgeny Kissin, Teresa Milanollo oder Daniel Barenbboim galten schon in ihrer Kindheit als bemerkenswerte Begabungen. Es ist in der Forschung umstritten, ob das unbezweifelbare Talent der jeweiligen Persönlichkeiten sich aufgrund einer nach außen drängenden Kreativität einfach besonders früh äußert, oder ob das Umfeld maßgeblich für das Werden eines Wunderkindes ist. Als Beispiel für die erste These wird Georg Friedrich Händel angeführt, der ungeachtet der ganz anders gearteten Pläne seines Vaters – er hatte für seinen Sohn eine juristische Laufbahn geplant und tat viel, um ihn davon abzubringen, seinem unstillbaren Drang, zu musizieren, nachzugeben.

Von Cherubini ist nicht überliefert, dass seine Eltern jemals Druck auf ihn ausübten. Er erhielt eine umfassende Förderung, veröffentlichte bereits mit 13 viel versprechende liturgische Kompositionen und studierte von seinem 20. Lebensjahr an dank eines Stipendiums des Erzherzogs Leopold II. von Österreich Musik in Bologna und Mailand. Dort entstanden auch seine ersten Opern, die zweite Gattung neben der Kirchenmusik, durch die Cherubini weithin bekannt wurde. Obwohl er als ernster Charakter galt, schloss Cherubini offenbar leicht Freundschaften und baute sich ein effektives Netzwerk von Beziehungen auf. Einer seiner Freunde, der Geiger Giovanni Battista Viotti, lud ihn zu einer musikalischen Entdeckungsreise nach Paris ein und stellte ihn dort Marie Antoinette vor. Paris wurde daraufhin die Wahlheimat Cherubinis, die er nur noch verließ, um kurzzeitig Aufführungen seiner Werke in Turin oder London zu leiten. Er änderte seinen Namen in Marie-Louis-Charles Zénobi-Salvador Cherubini, der so auch auf allen seinen veröffentlichten Kompositionen erschien – ein perfektes Beispiel für eine gelungene Integration, weshalb es eigentlich unverständlich ist, dass die Musikforschung ausschließlich die italienische Version seines Namens verwendet.

In Paris fand Cherubini endgültig zu seiner eigenen Tonsprache. Seine Musik wurde origineller, seine Opern feierten Erfolge an den Pariser Opernhäusern Théatre Feydeau oder der komischen Oper der Stadt und sicherten seine Situation so weit ab, dass er 1794 Anne Cécile Tourette heiraten konnte, mit der er drei Kinder bekam.

Schwierig wurde seine Situation jedoch durch die Französische Revolution und ihre Folgen. Gerade Cherubinis Talent, unter den adeligen Förderern seiner Kunst ein Netzwerk zu knüpfen, das ein beständiges Fundraising förderte, wurde ihm nun zum Verhängnis und er musste alles tun, um die Verbindungen möglichst diskret zu behandeln. Cherubini tat sein Möglichstes, auch unter den neuen Machthabern sein Auskommen zu sichern und komponierte mindestens ein patriotisches Werk pro Jahr, obwohl Napoleon seine Arbeit wenig schätze, weil Cherubini ihm zu komplex war.

Ab den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts kam Cherubinis Opernstil, der auch im komischen Fach strenger und ernsthafter war als etwa der Boieldieus, aus der Mode, obwohl vor allem seine hochqualifizierten Kollegen Joseph Haydn oder Ludwig van Beethoven seine Werke weiterhin sehr schätzten. Cherubini kam deshalb wieder auf seine erste Liebe, die Kirchenmusik zurück und komponierte von nun an nahezu ausschließlich geistliche Werke, darunter sieben Messen, zwei Requien und zahlreiche kürzere Werke für die Liturgie. Auch sie wurden von Kollegen wie Robert Schumann und Johannes Brahms mit größter Hochachtung aufgenommen.

Ab 1822 wirkte Cherubini als Direktor des Pariser Konservatoriums, einer renommierten musikalischen Ausbildungsstätte. Ironischerweise geriet er – nun in leitender Position – in dieselbe Konfliktsituation, die ihn als jungen Mann bewogen hatte, Italien zu verlassen und das inspirierende Musiklebend Londons zu erkunden, denn Hector Berlioz, der mit seiner neuartigen Form programmatischer Werke die Musiklandschaft an- und aufregte, fand Cherubini schrecklich unmodern und bezeichnete ihn als verschrobenen Pedanten. Daran mag etwas gewesen sein, denn Cherubini beschäftigte sich zu jener Zeit mit seinem Tonsatzlehrbuch „Cours de contrepoint et de fugue“, das 1835 erstmals erschien. Aber ungeachtet seiner kritischen Natur und seines leicht reizbaren Temperaments war Cherubini auch im Alter ein Mensch, der stets viele Freunde hatte, darunter die Komponistin und virtuose Pianistin Maria Szymanowska, seinen in Paris so immens erfolgreichen Komponistenkollegen Gioachino Rossini, den wie Szymanowska in Polen geborenen und in Paris so erfolgreichen Pianisten und Komponisten Frédéric Francois Chopin und den neoklassischen französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres. Von ihm ist ein berühmtes Porträt Cherubinis überliefert, dass ihn in nachdenklicher, nach innen gekehrter Haltung zeigt, während eine freundlich, angesichts Cherubinis perfekt getroffener grumpiger Grundhaltung ganz leicht ironisch lächelnde Muse eine Hand über seinem Haupt schweben lässt.

Neben der ihm nun reichlich aus der Feder fließenden Sakralmusik komponierte Cherubini in seiner zweiten Lebenshälfte auch einige kammermusikalische Werke, in denen er sich erlaubte, als Tonsetzer ganz bei sich zu bleiben, ohne den musikalischen Markt im Blick haben zu müssen. Dennoch erhielt er auch im weltlichen Segment weiterhin große Aufträge, beispielsweise 1815 den, eine Sinfonie, eine Ouvertüre und eine Komposition für Chor und Orchester für die Londoner Royal Philharmonic Society zu schreiben, deren Aufführungen er selbst dirigierte. Auch in der französischen Gesellschaft war Cherubini zeitlebens sehr geachtet und wurde mit den höchsten Ehren ausgezeichnet. Er war Mitglied der Akademie der schönen Künste oder Chevalier und Kommandeur der Ehrenlegion, ein Titel, den er als erster Musiker erhielt. Sein Requiem in d-moll, das er eigens für diesen Anlass komponiert hatte, wurde aufgeführt, als Cherubini am 15. März 1842 im Alter von 81 Jahren starb. Er wurde wenige Meter von seinem Freund Fréderic Chopin entfernt auf dem Friedhof Pere Lachaise bestattet.