Feministinnen wollen Göttinnen verehren

Die katholische Überlieferung infrage gestellt: „Geschlechterrollen in Buddhismus und Christentum“ in der katholischen Akademie in München. Von Alexander Riebel

Maria gehöre nicht zum Wesen des Christlichen, meinte in München die katholische Theologin Lucia Scherzberg. Maria Magdalena gemalt von Pietro Perugino, um 1500. Foto: IN
Maria gehöre nicht zum Wesen des Christlichen, meinte in München die katholische Theologin Lucia Scherzberg. Maria Magda... Foto: IN

Eine Zuhörerin hat am Ende der Tagung mit ihrer Frage das auf den Punkt gebracht, was die gesamte Veranstaltung zuvor schon Thema war: „Die ganze Geschlechterdiskussion wird von einem heterosexuellen Gottesbild aus gedacht – Können wir nicht etwas Neues erfinden?“ Ja, wir können – das war leider die einhellige Meinung der beiden Referierenden in der Abendveranstaltung „Geschlechterrollen in Buddhismus und Christentum“ in der Katholischen Akademie in München.

Den ersten Vortrag hielt Lucia Scherzberg, Professorin für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes, die Bücher zur feministischen Theologie veröffentlichte wie auch über das Verhältnis von Theologie und Vergangenheitsbewältigung. Gleich zu Beginn ihrer Rede wurde klar, dass sie die traditionelle Sicht auf die Geschlechterrollen ins Wanken bringen wollte. Denn in der hebräischen Übersetzung des Schöpfungsberichts heiße es nicht, dass Gott Mann und Frau als sein Abbild erschaffen habe, sondern Männliches und Weibliches. Es geht also nach Scherzberg nicht „um das erste Ehepaar“, sondern der Schöpfungsbericht lasse weitere Interpretationen offen. Damit war dem Zuhörer suggeriert, Gott habe von Anfang an sexuelle Vielfalt schaffen wollen in ihrer ganzen Bandbreite, die heute von Anhängern des Gender-Mainstreaming als kulturelle Realität behauptet wird. Heterosexualität als Plan Gottes anzunehmen schließe andere Formen des geschlechtlichen Zusammenlebens aus, meine die Referentin; „damit kämpft auch die Synode“, behauptete sie und versuchte so mehrmals die Synode auf eine bestimmte Interpretationsrichtung festzulegen. Auch bei der Schaffung der Frau hat die Professorin ihre eigene Sicht. Ihr ist es wichtig, dass Gott die Frau aus der Flanke Adams zieht, nicht aus der Rippe, also einem „überflüssigen Körperteil“.

Scherzberg legt besonderen Wert auf die Unterscheidung zwischen symbolischer und realer Geschlechterordnung. Männlich-weiblich nannte sie, sowie Gott-Israel, Christus-Kirche, Amt-Gemeinde oder Christs-Seele. Eine Übertragung auf reale Geschlechterverhältnisse hält sie allerdings für höchst problematisch, wenn sich etwa die Frau dem Mann unterordnen soll wie die Kirche gegenüber Christus. Aber wer fordert heute solch eine „Unterordnung“? Dass Scherzberg Komplementarität statt Über- oder Unterordnung als Lösungsversuch vorschlägt, ist doch längst in der realen Geschlechterbeziehung angekommen, so wie sie heute auch theologisch gesehen wird.

Unfair gegenüber den Zuhörern war es, ohne genaue Quellenangabe zu behaupten, im Alten Testament komme auch Gott als Mutter vor, auch Christus gebe es angeblich als Mutter. Dass auch die „Kreuzsymbolik mit weiblicher Konnotation“ versehen gewesen sei, konnte nur als weiterer Hinweis darauf verstanden werden, dass die Referentin mit aller Kraft die überlieferte Geschlechterordnung umwerfen will. Ein weiterer Höhepunkt war ihre Behauptung, dass „Maria gar nicht zum Wesen des Christlichen gehört, sondern ein kulturelles Produkt“ sei. „Denn Maria bringt als Kirche alles durcheinander“, sie sei Mutter Christi und Braut Christi, unsere Mutter und Mutter der Kirche. Für die Marienverehrung war das aber noch kein Problem.

Die buddhistische Perspektive bezüglich der Geschlechterrollen übernahm Sylvia Wetzel, Mitglied und Mitarbeiterin sowie Beirat der Deutschen Buddhistischen Union, sie ist auch Sprecherin der Internationalen Buddhistischen Frauenvereinigung Sakyadhita. Wetzels Vortrag war besonders auf Frauen zentriert, Männer kamen bei ihr eher schlechter weg: „Ich setze auf die Frauen, sie haben sich verändert.“

Dabei, und darauf hat sie hingewiesen, gibt es in der buddhistischen Leerheit weder Mann noch Frau, denn gemäß Buddha ist alles, was in Bezug zueinander steht, nur relational und hat keine eigene Substanz. Das Abendland, das sei hier bemerkt, sieht dagegen die Fülle des Seins, die der substanzlosen Leerheit gegenübersteht.

Für Wetzel sind Geschlechterrollen nur zeitbedingt; in solchen Behauptungen zeigt sich bei ihr auch die Relativierung durch den Buddhismus. Wie sich Geschlechterrollen ausprägten, das habe nur mit den Betroffenen zu tun. Auch bei Wetzel waren die Anspielungen auf die Synode deutlich. Dass es auch eine transzendente Ordnung gibt, war für die Buddhistin kein Thema. „Wenn Frauen wollen, dass sich etwas ändert, müssen Frauen das selbst tun“, meinte sie und ergänzte, man könne immer etwas ändern, wenn man das nur wolle. Dennoch könne man niemanden zu Veränderungen zwingen, aber „Gesetze sind hilfreich“. Dass Religion gleich bleibe, nannte sie eine Fiktion. Man könnte zwar „Religion nicht zerebral erfinden, aber man kann Lebendiges neu interpretieren“. Das Uminterpretieren war Wetzel ein besonderes Anliegen, und sie wies darauf hin, es sei ein Unterschied, wie Religion ausgeübt und wie sie interpretiert werde.

In der anschließenden Diskussion wiederholte die katholische Theologin Scherzberg nochmals, „nichts hält sich hartnäckiger, als dass Gott männlich sei, trotz feministischer Theologie“. In der deutschen Kirche gebe es Bemühungen um Theologinnen, in der katholischen Kirche insgesamt sei sie nicht optimistisch. Auch für Quotenfrauen sprach sie sich aus, denn wenn mehr Frauen in Führungspositionen seien, gebe es weniger sexuellen Missbrauch – ob das durch einen Wechsel in Führungspositionen erreichbar ist, muss allerdings als fragwürdig bezeichnet werden. Gegen die kirchliche Tradition wandte sie ein, man dürfe Geschichte nicht zur Legitimation eigener Ziele benutzen. Auch hier wurde wieder deutlich, dass Transzendenz und Offenbarungsgeschehen für die Rednerinnen offenbar keine Rolle spielten und sie über Religion sprachen wie über ein Geschäftsunternehmen, das man je nach Geschäftslage umkrempeln kann. Auch dass es im frühen Judentum Göttinnenverehrung gegeben habe, die dann im Alten Testament unterdrückt worden sei, wie Scherzberg behauptete, war nicht hilfreich, wenn solche Thesen nur zusammenhanglos in den Raum geworfen wurden; die theologische Relevanz blieb dunkel.

„Frauenfeindlichkeit entsteht aus der Askese“

Man war nicht mehr erstaunt von der Buddhistin Wetzel zu hören, dass im Buddhismus Weisheit weiblich gedacht werde, parallel zur Sophia – eine Namensbezeichnung, aus der sich wohl kaum eine systematische Theologie ableiten lässt. Die grüne Tara ist für Wetzel die bedeutendste buddhistische Darstellungsform; die grüne Tara entstehe, wenn die Weisheit der Nacht und die Weisheit des Tages zusammenkommen. Scherzberg ergänzte, die Auffassung von der Jungfräulichkeit Mariens hätte nur aus einer asketischen Tradition entstehen können, sowie Frauenfeindlichkeit überhaupt nur aus asketischen Idealen entstanden sei. Die ständigen Angriffe auf die katholische Überlieferungsgeschichte war für viele Zuhörer schwer erträglich. Mit einem weiteren Seitenhieb auf die traditionsbewussten Mitglieder der römischen Synode meinte sie, man habe bezüglich der Geschlechterrollen das Unterordnungsargument aufgegeben, aber nicht das Traditionsargument. offenbar möchte Scherzberg die Geschichte der Kirche einfach neu schreiben. Selbst dass beim Kauf von Babykleidung eine Rückkehr zu blauem und rosa Geschenkpapier zu bemerken sei, fand sie „erschreckend“: keine Geschlechter. Ihre buddhistische Kollegin fügte hinzu, sie hoffe auf die türkischen Frauen und deren Revolte.

Allerdings wurde auf dem Podium der Unterschied zwischen dem berechtigten Anspruch einer Beseitigung realer Unterdrückung und der Beseitigung religiöser Ordnung gar nicht mehr gemacht. Es wurde nicht deutlich, was man überhaupt noch aufbewahren will als Schatz der Kirche. Die Moderatorin der Abendveranstaltung, Professorin Katharina Ceming am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie der Universität Augsburg, fasste es am Ende zusammen: „Religion ist vielfältiger, als wir es dogmatisch wahrhaben wollen. Es braucht Geduld.“ So bleibt als schlechter Nachgeschmack ein mehrstündiger Aufruf zur Veränderung kirchlicher Strukturen.