„Familien mit Balance“

Ein Neurowissenschaftler bekämpft Wahrheitsansprüche

Michael S. Gazzaniga hat es sich zum Beruf gemacht, besser zu verstehen, wie das Gehirn mentale Prozesse ermöglicht. Der renommierte Neurowissenschafter, der als Professor am Darmouth College lehrt und dem President's Council of Bioethics angehört, welches der amerikanische Präsident Bush in bioethischen Fragen berät, gehört zu den Pionieren der Untersuchung sogenannter Split-Brain-Patienten. Bei diesen wird mit einem Skalpell der Hauptverbindungsstrang zwischen den beiden Hälften der Großhirnrinde durchtrennt. Patienten, die unter zerstörerischen epileptischen Anfällen leiden, soll auf diese Weise ein erträgliches Leben ermöglicht werden.

Es gibt daher gute Gründe anzunehmen, dass Gazzaniga mit seinem erworbenen Wissen vielen Menschen wichtige, ja möglicherweise gar überlebenswichtige Dienste geleistet hat. Bei diesem Hinweis würde man es gern belassen. Dass das nicht geht, liegt daran, dass Gazzaniga auch ein Buch geschrieben hat, das mit der Frage „Wann ist der Mensch ein Mensch?“ überschrieben ist und den Untertitel „Antworten der Neurowissenschaft auf ethische Fragen“ trägt. Diese Fragen, für deren Beantwortung sich der Autor aufgrund seiner Kenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns für besonders qualifiziert hält, sind keine kleinen. Sie reichen von der Frage nach dem moralischen Status des Embryos über die Frage nach dem Umgang mit den Möglichkeiten einer „Selbstverbesserung durch Technik“, welche die Gentechnik den Menschen heute bereits ansatzweise bietet, bis hin zur Frage, ob sich die „Tötung auf Verlangen“ ethisch rechtfertigen lässt.

Die Naivität, mit welcher der Autor sich ihnen nähert, verblüfft. Denn ethische Überzeugung basieren laut Gazzaniga nicht etwa auf Einsichten, die wir kraft unserer Vernunft entwickeln, sondern einzig und allein auf Hirnmechanismen, die einen, wenn man sie einmal verstanden habe, „skeptischer gegenüber allen Formen von absolutistischen Wahrheitsansprüchen und Glaubenssystemen mache“. So sei eine der „wichtigsten Lehren“, welche die Neurowissenschaft zu bieten habe, „dass unserer Gehirn glauben will“. Wir seien, so der Autor weiter, „geradezu darauf programmiert, Überzeugungen auszubilden“. Und gerade so, als müsste Gazzaniga selbst den unüberbietbaren empirischen Beweis für seine Behauptung erbringen, erfährt der Leser im Folgenden vor allem, was das Gehirn des Autors alles glauben will. Der folgenschwerste, dem das Gehirn Gazzanigas zum Opfer gefallen ist, dürfte dabei sein unumstößlicher Glaube an die Selbstregulierung der Wissenschaft sein. In den Grenzüberschreitungen, mit denen uns Wissenschaftler heute beinah täglich konfrontieren, erblickt der Autor denn auch nicht mehr als eine vorübergehende „Überaktivität“, die aus „dem evolutionären Drang des Menschen“ resultiere, „sein Überleben zu bewerkstelligen“. Grund zur Sorge sei das nicht. Denn die Geschichte zeige, „dass wir als Spezies Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft sichern“. Als positives Beispiel nennt Gazzaniga hier – man rauft sich die Haare – doch tatsächlich die Atombombe: „Wir mögen die Atombombe erfinden und sie sogar benutzen, aber dann geben wir uns große Mühe, um dafür zu sorgen, dass sie nie wieder eingesetzt wird.“

Kein Wort des Bedauerns. Im Gegenteil. Die als „menschliche Überaktivität“ schöngeredete Verantwortungslosigkeit, die manche Wissenschaftler an den Tag legen, mutiert bei Gazzaniga zu einer „Art Check-and-Balance-System für die Anwendung wissenschaftlicher Entdeckungen“.

Als ein Beispiel, wo dieses „Check-and-Balance-System“ besonders gelungen sei, präsentiert der Autor die Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika einige Firmen, die Möglichkeit zu Geschlechtsselektion bei der künstlichen Befruchtung erst ab dem zweiten Kind anbieten. Paare, die nur ein Kind wollen, müssten nehmen, was kommt. Wer dagegen schon ein Kind habe, dem soll dann durch die Wahl des Geschlechts zu einer „ausbalancierten Familie“ verholfen werden. Kann es da wundern, dass Gazzaniga auch das „Cognitive Enhancement“, also die Steigerung geistiger Leistungsfähigkeit durch Drogen, als ein großes soziales Gut betrachtet?

Und trotz all dem ist das, was an Gazzanigas Buch abstößt, eigentlich etwas ganz anderes. Denn während wir aufgefordert werden, unsere moralischen Überzeugungen über Bord zu werfen, weil diese letztlich auf religiösen Systemen basierten, die „zu einer Zeit erdacht wurden, als uns keine konkurrierenden Informationen über das Wesen der uns umgebenden Welt zur Verfügung standen“, basiert das, woran Gazzanigas Gehirn glauben will, und das des Lesers ab jetzt auch glauben sollte, selbstverständlich „auf modernen Wissensgrundlagen“ und orientiert sich „an erwiesenen Erkenntnissen über das Wesen der Welt“. Wie aber kann sich der Mensch, der laut dem Autor eine „überzeugungsbildende Maschine“ ist, dessen sicher sein? Muss er nicht vielmehr annehmen, dass auch das nur eine Überzeugung ist, an die sein Gehirn glauben will, weil es eben genau darauf programmiert ist? Im Grund hebt sich Gazzanigas These, wollte man sie ernst nehmen, also selbst auf. Die vielen Unfreundlichkeiten, die der katholisch erzogenene Autor über die Weltreligionen verbreitet, sind ebenfalls nicht dazu angetan, Sympathien für das Buch und seinen Autor aufkommen zu lassen. Moses, Buddha, Paulus, Johanna von Orléans, Katharina von Siena und Teresa von Avila (und viele andere) litten – so erfahren wir – höchstwahrscheinlich alle unter einer zumindest zeitweiligen Temporallappenepilepsie. Noch so eine Überzeugung, die Gazzanigas Gehirn offenbar glauben will, und unseres nicht. Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Frage, ob man das vorliegende Buch gelesen haben muss. Während Gazzanigas Gehirn davon wohl überzeugt sein dürfte, glaubt unseres felsenfest, dass es lohnendere Möglichkeiten geben muss, sich mit Neurowissenschaften zu beschäftigen. Von Ethik einmal ganz angesehen.