Exzentrik und Geheimnis

Einzigartige Bildgestaltung: Der „Meister von Heiligenkreuz“ in einer Ausstellung des Wiener Kunsthistorischen Museums. Von Gudrun Trausmuth

Zu den Hauptwerken des „Meisters von Heiligenkreuz“ gehört „Tod der Maria“ (1420/30), gemalt auf Tannenholz. Foto: Kunsthistorisches Museum Wien
Zu den Hauptwerken des „Meisters von Heiligenkreuz“ gehört „Tod der Maria“ (1420/30), gemalt auf Tannenholz. Foto: Kunsthistorisches Museum Wien

Beim Betreten der Kabinettausstellung über den „Meister von Heiligenkreuz“, die es im Wiener Kunsthistorischen Museum seit kurzem zu sehen gibt, ziehen einen die prächtig golden und leuchtend farbigen wundersamen Werke eines rätselhaften Künstlers in ihren Bann. Die Bezeichnung „Meister aus Heiligenkreuz“ ist der Notname eines Künstlers, der um 1400 ein großes geistliches Werk geschaffen hat; aufgrund verschiedener Indizien vermuten die Kunsthistoriker, dass der Anonymus seine Ausbildung im Umfeld der Pariser Hofkunst erfahren hat. – Warum aber „Meister aus Heiligenkreuz?“, was hat der Ort im Wienerwald mit besagtem Künstler zu tun? Zumindest dieses Rätsel ist leicht zu lösen: Das zentrale Werk des Meisters, ein Diptychon (1415/20), wurde 1926 durch das Kunsthistorische Museum aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz erworben; man vermutet, dass der aus Paris kommende Wanderkünstler sein Meisterwerk in der Gegend von Wien realisiert hat, zumal das Diptychon auf Eichenbrettern lokalen Ursprungs gefertigt wurde.

Kurator Guido Messling bezeichnet das Diptychon im großartigen Ausstellungskatalog als eines der „außergewöhnlichsten Tafelbilder“ der Kunst um 1400. Seine Besonderheit sieht er nicht so sehr in der Farbenpracht, dem hohen Aufwand an Blattgoldauflagen und in der kräftigen Farbigkeit, sondern im Bildprogramm, welches die Verkündigung Mariens mit der Mystischen Vermählung der heiligen Katharina kombiniert. Verbunden sind die beiden Innenseiten des Diptychons durch einen architektonischen Einheitsraum. Während die Verkündigungsszene vom heiligen Paulus und einem weiteren Apostel begleitet wird, finden sich auf der rechten Innenseite, das Geschehen gleichsam von einem abgetrennten Zuschauerraum aus betrachtend, die heilige Dorothea und die heilige Barbara. Der Kurator betont, dass diese Konstellationen ebenso einzigartig seien wie die Gestaltung der Rückseiten der beiden Tafelbilder, wo eine Muttergottes mit Kind und eine heilige Dorothea als große Standfiguren einander zugewandt sind. Die starke Betonung der heiligen Dorothea und der heiligen Katharina könnte im Übrigen ein Indiz dafür sein, dass das Diptychon für die Wiener Kapelle St. Dorothea und Katharina bestimmt war, wo unter Herzog Albrecht V. 1414 ein Augustinerchorherrnstift gegründet wurde.

Was den Ausstellungsbesuchern bei der Betrachtung der Bilder auffällt, sind die kugelig gewölbten Stirnen und vor allem die dünnen, überlangen, fast spinnenartigen Finger der Figuren. Dies diagnostiziert Guido Messling als manieristische Übersteigerung der Schönheitsideale der „Internationalen Gotik“. Sichtlich hatte der „Meister aus Heiligenkreuz“ auch eine Neigung zu kostbaren Stoffen, sowie eine Vorliebe für Architektonisches. Dazu kommen liebenswerte Details, wie etwa die beiden bauenden Engel auf der linken Innenseite des Diptychons – dieser Bildausschnitt ist auch auf dem Cover des prächtigen Ausstellungskatalogs zu finden.

Die Besonderheit der Wiener Kabinettausstellung ist, dass zum ersten Mal alle bekannten Werke des „Meisters aus Heiligenkreuz“ gemeinsam ausgestellt werden, was – abgesehen vom Heiligenkreuzer Dipthychon – vier weitere Werke betrifft: Die Tafeln des zweiteiligen Altarwerks „Tod der Maria“ und „Tod der heiligen Klara“ (1420/30) befinden sich heute getrennt voneinander im Cleveland Museum of Art und der National Gallery of Art in Washington; die beiden Tafeln werden zwar durch keinen gemeinsamen architektonischen Raum vereint, wie dies beim Heiligenkreuzer Dipthychon der Fall ist, doch sind sie in ihrer Komposition einander spiegelbildlich zugeordnet und weisen durch ihre aufein-ander verweisenden Bildthemen auf ihre Herkunft aus einem Klarissinnenkloster hin. Neben diesen beiden Hauptwerken des „Meisters von Heiligenkreuz“ zeigt die Kabinettausstellung auch das vergleichsweise kleine Bild „Vermählung der heiligen Katharina“ (1415/20) aus dem Wiener Belvedere. Wie der Ausstellungskatalog argumentiert, könnte dieses Werk aufgrund der strukturellen Vergleichbarkeit mit dem Heiligenkreuzer Diptychon den linken Teil eines weiteren Diptychons gebildet haben, dessen rechter Teil in Analogie zu zwei anderen erhaltenen Katharinen-Diptychen die Kreuzigung Christi als zweites Bildthema haben könnte.

Ergreifend ist das Diptychon „Christus als Schmerzensmann und Maria mit dem Kinde“ (1415/20) aus dem Kunstmuseum Basel, das im originalen Rahmen erhalten ist. Die beiden Tafeln werden aufgrund der mit dem Heiligenkreuzer Diptychon weitgehend übereinstimmenden Formensprache ebenfalls dem „Meister von Heiligenkreuz“, oder aber einem seiner Werkstattmitarbeiter zugeschrieben. Beim Betrachten verwundert die Anordnung: Entgegen der Blickrichtung und der Chronologie findet sich der Schmerzensmann auf der linken Tafel und Maria mit dem Kind auf der rechten. Aus der Perspektive der Heilsgeschichte setzt sich der Maler souverän über die Zeit hinweg: Die einander treffenden Blicke Christi und seiner Mutter deuten eine tiefes Wissen und zugleich die Hingabe an den Plan Gottes an. Die relativ geringe Größe des Diptychons lässt vermuten, dass es als mobiles persönliches Andachtsbild gedient hat. Besonders auffallend sind die mit Scharnieren verbundenen Rahmen des zweiteiligen Werkes, in die rot und blau gefärbte – und zum Teil bestückte – Reliquienfächer eingearbeitet sind.

Mit einem als Kopie überlieferten Porträt der Herzogin Beatrix von Hohenzollern (16. Jahrhundert) hebt die Kabinettausstellung schließlich das Höfische im Werk des Heiligenkreuzer Meisters ausdrücklich hervor, das auch in seiner geistlichen Kunst ein wichtiges Gestaltungselement darstellt.

Die Ausstellung „Der Meister von Heiligenkreuz“ ist im Kunsthistorischen Museum in Wien bis 23. Juni 2019 zu besichtigen – am besten in Verbindung mit einem anschließenden Ausflug nach Stift Heiligenkreuz, um den „Meister von Heiligenkreuz“ im namensgebenden geistlichen Raum nachwirken zu lassen.