Erziehen mit Freude

Wie erzieht man seine Kinder richtig? Wie verhält man sich angemessen? Das Elternsein wirft auch im Zusammenhang mit Social Media zunehmend Fragen auf. Dabei geht es am besten, wenn man entspannt. Von Christina Schmidt

Initiative "Drop In(klusive)"
So ruhig und harmonisch ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nicht immer. Werden die Kinder älter, stehen die Eltern vor vielen Fragen und Herausforderungen. Foto: dpa
Initiative "Drop In(klusive)"
So ruhig und harmonisch ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nicht immer. Werden die Kinder älter, stehen die ... Foto: dpa

Eltern haben es schwerer denn je. Die Erwartungen, die unsere Gesellschaft an sie stellt, sind praktisch unerfüllbar. Eltern haben kaum eine Chance, es richtig zu machen. Nachdem die „gewünschtesten Wunschkinder aller Zeiten“ rundherum versorgt auf die Welt gekommen sind, haben sich diese so zu entwickeln, dass Eltern ein tadelloses Zeugnis ausgestellt werden kann. Tun Kinder das nicht, dann fallen sie entweder unter die vielen therapiebedürftigen Störfälle, wie ADHS-Kinder, Autisten, oder eben die Eltern haben alles falsch gemacht. Und falsch machen kann man als Eltern heutzutage sehr vieles.

Eltern müssen sich allabendlich fragen, ob sie an diesem Tag die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung ernst genug genommen und genügend für die Synapsenbildung ihrer Kleinen gemacht haben. Sie müssen sich täglich entscheiden, ob sie eher grenz- oder bedürfnisorientiert erziehen wollen. Entscheiden sie sich für die grenzorientierte Variante, könnten sie als anachronistisch gelten, entscheiden sie sich wiederum für den bedürfnisorientierten Erziehungsstil, setzen sie sich dem Vorwurf aus, die Tyrannen der Zukunft großzuziehen.

Wenn sich Eltern heute engagiert geben und ihren Kleinen Babyschwimmen und musikalische Früherziehung ermöglichen, werden sie des Förderwahns bezichtigt, lehnen sie sich entspannt zurück und lassen „Bach für Babies“ links liegen, sind sie bildungsfern und verbauen ihrer Nachkommenschaft die Zukunft. Ebenso kompliziert verhält es sich mit unserem Umgang mit der digitalen Welt. Tun wir auf entspannt und lassen unsere Kinder die digitale Welt unbegrenzt selbst erkunden, müssen wir damit rechnen, dass sie eines Tages computersüchtig beim Psychiater auf der Couch liegen.

Gehören wir zu den Überängstlichen, die sich an Altersvorgaben halten oder gar die Nutzungszeit des Computers einschränken, müssen wir unseren Kindern zumuten, dass sie den Anschluss an die digitale Welt und somit an das eigentliche Leben verpassen. Was ist dann – bitteschön – gelungene Erziehung? Was können wir Eltern tun, um doch noch irgendwie unverkrampft an unsere Kinder heranzugehen? Hierzu nun einige Vorschläge, Tipps und Hinweise, die Eltern helfen können, ihre Kinder klug und mit Freude zu erziehen, ohne diese und sich selbst zu sehr unter Druck zu setzen:

Die Erziehung auf den eigenen Werten aufbauen

Nicht Erziehungsratgeber und Erziehungsmethoden sollen der Ausgangspunkt von Erziehung sein, sondern jene Werte, die Eltern ganz persönlich wichtig sind und die sie ihren Kindern mitgeben möchten. Ob es die Vermittlung des Glaubens, der Wunsch nach einem harmonischen Familienleben, die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit oder ein konstruktives Mitgestalten dieser Gesellschaft ist, es sollen die Werte sein, die an erster Stelle die Erziehung aller Eltern prägen. Dazu muss man sich dieser bewusst sein und auch proaktiv umsetzen wollen. Erfolgreiche Erziehung ergibt sich an erster Stelle aus dem, was wir vermitteln, erst dann aus dem wie.

Nicht nur ein paar Tricks anwenden

Erziehung soll nicht nur auf die Kunst reduziert werden, Kinder zu motivieren, das zu tun, was Eltern von ihnen möchten. Erziehung ist auch nicht nur Bitte- und Danke-Sagen lernen. Noch das Hinauftreiben des IQs unserer Kinder durch intellektuelle Hyperförderung. Gute Noten in der Schule machen noch keine Erziehung erfolgreich. Gelungene Erziehung ist immer ganzheitlich. Zu ihr gehören sowohl Grenzen als auch Bedürfnisse. Sie besteht darin, unsere Kinder in der Entwicklung ihrer ganzen Persönlichkeit zu begleiten, Ihre Stärken zu fördern und Ihren Schwächen entgegenzuwirken. Körper und Seele, Verstand und Wille, Gefühle und Liebesfähigkeit, sie alle gehören zu dem Gesamtpaket, für dessen Förderung wir Eltern verantwortlich sind.

Man sollte versuchen, dem eigenen Kind nahe sein

Um dem eigenen Kind nahe zu sein, brauchen Eltern nicht gleich „best friends forever“ zu werden. Vertraute der eigenen Kinder zu werden, erfordert nicht, dass wir uns der Babysprache bemächtigen und den ganzen Tag mit ihnen am Boden herumrutschen. Auch nicht, dass wir mit ihnen auf Popkonzerte gehen und die ersten Cocktails mit ihnen mixen.

Es bedeutet aber, die eigenen Kinder gut zu kennen. Ihre Charaktertypen, ihre Stärken und Schwächen einschätzen zu können und Veränderungen im Laufe der verschiedenen Entwicklungsphasen zu verfolgen. Denn jede Erziehung ist nur so gut, wie sie die Besonderheiten des einzelnen Kindes berücksichtigt, annimmt und auf diesen aufbaut. All dies erfordert mehr als nur ein paar akribisch geplanter Stunden Qualitätszeit in der Woche. Wenn Eltern Vertraute ihrer Kinder sein möchten, bedarf dies gemeinsam erlebter Alltagsstunden. Es bedarf der Gesprächsbereitschaft zu Unzeiten sowie der Anteilnahme an den Hochs und Tiefs eines Kinderlebens, ohne dass Eltern dabei aufhören, Erwachsene zu sein. Der Kinderexperte Jesper Juul wies seinen Verleger einmal an, eines seiner Bücher mit dem Hinweis „nur für Eltern mit Kindern über zwei Jahren“ zu veröffentlichen. Seiner Meinung nach sollten Eltern zuerst einmal durch und durch vertraut mit ihren Kindern werden, bevor sie mit irgendwelchen pädagogischen Ansätzen loslegten. Was für ein kluger Gedanke!

Zu seinem ganz persönlichen Stil stehen

Aus der verständlichen Angst heraus, von der Gesellschaft als schlechte Eltern abgestempelt zu werden, gibt es viele, die Elternsein vielmehr „spielen“, als dass sie einfach so sind, wie sie sind. Ihre größte Sorge ist es, bei einem Fehler ertappt zu werden, daher versuchen Sie mit ihrem Kind dauernde Harmonie herzustellen. Sie sind die Kinderversteher, die nie böse werden. Diese künstlich aufrecht erhaltene Harmonie kann jedoch auf Dauer recht anstrengend sein und geht auf Kosten eines authentischen Miteinanders. Eltern sollen sich nicht aus Angst vor Fehlern verstellen. Alle Eltern machen Fehler, mehrfach, jeden Tag. Es ist gut, wenn Eltern zu ihrem Charakter stehen. So wie Eltern sind, mit ihren Stärken und Schwächen, das prägt jedes Kind sowieso mehr als alles andere. Wenn eine Mutter eine Temperamentsnudel ist, wird es ihre Kinder nicht schockieren, wenn sie ab und zu auf den Tisch haut. Wenn Sie schüchtern und zurückhaltend ist, werden ihre Kinder auch damit zurechtkommen. Kinder lieben die Höhen und Tiefen menschlicher Auseinandersetzung mehr als permanente Harmonie.

Eltern sollten auch an sich selber arbeiten

Zu sich stehen heißt nicht, dass wir nicht an unseren Fehlern arbeiten sollen. Die meisten Fehler in unserer Erziehung machen wir aufgrund der persönlichen Schwächen, die jeder von uns hat. Der eine ist zu ungeduldig, ein anderer wird schnell zornig, der nächste neigt dazu, sein Kind zu sehr zu verwöhnen oder ist zu konfliktscheu. Daher ist es das Beste, was jede Mutter und jeder Vater für das Kind machen kann, an sich und seinen Fehlern zu arbeiten.

Auch ein Wunschkind ist kein Statussymbol

Die Wunschkindkultur macht Kinder immer mehr zu einem Statussymbol, über das sich Eltern definieren. „Mein Kind soll ein Vorzeigekind sein, das rundherum glücklich ist.“ Diese oft unbewusste Denkweise setzt viele Eltern in ihrer Erziehung und somit auch Kinder unter Druck. Wenn Eltern sich von diesen Vorstellungen lösen und ihr Kind so annehmen, wie es ist, bringt das sehr wohltuende Gelassenheit in deren Erziehung. Kinder brauchen dann auch nicht mehr ständig glücklich und zufrieden sein, auch von einem Erwachsenen erwartet das ja niemand.

Sich von niemandem die Freude nehmen lassen

Der schlechte Ruf, den das Leben als Eltern genießt, flößt ihnen vom ersten Tag an das Gefühl ein, dass es ohne vielleicht doch viel besser wäre. Durchwachte Nächte, bockige Kinder, keine ruhige Minute, ewig Spaghetti essen. „Warum habe ich mir das angetan?“, fragen sich viele. Weil alles seine Zeit hat im Leben. Es gibt eine Zeit mit Kindern und eine Zeit nach den Kindern: In der wir beglückt auf die anstrengenden Jahre zurückschauen und uns vor allem an die schönen Momente zurückerinnern. Friedrich Schiller soll einmal gesagt haben: „Das Leben mit Kindern ist schön und Schönheit erzieht.“ Die Freude, die wir an unseren Kindern haben, formt unsere Kinder, sie ist bereits die halbe Miete. Lassen wir sie uns nicht nehmen. Weder von einer Politik, die uns für unfähig erklärt, noch von einer Gesellschaft, die uns belächelt, noch von einem Schulsystem, das uns das Leben schwermacht.

Viele Tendenzen in den Erziehungswissenschaften suggerieren uns, dass Erziehung für alles verantwortlich ist. Dass die perfekte Erziehung den perfekten Menschen hervorbringt und jeder kleine Fehler wiederum dauerhafte Schäden hinterlässt. Dass das Glück im Leben eines Menschen hauptsächlich von seinen Eltern abhängt. Daher die Angst vieler Eltern vor einer Fehlleistung, davor, die Zukunft ihrer Kinder zu verbauen, wenn sie etwas falsch machen. Keine Frage, Erziehung prägt uns wie kaum etwas Anderes. Und dennoch gibt es Menschen, die in schlechten Verhältnissen aufwachsen und ein glückliches Leben führen und andere, die umsorgt und gepflegt wurden und die im Leben versagen. Der Mensch ist nicht nur ein Produkt seiner Erziehung. Und Eltern sind nicht an allem schuld. Schon gar nicht in einer Gesellschaft, die es Eltern so schwer wie nur möglich macht, ihren Job gut zu machen.

Die Autorin ist Betriebswissenschaftlerin und hat einen Fernkurs zu Ehe und Familie an der Universität von Katalonien absolviert. Sie organisiert Ehe- und Erziehungskurse im Rahmen der Gesellschaft für Familienorientierung (www.familienorientierung.at) und schreibt regelmäßig Artikel für den Blog meineFamilie.at.