Erinnern. Gedenken. Vergebung suchen.

„Lebensmärsche zur Versöhnung“: Die familiären Verstrickungen in den Nationalsozialismus müssen geistlich aufgearbeitet werden. Von Albrecht Fürst zu Castell-Castell

Lebensmärsche zur Versöhnung gibt es seit acht Jahren. Sie sind aus dem Herzen der TOS Gemeinde in Tübingen entstanden. Jobst Bittner – Gründer und Leiter dieser Gemeinschaft – hat sehr persönlich erfahren, welch befreiende und heilende Wirkung es für unser Leben hat, wenn wir dem Erinnern nicht ausweichen. Wenn wir Unangenehmes nicht verdrängen und uns nicht scheuen, die eigene Familiengeschichte ehrlich und wahrhaftig als Realität unserer Vergangenheit zu sehen. Ich persönlich weiß als Teil einer Familie mit langer Geschichte, dass dies Enttäuschung und auch Schmerzen verursachen kann. Es tut weh, wenn wir erkennen, dass in der eigenen Familie Verstrickung, Beteiligung oder auch nur Sympathie mit den Ideen und dem Handeln von Regierung und Partei in den Jahren des Nazi-Regimes in Deutschland und in unseren Nachbarländern auftauchen. Ehrliches Erinnern ist Voraussetzung für Schulderkenntnis, von Betroffenheit und vom Erkennen. Auch die jüngere Generation ist davon betroffen als Nachkommen von Familien der damals Lebenden.

In unserem Land haben sich Bundespräsidenten, Bundeskanzler und auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere führende Politiker, Wirtschaftsführer sowie Vertreter von Verbänden und viele andere diesem Erinnern gestellt. Deutschland ist das einzige Land der Welt, das Gedenk- und Mahnmale für im Namen unseres Volkes begangenes Unrecht erhalten und neu errichtet hat. Unsere Geschichte, zu der auch Mord, Folter, Menschenquälerei und Entehrung gehören, soll und darf nicht vergessen werden. Das zentrale Holocaust-Gedenk- und Mahnmal steht in der Mitte unserer Hauptstadt Berlin. Und die als Gedenkstätten erhaltenen und gepflegten ehemaligen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager werden von Tausenden aufgesucht: zum Erinnern, zum Gedenken und zur Mahnung: Nie wieder darf sich wiederholen, was deutsche Staatsbürger – ganz gleich, ob in Uniform oder Zivil – in den Jahren 1933 bis 1945 anderen deutschen und ausländischen Staatsbürgern angetan haben. Die damalige Partei- und Staatsführung hatte ein Vernichtungsprogramm des jüdischen Volkes geplant, beschlossen und mit deutscher Präzision und Gründlichkeit durchgeführt. Vor 70 Jahren hat das Kriegsende auch dem Morden ein Ende gesetzt. Aber ist denn damit auch unsere Gesinnung, die innere Einstellung berührt und verändert? Wir wissen doch, dass viele in der deutschen Bevölkerung immer noch antijüdische, antisemitische und antiisraelische Gedanken in sich tragen. Die Wurzeln leben noch.

Wie kommen wir an diese giftigen Wurzeln heran? Wie können sie unschädlich – unwirksam – gemacht werden? Wer durch Erlebnisse, Gespräche oder durch eigenes Nachdenken auch nur die kleinste Beziehung zu nationalsozialistischen Organisationen oder Beteiligung an Nazi-Verbrechen in der eigenen Familie findet, oder sich selber am Gedankengut des Nazi-Regimes begeistert, braucht Heilung und Befreiung. Denn wir wissen, dass Generationen miteinander verbunden sind – im Guten wie im Schlechten. Jeder kann Heilung finden, indem er sich auf die Suche nach Vergebung begibt. Jesus bietet uns dieses Geschenk an. Jeder darf sich dieses Geschenk – diese Gnadengabe – abholen. Gläubige Christen sind dazu Vermittler und eine helfende Hand. Dieser Dienst ist praktische Seelsorge. Menschenherzen öffnen und verändern sich dadurch. Das habe ich an mir selbst erfahren und bei vielen anderen miterleben dürfen. Wer Vergebung erlebt, ist aufgefordert – ja aufgerufen – das Gespräch mit denen zu suchen, deren Verhalten zeigt, dass sie noch Heilung ihrer Geschichte in der Familie und im Freundeskreis brauchen.

Aus eigenem Erleben kommt mein Wunsch, diese Erfahrungen weiterzugeben. Vergebung suchen – Heilung und Befreiung anbieten: so könnte Wurzelbehandlung aussehen. Märsche des Lebens sind schon vielen zum Segen geworden. Wir stellen uns unserer Vergangenheit, suchen Vergebung und dürfen in Begegnungen mit Betroffenen oder Nachfahren die wohltuende, versöhnende Kraft von Christus erfahren.

Albrecht Fürst zu Castell-Castell ist Schirmherr für die Veranstaltungen von „Marsch des Lebens Bayern e.V.“ im Jahr 2015. Mit einer Gedenkfeier am 23. April 2015 um 19.00 Uhr im Sparkassensaal Hersbruck wird der „Marsch des Lebens“ nach Dachau, fast 70 Jahre nach den Todesmärschen, beginnen. In einer zentralen Kundgebung wird am 24. April von 17.00 bis 19.00 Uhr in München vom Platz der Opfer des Nationalsozialismus bis zum Jakobsplatz gezogen. Abschluss der Veranstaltungen wird am 26. April ein Gedenken um 15.30 Uhr in der Gedenkstätte Dachau, am Mahnmal des unbekannten Häftlings, und um 17.30 Uhr ein „Fest des Lebens“ in Karlsfeld bei Dachau sein, bei dem die Hoffnung und Freude am Miteinander mit unseren jüdischen Mitbürgern zum Ausdruck kommt. Weitere Informationen unter: www.mdl-bayern.org. Alle Stationen von Hersbruck bis Dachau unter: www.hersbruckbisdachau.de