„Erforderlich ist eine entschlossene Führung“

In seinem Buch „Wir Weicheier – Warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist“ untersucht der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld die Frage, weshalb die westlichen Gesellschaften zunehmend verteidigungsunfähig geworden sind. Ist der Feminismus schuld? Von Katrin Krips-Schmidt

Ansprüche sind wichtig: Martin van Crefeld, emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Foto: KKS
Ansprüche sind wichtig: Martin van Crefeld, emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusal... Foto: KKS
Herr Professor van Creveld, möchten Sie Ihr neuestes Buch mit dem herausfordernden Titel „Wir Weicheier“ als Weckruf dahingehend verstanden wissen, dass die heutigen westlichen Gesellschaften nicht mehr genügend wehrhaft sind?

Ja. Und nicht nur ich denke so. Seitdem die englische Originalausgabe des Buches im letzten Jahr erschienen ist, nahmen sowohl die israelische Presse als auch das amerikanische Verteidigungsministerium in Washington Kontakt mit mir auf, da sie sich mit dem gleichen Problem beschäftigen. Im Pentagon hat man sogar einen besonderen Mitarbeiterstab eingerichtet, um dies zu untersuchen und Lösungen vorzuschlagen.

Was ist schuld an dieser Situation?

Sowohl das westliche Militär als auch die westliche Gesellschaft insgesamt sind dafür verantwortlich zu machen. Das Militär hat seinen Truppen systematisch die Zähne gezogen und behandelt sie in vielerlei Hinsicht wie kleine Kinder. Außerdem war man damit einverstanden, zu vielen Frauen zu ermöglichen, zu viele entscheidende Positionen, besonders in Kampfeinheiten, zu besetzen. Und schließlich hat man die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), statt ihr entgegenzuwirken, stillschweigend geduldet, und sie in einigen Fällen honoriert und ihr Geltung verschafft.

Die Gesellschaft ihrerseits drängte – angeführt von der feministischen Bewegung – das Militär dazu, diese Veränderungen einzuführen und akzeptierte sie dann auch. Darüber hinaus hat sie zwei weitere Dinge getan: Erstens hat sie sich die größte Mühe gegeben – und das nicht ohne Erfolg –, junge Menschen vom Erwachsenwerden abzuhalten. Zweitens hat sie mit ihren Bemühungen, den Krieg als das Allerschlimmste auf Erden überhaupt darzustellen, eine Situation geschaffen, in der es absolut nichts zu geben scheint, für das es sich zu kämpfen, geschweige denn zu sterben, lohnt.

Dennoch stammt der Ausspruch von Ihnen: „Niemand bezweifelt, dass der Krieg ein großes Übel ist und vermieden oder verhindert werden sollte“. Doch in manchen Situationen halten Sie den Krieg für unerlässlich, Sie bezeichnen ihn dann als „absolut notwendige Angelegenheit“.

Keine Frage: Krieg ist tatsächlich eine schreckliche Angelegenheit. Dennoch gibt es einige Situationen, in denen ein Krieg – wie furchtbar er auch sein mag – der Alternative vorzuziehen ist. Hätte Abraham Lincoln, um Krieg zu vermeiden, zulassen sollen, dass die Sklaverei weiterbestanden hätte? Hätten England und Frankreich, um den Frieden zu bewahren, Hitler freie Hand lassen sollen? Hätte Israel 1967 zulassen sollen, von den Armeen der umgebenden arabischen Staaten überrollt zu werden und seine Bevölkerung niedermetzeln zu lassen? Anders ausgedrückt: Es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt – auch wenn das Krieg und Blutvergießen bedeutet.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Art, wie Frauen seit 1970 in das Heer eingegliedert wurden, sei eine Katastrophe gewesen. Für wen – und warum?

Es ist eine Katastrophe für Frauen, denn: Wenn sie so tun, als ob sie Männer wären und versuchen, wie Männer zu trainieren, tragen sie zehnmal so viele Verletzungen wie Männer davon. Einschließlich langfristiger Gefährdungen für ihre Gesundheit und ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen. Und es ist eine Katastrophe für das Militär, weil es das zugrunde gerichtet hat, was vielleicht der wichtigste Grund ist, warum Männer kämpfen: Nämlich, um Frauen zu verteidigen und sie zu beeindrucken.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Begriff „Gender norming“?

„Gender norming“ bedeutet der missglückte Versuch, so zu tun, als ob Männer und Frauen in jeder Hinsicht gleich seien. Wie beispielsweise dann, wenn der frühere Generalstabschef der US-Streitkräfte, Martin Dempsey, fordert, dass jede Art von Übung, die für Frauen zu schwer ist, um an ihr teilzunehmen, mit einer ausführlichen Erläuterung begleitet werden muss, wozu sie benötigt wird. Das Ergebnis ist, dass die sprichwörtliche Kolonne nur so schnell vorwärtskommen kann, wie das langsamste Schiff aller Schiffe, aus denen sie sich zusammensetzt.

Gibt es beim Militär noch weitere Privilegien für Frauen?

Die Situation ist von Militär zu Militär verschieden. Im Allgemeinen gehören zu den Begünstigungen jedoch die Befreiung von der Registrierung zum Wehrdienst; die Befreiung von der Wehrpflicht (in den meisten Ländern, in denen diese existiert); ein weniger anstrengendes Training; ein leichterer Zugang zu höheren Dienstgraden, was bedeutet, dass im Vergleich zu den Männern relativ mehr Frauen Offiziere werden; sowie alle möglichen Privilegien in Bezug auf Schwangerschaft, Geburt und Stillzeiten. Die verfügbaren Statistiken zeigen zudem tendenziell, dass Frauen es eher schaffen, von Kriegsschauplätzen, wie Afghanistan, nachhause geschickt zu werden, und dass diejenigen, die gegen Regeln verstoßen haben, vom Militärjustizsystem nachsichtiger behandelt werden.

Gibt es heute noch Bereiche beim Militär, in denen Frauen der Zutritt verwehrt ist?

Offiziell zumindest, nicht viele. Und genau das ist das Problem. Wenn eine Frau das tun kann, was ein Mann tut – warum sollte er sich dann überhaupt anstrengen? Stattdessen wird er mit den Füßen abstimmen.

Ist es ein Tabu in der Gesellschaft, über die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern beim Militär und über die Verbitterung der männlichen Soldaten darüber zu sprechen?

Oh ja, sehr sogar. Ich könnte Ihnen darüber etliche Geschichten erzählen – sowohl aus meiner eigenen Erfahrung als auch aus der anderer Leute. Um nur ein Beispiel zu nennen: Als ich 1992 vor der Kommission von George H. W. Bush über „Frauen im Kampf“ aussagte, befand sich jeder Sachverständiger, der sich gegen ihre Mitwirkung an Gefechten aussprach, entweder bereits im Ruhestand oder stand kurz vor seiner Pensionierung.

Sie kannten die Richtung, aus der der Wind wehte, sehr gut; später ignorierte die Clinton-Administration ihre Argumente. Um das zu verallgemeinern: Das moderne Militär basiert auf einer Lüge. Obwohl jedermann weiß, dass Frauen bevorzugt werden, darf das keiner aussprechen. Und ein Haus, das auf Lügen gegründet ist, kann keinen Bestand haben.

Sie meinen, dass die Verweiblichung der Streitkräfte einen der wichtigsten Gründe zu eliminieren droht, weshalb Männer sich zum Militär melden und kämpfen – „nämlich den Wunsch, sich selbst und anderen ihre Männlichkeit zu beweisen“. Spielt das heutzutage denn noch eine Rolle – seine „Männlichkeit zu beweisen“?

Die größte Anthropologin aller Zeiten war vermutlich Margaret Mead (1901–1978). Sie sagte immer: Das, was in jeder Gesellschaft für Männer wirklich zählt, ist das Bedürfnis, sich von Frauen zu unterscheiden. Durch das Aussehen, durch den Beruf, durch die Beschäftigung – was auch immer. Dem stimme ich zu. Eine Gesellschaft, wie die gegenwärtige westliche, die durch das Gender norming den Männern das nicht ermöglicht, wird mit zwei Möglichkeiten konfrontiert werden. Entweder werden die Männer einfach „aussteigen“, indem sie es eben ablehnen, für die Gesellschaft zu kämpfen. Oder aber, sie werden sich gegen die Gesellschaft wenden, indem sie ihre Zuflucht in der Kriminalität suchen. Beides scheint einzutreten.

Austausch von noch einsatzfähigen Waffen, Bildersturm und „Säuberungsprozesse“ in deutschen Kasernen, pauschale Vorwürfe gegenüber den Führungsebenen (von der Leyen: „Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem“), der Verdacht, die Truppe könne in der Tradition der Wehrmacht stehen – all dies sind nur wenige Anlässe, die kürzlich zu Kritik an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geführt haben. Wie beurteilen Sie diese Vorkommnisse? Und welche Folgen haben sie für die Truppe?

Als Jude und Israeli kann ich nicht sagen, dass ich Bemühungen, einen möglichen Zusammenhang zwischen der Bundeswehr und der Wehrmacht zu kappen, missbillige. Als Militärexperte meine ich jedoch, dass der Versuch, die Tradition abzuschaffen, nur in der entscheidenden Schwächung einer Armee enden kann. Doch das ist natürlich Ihr Problem. Nicht meins.

Wie lässt sich die Krise der westlichen Gesellschaften beheben, um die Bürger ausreichend schützen zu können?

Erforderlich ist eine entschlossene Führung. Und zwar derart, dass die Menschen aus ihrer Lethargie gerissen werden können.