Er verteidigte mit scharfer Feder den Glauben

Der Publizist Joseph Görres in einer neuen Biographie: Immer mit Feuereifer dabei in der ersten Kampfes-Reihe Von Urs Buhlmann

Das Joseph-Görres-Denkmal in den Rheinanlagen von Koblenz. Foto: IN
Das Joseph-Görres-Denkmal in den Rheinanlagen von Koblenz. Foto: IN

Wen sie auf den Glasfenstern Ihres Domes abbilden, den müssen die Kölner schon wirklich mögen: Joseph von Görres war wohl ein solcher. Noch im Kölner Dunstkreis, in Koblenz, war er 1776 geboren worden, und hatte sich das Recht auf visuelle Kommemoration in Gottes großem Haus am Rhein 1841 durch die Mitgründung des Zentral-Dom-Bauvereins verdient. Das ist freilich nicht der einzige Grund, ihn rühmend zu erwähnen. In Erinnerung bleibt der stets kampfeslustige und fröhliche Rheinländer als der wohl bedeutendste katholische Publizist, den unser Land aufzuweisen hat.

Die Historikerin Monika Fink-Lang spannt in ihrer lesenswerten Biographie des rheinischen Feuerkopfes den Bogen von den revolutionären Anfängen Görres' in seiner geliebten Heimat über einen zunächst für liberale Ideale streitenden Publizisten, der zeitweise im französischen und schweizerischen Exil leben musste, bis zum Repräsentanten der Heidelberger Romantik und zum geachteten Münchener Universitätsprofessor, der unbeirrt für die Rechte der Kirche eintrat.

Der junge Gymnasiast in Koblenz hatte, von liberalen Priestern unterrichtet, revolutionäre Luft eingeatmet und dabei seinen Kinderglauben eingebüßt. Weil das Studium der Medizin in Bonn aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, will er nun, im Glauben an die Möglichkeit des moralischen Fortschritts der Menschheit, den bald auch in seiner Heimatstadt einziehenden Franzosen mit Wort und Tat zu Hilfe kommen. Schon das erste literarische Werk des 19-Jährigen, eine recht geschmacklose Satire über einen vor der Hinrichtung stehenden französischen Bischof, der sich mit den Idealen der Revolution auseinandersetzt, lässt das große polemische Talent des Schreibers erkennen, das ihn zeitlebens nicht verlassen wird. Es ging ihm damals um den möglichst baldigen Anschluss des Rheinlands an Frankreich. 1795 stand er damit keineswegs alleine da. Folgerichtig begrüßt Görres wenig später auch das Ende des Heiligen Römischen Reiches. Dieses „gutmüthige Geschöpf“, dessen Lieblingsbeschäftigung „die kopfbrecherischen Arbeiten des Antiquars und des Mönchs“ gewesen waren, sei, so Görres, Jahrhunderte hindurch in staubigen Archiven durch seinen Hang zum sitzenden Leben und seinen Eifer für die Religion immer mehr entkräftet worden, wozu zur Zeit des 30-jährigen Krieges noch heftige Blutstürze getreten seien, bis die Franzosen nun dieser Existenz ein Ende gemacht hätten. Der Reichstag werde nun mit allen seinen adligen Ständen „geschlossen und versiegelt“, alle Nonnen den Mönchen vermacht und das Gehirn des Verstorbenen, „wenn sich welches vorfindet“, dem Wiener Ministerium überstellt. Wer so schreibt, läuft Gefahr, dass ihm aus der eigenen Feder Ärger erwächst, umso mehr, wenn sich die politische Großwetterlage verändert. Sehr ernüchtert kommt er von einer Reise ins unruhige Paris zurück, muss erkennen, dass er sich in seinen Träumen einer linksrheinischen Republik getäuscht hat. Privates Glück, die Ehe mit einer Koblenzer Patriziertochter und eine bescheidene Anstellung als Gymnasiallehrer, ersetzt nun zunächst die politische Agitation.

Bald machte sich der junge Lehrer aber mit naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Schriften von neuem einen Namen und erweitert sein Wissen durch eine geradezu maßlose Lektüre. Mehr und mehr kennen und lesen ihn, so auch Goethe, der anmerkt, man müsse sich den jungen Autor merken. Görres interessiert nun vor allem die Frage, was der rechte Weg zur Gotteserkenntnis und wie der Rang von Religion und Wissenschaft zu bemessen sei. Sein Ansatz ist dabei ein versöhnender: „Der Gott der Mythe ist ein poetischer Gott, der die Glückseligkeit aller Geschaffenen will, und daher ein Gott für alle Menschen, während der Gott der Wissenschaft als „Ideengott“ nur ein „Gott der Weisen und des Forschers ist, der sich durch Spekulation zu ihm erheben kann“. (Fink-Lang) Glaube und Religion gehören nach Görres mehr dem Süden an, dem „die reiche Einbildungskraft und die Leidenschaftlichkeit näherstehen“, Vernunft und Erkenntnis mehr dem Norden. So seien auch die beiden christlichen Konfessionen jeweils Ausprägungen dieser Pole. Doch weder die Wissenschaft noch der Weg des Glaubens allein kann zum Ziel führen. Ein Drittes müsse sich dazugesellen. Erst wenn Philosophie, Religion und Moral zusammenkommen, werden sie „ein vollkommenes Abbild der Gottheit miteinander setzen und in ihm die Göttlichkeit nach allen ihren Tendenzen begreifen“.

Es geht Görres also um Synthese, um Zusammenführung insbesondere der verschiedenen philosophischen Systeme. Es verlangt ihn nun nach einem Lehrstuhl, von wo er seine Ideen dem akademischen Publikum vortragen kann. 1806 geht es zunächst nach Heidelberg, wo er Dozent in Philosophie und Philologie werden kann. Nur im Rahmen einer Ausnahmeregelung war dies möglich, denn Görres ist weder promoviert noch habilitiert. Doch denkt seine Biographin hoch über die kurze Zeit Görres' in Heidelberg: „Man kann mit einigem Recht behaupten, dass es ohne Görres (...) die Heidelberger Romantik so nicht gegeben hätte, dass er es war, der die Universitätsstadt erst mit geistiger Hochspannung erfüllte und aus ihrem Dornröschenschlaf erweckte.“ Eichendorff, Arnim, Brentano sind die Namen einiger Akteure und Mitglieder des Freundeskreises von Görres. Zwar mit monotoner Stimme, aber frei hält Görres Vorlesungen zur Physiologie und zur Ästhetik und beteiligt sich im übrigen lustvoll an jahrelangen und erbitterten Auseinandersetzungen mit dem Philologen Johann Heinrich Voß, der in der aufkommenden Geistesrichtung der Romantik (der er auch Görres zuzählt) einen Angriff auf den von ihm allein geschätzten Rationalismus der Aufklärung sah.

Unter anderem Voß ist es zuzuschreiben, dass Görres sich nach zwei Jahren als Koblenzer Gymnasiallehrer wiederfindet, allerdings als ein mittlerweile im ganzen geistigen Deutschland bekannter Mann. Er war wichtig genug, dass man vor ihm als einem „Mystiker“ warnte, der die Studenten mit krausen Ideen fütterte. Dass er in jenen Jahren Freimaurer wurde, hat wohl mehr mit der Loge als Ort sowohl der politischen Diskussion als auch sinnfreier Geselligkeit zu tun. In freien Stunden gibt sich Görres, wie sein Freund Arnim sagt, „entfernten“ Studien hin.

Seine geistige Spannkraft kommt ihm zugute, als er 1814 den „Rheinischen Merkur“ als Organ alter Reichsherrlichkeit und eines scharf anti-französischen Kurses redigiert. Eine derartig wortgewaltige Klinge führte Görres, dass man von der „fünften Großmacht“ gegen Frankreich sprach. Zunächst mit ausdrücklicher Billigung des Freiherrn vom Stein und als quasi preußisches Organ angelegt, schaffte es der ungestüme Redakteur, der für Pressefreiheit einsteht, sich mit Berlin, das ein waches Auge auf ihn hat, zu zerstreiten. Das Blatt wurde verboten und er von seinem Koblenzer Schulamt abgesetzt. Als schließlich ein Haftbefehl ergeht, lebte Görres (ohne Familie, die er furchtbar vermisste) in Straßburg und dann in der Schweiz. Frucht dieser Exilzeit ist allerdings seine Wiederannäherung an die Kirche, stimmig zu seiner romantischen und restaurativen Gedankenwelt. Monika Fink-Lang urteilt zu Recht, dass Görres nie „ganz weg“ war, dass er immer zwischen dem Glauben und der Kirche als politischer Macht, die er ablehnte, zu unterscheiden wusste. Wieder greift er kämpferisch zur Feder, diesmal aber ab 1824 für die ursprünglich in Mainz gegründete Zeitschrift „Der Katholik“, die sich gegen aufklärerische Gedanken und den freidenkerischen Vernunftglauben des Deismus wandte. Auch in seinen beruflichen Verhältnissen gibt es eine Konsolidierung, als König Ludwig I. von Bayern ihn zwei Jahre später als Professor der Geschichte an die neue Universität München beruft. Dort sollte nun bis zu seinem Tod am Vorabend der neuen Revolution 1848, die er kommen sah und vor der er warnte, Wirkungs- und Lebensort sein.

Sein faszinierendes Leben wird von Monika Fink-Lang lebendig und gut in die Zeit eingebettet nacherzählt. Geradezu schmerzlich wird einem deutschen Katholiken des 21. Jahrhunderts dabei vor Augen geführt, dass wir einer so wortmächtigen und kampfesmutigen Gestalt wie Görres heute entbehren müssen, wo Kirche und Christentum wieder einmal um den Stand in Staat und Gesellschaft kämpfen.

Monika Fink-Lang: Joseph Görres Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2013, 384 Seiten, ISBN 978-3-506-77792-8,

EUR 39,90