Eine unumstößliche Entscheidung zur Selbsttötung

Plattitüde als Argument: Der Spielfilm „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ plädiert für Beihilfe zum Suizid. Von José García

Mit Hilfe ihres Mannes hat die unheilbar kranke Esther (Ghita Noerby, Mitte) ihren Suizid von langer Hand geplant. Sie möchte mit ihren Töchtern Sanne (Danica Curcic, links) und Heidi (Paprika Stehen) ihr letztes Wochenende verbringen. Foto: movienet
Mit Hilfe ihres Mannes hat die unheilbar kranke Esther (Ghita Noerby, Mitte) ihren Suizid von langer Hand geplant. Sie m... Foto: movienet

Beihilfe zum Suizid steht im Mittelpunkt von Spielfilmen, seit 2005 zwei Filme mit diesem Sujet bei der Oscarverleihung ausgezeichnet wurden. Wird in Alejandro Amenábars „Das Meer in mir“ unverblümt für Sterbehilfe Partei ergriffen, weil sich der querschnittsgelähmte Protagonist jeglicher Diskussion mit dem Totschlagargument entzieht: „Urteile nicht über mich. Wenn du mich wirklich liebst, hilf mir zu sterben“, so erscheint in Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ demgegenüber der Boxtrainer, der sich zur Beihilfe zur Selbsttötung hinreißen lässt, als von dieser Tat gebrochener Mann, der „nie wieder zu sich finden“ wird. „Liebe“ (Michael Haneke, 2012), der die Goldene Palme in Cannes und den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film gewann, setzt ebenso wie „Das Meer in mir“ auf Überwältigung des Zuschauers, um Sterbehilfe als ein Akt der Liebe darzustellen. Thematisiert wird Beihilfe zur Selbsttötung ebenfalls in zwei deutschen Filmen aus demselben Jahr 2012: In „Ruhm“ adaptiert Regisseurin Isabel Kleefeld den gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann. Eine der sechs Geschichten, die der Episodenfilm miteinander verknüpft, handelt von einer todkranken älteren Frau, die bei einem Schweizer Sterbehilfeverein „Erlösung“ von ihrem Leiden sucht. Im entscheidenden Augenblick mag sie sich indes vom Leben nicht trennen.

Noch deutlicher als in „Ruhm“ kommt die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe in Friedemann Fromms in einer nahen Zukunft angesiedelten Fernseh-Spielfilm „Komm, schöner Tod“ zum Ausdruck. Der Film verdeutlicht die Folgen einer Freigabe der aktiven Sterbehilfe, insofern er den Weg von der sterbenswilligen Einzelperson bis zur Kommerzialisierung des Sterbens als fließenden Prozess darstellt. Eine totgeweihte ältere Frau steht ebenfalls im Mittelpunkt des nun im regulären Kinoprogramm anlaufenden Spielfilms „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ von Bille August: Esther (Ghita Noerby) und ihr Mann Poul (Morten Grunwald), beide um die 70 Jahre alt, haben ihre Kinder zu sich, in ihr Haus auf dem Land eingeladen. Esther leidet an der unheilbaren Amyotrophen Lateralsklerose (ALS).

Die ältere Dame fürchtet die Lähmung ihres Körpers

Was das bedeutet, verdeutlicht Regisseur Bille August an mehreren Stellen: Einmal lässt Esther beispielsweise ein Glas fallen. Als ihr ein Lippenstift auf den Boden fällt, bereitet es ihr unendliche Mühe, ihn aufzuheben. Und die Krankheit schreitet unaufhaltsam fort. Deshalb hatte die Familie vor einigen Monaten versprochen, Esther beim Freitod zu unterstützen. Die alte Dame ist entschlossen, selbst den Zeitpunkt ihres Todes festzulegen. Das Schreckliche an ALS besteht darin, dass der Körper immer mehr gelähmt wird, bis der Kranke nichts mehr, kaum noch die Augen bewegen kann, während der Geist wach bleibt. Dies möchte Esther keineswegs erleben. Sie meint, der Augenblick sei nun gekommen, aus dem Leben „in Würde“ auszuscheiden.

Während die Familienmitglieder am Freitagnachmittag eintreffen, fällt dem Zuschauer die Weite der Landschaft auf. Die Abgeschiedenheit des Hauses spielt ebenso wie das Wechseln zwischen der weiten Natur und dem Hausinneren eine Rolle in der Dramaturgie von „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“. Gleichwohl vergeht die meiste Filmzeit im Hausinneren. Dies und die überschaubare Zahl der Figuren – acht insgesamt – verleihen dem Film eine kammerspielartige Anmutung.

Als erste trifft Esthers älteste Tochter Heidi (Paprika Steen) mit ihrem Mann Michael (Jens Albinus) und Sohn Jonathan (Oskar Saelan Halskov) ein. Sie hat den Entschluss ihrer Mutter akzeptiert und die feste Absicht, ihr in den nächsten Tagen jeden Wunsch zu erfüllen. Die zweite Tochter Sanne (Danica Curcic) kommt mit ihrem Freund Dennis (Pilou Asbaek). Die beiden Schwestern scheinen ziemlich gegensätzlich zu sein. Nicht nur die gut bürgerliche Kleidung Heidis kontrastiert mit dem legeren Äußeren der Jüngeren. Hat die Ältere eine richtige Familie mit Mann und Kind, so zeichnet sich Sannes Beziehung zu Dennis offenbar durch Unstetigkeit aus. Deshalb kann Heidi nicht verstehen, dass Sanne zu diesem so folgenschweren Wochenende ihren Freund mitbringt. Als achte Figur im Ensemble trifft ebenfalls Esthers beste Freundin Lisbeth (Vigga Bro) ein. Mit ihnen allen möchte Esther an diesem Wochenende Weihnachten feiern, auch wenn es dafür eigentlich zu früh ist.

Obwohl Sanne zunächst einmal entschlossen ist, den Selbstmord ihrer Mutter zu verhindern, und sich Heidi zwischenzeitlich ihr anschließt, wird in „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ kaum über die eigentliche Frage gesprochen. Zwar findet etwa Erwähnung, dass Beihilfe zum Suizid gesetzlich verboten sei und dass jetzt der „richtige“ Zeitpunkt sei, weil dies noch kaschiert werden könne. Über den Sinn eines solchen Verbots verliert in Augusts Film aber niemand ein Wort. Stattdessen sprechen sich Regisseur Bille August und sein Drehbuchautor Christian Torpe von Anfang an für den, wie es heißt, „selbstbestimmten Tod“ aus. Ähnlich im eingangs erwähnten „Das Meer in mir“ legen die Filmemacher Esther ein Totschlagargument in den Mund: „Ich habe keine andere Wahl – ich kann nicht anders“.

Weil der Ausgang von vorne herein feststeht, wirkt „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ wie eine Versuchsanordnung ohne jegliche Emotionalität, bei der jede Figur für eine bestimmte Position steht. Zwar sind insbesondere die drei Darstellerinnen Ghita Noerby, Paprika Stehen und Danica Curcic sichtlich bemüht, ihre Figuren mit Leben zu füllen. Dennoch wirken die Figuren eher holzschnittartig.