Eine ungeheuerliche Anschuldigung

Der Kinofilm „Die Jagd“ und der Fernsehfilm „Einfach die Wahrheit“ behandeln das Thema Missbrauch. Von José García

Der verzweifelte Lucas (Mads Mikkelsen, links) versucht in „Die Jagd“, seinem ehemals besten Freund Theo (Thomas Bo Larsen) klar zu machen, dass die durch dessen Tochter Klara vorgebrachten Anschuldigungen sexueller Belästigung falsch sind. Foto: Wild Bunch
Der verzweifelte Lucas (Mads Mikkelsen, links) versucht in „Die Jagd“, seinem ehemals besten Freund Theo (Thomas Bo Lars... Foto: Wild Bunch

Kindesmissbrauch stand in den letzten Jahren insbesondere im Zusammenhang mit katholischen Geistlichen in den Schlagzeilen. So abscheulich dies gerade bei Priestern auch ist, statistisch handelt es sich dabei um eine kleine Minderheit. Bei Kindesmissbrauch ist „Tatort meistens die Familie“, so Bärbl Meier vom Verein „Wildwasser“, der Missbrauchsopfer berät: „Fremde machen rund fünf Prozent der Täter aus“, sagt Meier. Dagegen sind 22 Prozent Bekannte, sogar 60 Prozent Verwandte. In fast jedem dritten Fall der leibliche Vater. Dies ist längst auch in der Fiktion von Spielfilmen angekommen. Wie es der Zufall will, startet im Kino die dänisch-schwedische Produktion „Die Jagd“ am selben Tag, an dem die ARD einen Fernsehfilm über das gleiche Thema ausstrahlt: Vivian Naefes „Einfach die Wahrheit“.

„Die Jagd“ („Jagten“) beginnt mit einer feucht-fröhlichen Feier an einem Badesee nach einer Jagd. Zur Gruppe enger Freunde in der dänischen Kleinstadt gehört auch Lucas (Mads Mikkelsen), der nach der Schließung der örtlichen Schule nun im Kindergarten arbeitet. Lucas ist geschieden. Seinen Sohn Marcus (Lasse Fogelstr?m) darf er nur alle 14 Tage sehen. Dennoch scheint Lucas mit seinem Leben zufrieden zu sein. Er hat jedenfalls viel Spaß, im Kindergarten mit den Kindern herumzutollen und insbesondere mit den Jungs Fußball zu spielen. Zur Kindergarten-Aushilfe Nadja (Alexandra Rapaport) spürt er eine aufkeimende Zuneigung, die offenkundig von ihr erwidert wird. Zur Familie seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen) hat er auch ein gutes Verhältnis. So bringt er Theos kleine Tochter Klara (Annika Wedderkopp) nach Hause, wenn sie sich wieder einmal verlaufen hat, oder auch zum Kindergarten, wenn sich Klaras Eltern streiten. Klara mag Lucas, ja sie mag ihn so sehr, dass sich die Kleine gekränkt fühlt, als der Kindergärtner Klaras selbst gebasteltes Herz gar nicht als Geschenk annehmen will und sie zurechtweist, weil sie ihm einen Kuss auf den Mund gibt. Aus dieser Enttäuschung heraus erzählt das Mädchen der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold), dass sich Lucas ihr sexuell angenähert habe. Die Details holt sie sich aus dem Pornobild, das sie auf dem Handy ihres großen Bruders gesehen hat. Was nun folgt, ist eine regelrechte Jagd auf den bis dahin allseits beliebten Mann, der nun in der ganzen Stadt zur persona non grata wird.

Mit verwackelten, entsättigten Bildern verdeutlicht Regisseur Thomas Vinterberg, wie einem unschuldigen Mann der Boden unter den Füßen weggezogen wird, was sich in Großaufnahmen in Lucas‘ Gesicht widerspiegelt. Eindringlich erzählt „Die Jagd“, wie eine durchaus gebotene Wachsamkeit in eine Vorverurteilung umschlägt, wenn etwa seitens eines Psychologen Suggestivfragen gestellt und dadurch eine Kindergartenleiterin vorschnell Schlüsse zieht, und wie schnell eine Existenz zerstört werden kann. Mads Mikkelsen, der für diese Rolle auf dem Filmfestival Cannes 2012 den Darstellerpreis gewann, zeigt auf seinem Gesicht alle Empfindungen von Erstaunen über Ratlosigkeit bis hin zur Enttäuschung. Die erst siebenjährige Annika Wedderkopp gestaltet aber nicht weniger nuancenreich, wie Klara zwischen Kränkung und Liebe zur Wahrheit hin- und herschwankt, ohne ganz zu ermessen, was sie mit ihrer Aussage bewirkt hat.

Demgegenüber stellt der deutsche Fernsehfilm „Einfach die Wahrheit“, den die ARD am Donnerstagabend ausstrahlt, die Frage der Autorschaft in den Mittelpunkt. Hat der gutsituierte Roman Giesecke (Heiner Lauterbach) seine achtjährige Tochter Laura (Paula Hartmann) sexuell belästigt oder nicht? Während einer Vorvernehmung durch eine Gerichtspsychologin belastet Laura zwar ihren Vater. Die Staatsanwältin Charlotte Reinke (Katja Flint), die erst kürzlich aus dem Wirtschaftsressort zur Sitte gewechselt ist und aus deren Perspektive der Film erzählt, wird jedoch stutzig, als sie nach diesem Termin beobachtet, wie unbefangen die Tochter mit dem Vater umgeht. Hat Laura womöglich ihre Aussage nur unter dem Einfluss ihrer Mutter Brigitte (Ursina Lardi) gemacht, die nach der Scheidung Roman einfach schädigen will? Bei der Hauptverhandlung widerruft das Kind denn auch die Aussage. Der Staatsanwältin gelingt es jedoch, eine Vertagung des Prozesses zu erreichen. Um Abstand zu gewinnen, zieht sich Charlotte mit ihrem Lebensgefährten Rainer (Hannes Jaenicke) ins Wochenendhäuschen zurück. Als völlig überraschend die kleine Laura dort auftaucht, nehmen Charlottes Ermittlungen eine neue Wendung.

Weil sich „Einfach die Wahrheit“ auf die Frage konzentriert, ob sich nun Roman Giesecke schuldig gemacht hat oder nicht, wird aus dem Psychothriller ein gewöhnlicher Krimi. Spannung steht an oberster Stelle, selbst wenn die Drehbuchautoren Hardi Sturm und Peter Lohner dafür immer wieder neue Wendungen in die Handlung hineinbringen müssen, und seien sie noch so unglaubwürdig. Woher weiß etwa die achtjährige Laura, mit welchem Bus sie zu Charlottes Wochenendhäuschen fahren soll? Trotz der guten Schauspieler bleiben deren Figuren blass, denn ein tiefer Einblick in die Psychologie von Roman und Brigitte Giesecke wäre wohl auf Kosten der Spannung gegangen.

– „Die Jagd“, Regie: Thomas Vinterberg, 111 Minuten, ab dem 28.3. im Kino

– „Einfach die Wahrheit“, Regie: Vivian Naefe, Donnerstag, 28.3., 20.15 Uhr, 90 Minuten, ARD.