Eine lebendige Darstellung der antiken Welt

Das Buch hebt interessante Aspekte der alten Kulturen hervor, hat aber auch Schwächen bei der Deutung der Religion. Von Clemens Schlip

Statue des Sokrates, der bereits für das Menschenrecht eintrat. Foto: IN
Statue des Sokrates, der bereits für das Menschenrecht eintrat. Foto: IN

Gibt es in unserer Gesellschaft noch ein Interesse an der Antike? Einerseits kann man nicht behaupten, das wäre nicht der Fall. Archäologische Stätten werden von Touristen gerne aufgesucht und in den Medien beworbene Ausstellungen sind mitunter sogar überfüllt. An jenen Orten, wo man der Antike in materiell fassbaren Relikten begegnen kann, scheint mithin kein Mangel an Besuchern zu herrschen. Anders fällt die Antwort aus, wenn man sich fragt, wer heute beispielsweise noch antike Schriftsteller liest. Und damit ist hier nicht die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Texten gemeint, sondern eine Lektüre aus reinem Interesse, von der Hoffnung geleitet, etwas für das eigene Leben Wichtiges zu erfahren, oder auch einfach nur zum Vergnügen. Das scheint weit weniger verbreitet zu sein. Als Hinführung zu einer solchen Art der Begegnung mit der Geisteswelt der Antike erscheint der Sammelband „Wege in die Welt der Antike“ von Kurt Roeske, in dem der Autor sich in zehn Aufsätzen mit Dichtung, Philosophie, Religion und Politik in der antiken Welt und deren Rezeption in späteren Zeiten beschäftigt.

Hervorgegangen ist der Band aus Vorträgen, die der klassische Philologe und frühere langjährige Leiter des Mainzer Rabanus-Maurus-Gymnasiums in Volkshochschulkursen vor einem interessierten Publikum gehalten hat. Der Vortragsstil ist in der Buchausgabe beibehalten worden, was zu einer gewissen Verlebendigung der Ausführungen beiträgt. Roeskes Ausführungen beruhen stets auf dem neuesten Forschungsstand und beziehen mitunter auch aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen mit ein. Dass eine solche Auswahl nicht alle Aspekte des antiken Geisteslebens umfassen kann und vieles außen vor bleiben muss, versteht sich von selbst. Dafür sind die Ausführungen zu den behandelten Themen trotz des knapp bemessenen Raumes im Allgemeinen gründlich und gedankenvoll. Bedauerlich ist freilich die ungleiche Gewichtung der einzelnen Themenfelder. Der Bereich „Politik“ kommt mit einem einzigen Beitrag entschieden zu kurz, zumal es sich dabei um einen ziemlich knappen Vergleich von Gefallenenreden des athenischen Staatsmanns Perikles, Abraham Lincolns und Angela Merkels handelt, dessen Resultate eher mager ausfallen. Besser funktioniert der vergleichende Ansatz im Themenfeld „Dichtung“: Dort orientieren zwei Beiträge über die literarischen Ausformungen und Wandlungen der Gestalten der Antigone und der Medea und der mit ihren Namen verbundenen grundsätzlichen Fragen von den klassisch-athenischen Dramatikern Sophokles und Euripides bis in die Gegenwart. Es ist gut, dass Roeske die einzelnen Beispiele nicht nur einfach referiert, sondern auch kritisch bewertet, und eine „misslungene Medea-Rezeption“ eines modernen Autors auch als solche benennt. Roeske spannt bei diesen literaturgeschichtlichen Überblicken einen weiten Bogen, der neben bekannten Werken wie etwa Christa Wolfs MedeaRoman auch noch recht unbekannte neueste Adaptionen der alten Stoffe einschließt.

Im Themenfeld „Philosophie“ findet sich eine interessante Studie über das Konzept der Menschenwürde bei Sokrates und im Christentum, sowie Einführungen in die philosophischen Schulen der Stoa und des Epikureismus. Dabei findet etwa auch Robert Spaemanns Kritik an der epikureischen Glückslehre die ihr gebührende Erwähnung.

Im Bereich „Religion“ greift Roeske einige grundsätzliche Fragen auf und erläutert die Eigentümlichkeiten der altgriechischen homerischen Götterwelt und das Wesen des griechischen Mythos. Ein weiterer Beitrag beleuchtet den traditionellen Polytheismus der antiken Kultur und kontrastiert ihn mit dem christlichen Monotheismus, der in der Spätantike den Sieg über ihn davontrug. Das Urteil Roeskes bleibt dabei sonderbar in der Schwebe. Einerseits wird das positive Neue durchaus anerkannt, das mit dem Christentum in die Welt kam (etwa das tiefere innere Verhältnis des Einzelnen zu Gott oder der entschiedene Glauben an das Leben im Jenseits). Andererseits schimmert eine gewisse Verharmlosung der christenfeindlichen Maßnahmen im römischen Reich durch. Zudem scheint Roeske der bekannten These Jan Assmanns, der Monotheismus sei grundsätzlich intolerant und gewaltsamer als der Polytheismus, im Ganzen eher zuzustimmen. Diese Inkohärenz hat ihren Grund wohl in einem gewissen Defizit, das man dem Buch auch an anderen Stellen vorwerfen muss: dass der Autor das aus vielen verschiedenen Quellen stammende Material bisweilen einfach nur zusammengestellt, aber nicht wirklich in einer Synthese zusammengeführt hat. Dieser Mangel beeinträchtigt den positiven Gesamteindruck etwas, hebt ihn aber nicht auf.

Fazit: Kein Buch für Fachleute und Kenner, aber durchaus geeignet für Leser, die wenig über die Antike wissen und sich über einige wichtige Aspekte der antiken Geisteswelt näher orientieren wollen.

Kurt Roeske, Wege in die Welt der Antike. Über Dichtung und Religion, Philosophie und Politik, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2014, 267 Seiten, ISBN 978-3-8260-5581-2,

EUR 32,-