„Eine Welt ohne Gott ist ohne Hoffnung“

EU-Ratspräsident Herman van Rompuy entpuppt sich als nachdenklicher christlicher Intellektueller. Von Stephan Baier

Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates. Foto: dpa
Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates. Foto: dpa

Es gibt sie also doch noch: die echten Christdemokraten in der Politik, die ihren Glauben weder ideologisiert noch in den privaten Andachtswinkel verbannt haben, sondern als gläubige Christen durch ihr politisches Handeln die Gesellschaft ein Stück christlicher und somit menschlicher zu machen suchen. An der Wiege des vereinten Europa standen solche Christdemokraten: Robert Schuman, Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer. Dass an der Spitze des Europäischen Rates heute ein wahrer Christdemokrat steht, blieb den meisten Europäern wohl bisher verborgen. Doch Herman van Rompuys 2007 in Leuven (Löwen) auf Niederländisch und nun auch auf Deutsch erschienenes Buch „Christentum und Moderne“ lässt keinen Zweifel daran.

Hier schreibt ein politisch aktiver Intellektueller, der davon überzeugt ist, „dass das Christentum die Antwort auf eine Sehnsucht der Menschen und der Gesellschaft ist“, der die Krise der Kirche weder abstreitet noch schönredet, aber der Kirche dennoch entscheidende Antworten zutraut. Durchaus autobiografisch schreibt der frühere Ministerpräsident Belgiens und heutige EU-Ratspräsident: „Der christliche Intellektuelle steht seiner Kirche und seinem Gott zur Verfügung. Er sollte jedoch sein eigenes Projekt entwerfen.“ Van Rompuy selbst sieht „die größte Aufgabe dieses Jahrhunderts“ darin, „die Verbundenheit der Menschen untereinander im Kleinen zu stärken“. Dem dient er seit Inkrafttreten des EU-Vertrags von Lissabon als dauerhafter Ratspräsident der Europäischen Union.

Der Essayband des Vaters von vier Kindern kreist um die Herausforderungen des christlichen Laien in der modernen Gesellschaft, zumal auch in der Politik, um die Bewahrung einer „Spiritualität der Laien, die das Sakrale im Menschen erlebbar macht“.

Der Autor ist kein Theologe oder Philosoph, sondern ein Wirtschaftswissenschaftler und Spitzenpolitiker der ersten Reihe, der aber das geistliche Defizit unserer Tage durchschaut hat, und ihm mit seinen Mitteln entgegenzuwirken trachtet. „Eine Welt ohne Gott ist eine Welt ohne Hoffnung“, schreibt van Rompuy, der für „ein Leben in eschatologischer Perspektive“ wirbt. Dass diese das gesellschaftliche Engagement nicht hemmt, sondern fördert, versucht er zu zeigen und vorzuleben: „Ein Merkmal des Christentums ist die Verantwortung des Einzelnen. Ich werde nach meinen Taten beurteilt. Der Mensch muss sich verändern, sich bekehren.“

Auch auf die Gefahr hin, als vormodern und pessimistisch abgestempelt zu werden, setzt sich Herman van Rompuy kritisch mit den Moden und Trends der Gegenwart auseinander: Unsere Gesellschaft sei von Gewinnmaximierung und der Abwesenheit eines moralischen Korrektivs geprägt, so der heutige EU-Ratspräsident. Und weiter: „Gott ist in dieser Welt so fern, dass wir uns extrem anstrengen müssen, um ihn wiederzufinden.“ In der Überzeugung, dass der Christ seine moralische Haltung „nicht von der Konjunktur abhängig machen“ darf, wirbt der Autor für ein offensives Engagement. Etwa für die Familie: „In den Familien wird die Schlacht geschlagen, hier entscheidet sich, ob wir in einer hartherzigen Gesellschaft leben oder in einer, die von menschlicher Wärme und echter Solidarität geprägt ist.“

Manche These des belgischen Spitzenpolitikers provoziert zum Widerspruch oder zur Differenzierung, etwa wenn er schreibt, dass die Kirche „nicht nur die wissenschaftliche und die soziale, sondern auch die sexuelle Revolution verpasst hat“. Manche Stelle seines Buches wird der Präsident des Europäischen Rates heute wohl eher nicht öffentlich diskutieren wollen, etwa dass er Silvio Berlusconi hier als „Betrüger und Bestecher“ bezeichnete. Insgesamt aber verdient dieses kluge und tiefe Plädoyer eines nachdenklichen Christdemokraten eine breite Aufmerksamkeit.

Er hat die viel diagnostizierte „Krise der Kirche“ ganz richtig als „Krise des Glaubens“ durchschaut. Und im Gegensatz zu vielen selbsternannten Kirchenreformern hat er auch die Quelle wahrer Reform erkannt: Der Gläubige, so schreibt Van Rompuy, „überlässt sich Gott und vertraut darauf, dass er ihn letztlich nicht im Stich lässt, denn wenn er der Quell allen Lebens ist, wird er auch gewollt haben, dass dieses Leben ein Ziel hat“. Das Christentum sei deshalb „eine lange Liebesgeschichte“ und „nicht möglich ohne Christus“. Weiter bekennt Van Rompuy: „Er ist der einzige religiöse Held, der gelitten hat und unschuldig getötet wurde. Der Held des Christentums wurde hingerichtet.“ Als Kind des 20. Jahrhunderts weiß der Autor, dass die proklamierte Abschaffung Gottes auch den Menschen bedroht. Deshalb lautet sein Plädoyer: „Essenziell ist es, die Präsenz Gottes zu gewährleisten; alles andere kommt von selbst.“

Dies hält er wohlgemerkt nicht für eine exklusive Aufgabe der Bischöfe, Priester und Theologen, sondern ausdrücklich der christlichen Intellektuellen. Einen solchen in diesen Zeiten an der Spitze der Europäischen Union zu wissen, hat etwas Beruhigendes und Herausforderndes zugleich. Mag auch seine Selbsteinschätzung zutreffen, dass ihm „Profilierung, Kampagne, öffentliche Wahrnehmung und der ganze Rummel“ einfach nicht liegen. Dennoch werden Christen erfreut zur Kenntnis nehmen, dass hier jemand an der Spitze steht, der nicht ein selbstgerechter Scharlatan ist, sondern ein aufrechter christlicher Denker.

Herman van Rompuy: „Christentum und Moderne. Werte für die Zukunft Europas“, aus dem Niederländischen übersetzt von Karl Georg Cadenbach. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 210, 191 Seiten, ISBN 978-3-7666-1395-0, EUR 14,90