Eine Welt ohne Gott führt zur Diktatur

Die zweite Narnia-Verfilmung „Prinz Kaspian von Narnia“ verknüpft eine spektakuläre Inszenierung mit christlichen Symbolen

Mit „Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia“ („The Lion, the Witch and the Wardrobe”, DT vom 06.12.2005) begann im Dezember 2005 die Leinwand-Umsetzung der sieben Fantasy-Romane, die Clive Staples Lewis (1898–1963) in den 1950er Jahren verfasste. An der Kinokasse erntete „Der König von Narnia“ einen überwältigenden Erfolg: Bei Produktionskosten von 180 Millionen Dollar nahm Andrew Adamsons Film weltweit mehr als 740 Millionen Dollar ein.

Obwohl C.S. Lewis selbst für „Die Chroniken von Narnia“ eine nichtchronologische Erzähl-Reihenfolge vorschlug, folgt die Produktionsfirma „Walden Media“ bei den Verfilmungen der chronologischen Folge, so dass nach dem 1950 erschienenen ersten Band nun der 1951 veröffentlichte „Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia“ das Licht der Lichtspieltheater erblickt. Regie führt erneut der Neuseeländer Andrew Adamson.

Erzählen die sieben Narnia-Bücher zwar je eine in sich geschlossene Geschichte, so kann jedoch „Prinz Kaspian von Narnia“ insofern als eine Fortsetzung von „Der König von Narnia“ gelten, als die vier Pevensie-Geschwister erneut nach Narnia reisen. Während aber für Peter (William Moseley), Susan (Anna Popplewell), Edmund (Skandar Keynes) und Lucy (Georgie Henley) lediglich ein Jahr vergangen ist, seitdem sie von Narnia nach London zurückkehrt sind, stellen sie bald fest, dass in der Narnia-Welt 1300 Jahre dahingegangen sind.

Von ihrem ehemaligen Palast Cair Paravel bleiben nur noch Ruinen, von den „Königskindern“, die sie einmal waren, lediglich ins Reich der Legenden übergehende Erinnerungen. Stattdessen regiert nun in Narnia das Volk der „Telmarer“, die Generationen zuvor Narnia überfallen und die ursprünglichen Fabelwesen unterdrückt und fast ausgerottet haben. Die Rolle der Eindringlinge unterstreichen die Telmarer etwa dadurch, dass sie im Original mit Hispano- beziehungsweise Italo-Akzent sprechen. Ihre Kostüme sind läuft Filmproduktionsfirma durch die Gemälde von El Greco inspiriert.

Bereits zu Beginn wird der Zuschauer Zeuge der Grausamkeit der Telmarer. In einer mittelalterlich anmutenden Burg wird ein Kind geboren. Es handelt sich um den Sohn von Lord Miraz (Sergio Castellitto), der seinem Neffen Prinz Kaspian (Ben Barnes) mit an Shakespeare erinnernden Intrigen den Thron streitig macht und nach dem Leben trachtet.

Von seinem bösen Onkel in die Ecke gedrängt, ruft Prinz Kaspian die einstigen Könige und Königinnen von Narnia zurück. Der rechtmäßige Thronfolger der Telmarer bittet die Pevensie-Geschwister um ihre Unterstützung im Kampf gegen Miraz, der sich zum König ausgerufen und gekrönt hat. Den Krieg können sie allerdings nur mit Hilfe der Ureinwohner Narnias, der den Telmarern als mythisch geltenden Zauberwesen, führen. Deshalb suchen Kaspian und die vormaligen Königskinder über die Vermittlung durch den mutigen Zwerg Trumpkin (Peter Dinklage) und dessen Gefährten Nikabrik (Warwick Davis) die Allianz mit den Urvölkern Narnias. Die Zukunft des Fabelreiches entscheidet sich in einer gigantischen Schlacht zwischen der gewaltigen Streitmacht der Telmarer und dem Heer der Narnianer.

In der ersten Narnia-Verfilmung „Der König von Narnia“ blieb in den Anfangsepisoden der Märchencharakter gewahrt, während sich die Inszenierung im Laufe der Handlung immer mehr dem visuellen Konzept der „Der Herr der Ringe“-Filme anglich. „Prinz Kaspian von Narnia“ schließt in seiner Inszenierung dort an, wo „Der König von Narnia“ aufgehört hatte, orientiert sich der zweite Narnia-Film doch von vorne herein an den „Der Herr der Ringe“-Filmen.

Dies äußert sich einerseits in der Kameraführung etwa bei den Luftaufnahmen aus dem Adlerblick und den 360 Grad-Schwenks, andererseits aber auch in direkten visuellen Zitaten etwa der „Könige der Altvorderen“ oder der „Baum-Armee“. In den Kampfszenen folgt die Kamera allerdings dem aktuellen Trend der hyperschnell geschnittenen Bilder, die ja eine gewisse Distanz zum brutalen Geschehen schafft. Insgesamt wirkt „Prinz Kaspian von Narnia“ düsterer als die erste Narnia-Verfilmung. Diese formalästhetische trübsinnige Stimmung korrespondiert mit dem Inhalt, der vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass sich seit Generationen der Löwe Aslan nicht mehr blicken lässt. So ist die Welt ohne Aslan eine schreckliche, grausame Welt.

In der Narnia-Welt wird Aslan freilich als Christusfigur ausgelegt. So erleidet der Löwe in „Der König von Narnia“ den Opfertod, um dann aufzuerstehen. Die Sehnsucht nach Aslan durchzieht den ganzen Film. Sprechen die Telmarer ausdrücklich von Aslan als von „jemand, den es nicht gibt“, so bedarf es des kindlichen Glaubens der kleinen Lucy, um zu erkennen, dass Aslan schon immer da war. Nur dass die Menschen ihn aus ihrem Leben verbannt haben.

In einem auf „kathTube“ verbreiteten Interview äußert sich dazu Douglas Gresham, als Stiefsohn C.S. Lewis' Inhaber der Rechte an Lewis-Werken und darüber hin-aus Co-Produzent der Narnia-Verfilmungen: „Prinz Kaspian von Narnia“ handele von der „Rückkehr zum Glauben an Aslan“. Der Film verdeutliche, „was aus den Telmarern geworden ist, nachdem sie sich von Glaube, Hoffnung, Liebe und Pflicht losgesagt haben“. Ihr Königreich sei eine Diktatur mit einem Brudermörder als König geworden, eine trostlose Welt ohne Lebensfreude. Erst mit der Rückkehr zum Glauben stellten sich Lebensfreude und Freiheit wieder ein.

Obwohl C.S. Lewis den Ausdruck „Allegorie“ für seine Narnia-Bücher abstritt, sind sowohl diese als auch die ersten zwei Verfilmungen von einer christlichen Symbolik durchdrungen. Ebenso wie in den anderen fiktionalen Büchern von C.S. Lewis ist laut Douglas Gresham in den Narnia-Werken die Erzählung nicht von der Theologie zu trennen.

Deutlich wird dies etwa auch in der als Personifizierung des Teufels ausgelegten Figur der Weißen Hexe (Tilda Swinton). Im Gegensatz zum ersten Film hat sie in „Prinz Kaspian von Narnia“ lediglich einen kurzen Auftritt als Versucher. Doch dieser nimmt sich ungleich dramatischer als die Verführungsszenen in „Der König von Narnia“ aus.

Der Film macht es deutlich: Das gottlose Reich der Telmarer stellt eine grausame Welt voller Intrigen mit einem gekrönten Diktator dar. „Prinz Kaspian von Narnia“ handelt eigentlich von der Abwesenheit Gottes und deren Folgen.