Eine Lektion für Jedermann

Christoph Schlingensief eröffnet das diesjährige Berliner Theatertreffen: Mit seinem Bühnenstück „Kirche der Angst“,

einer Mischung aus Anrührendem und Unsäglichem, ist der Regisseur ein Prototyp unserer postsäkularen Zeit.

Warnung! Dieser Theaterabend ist für ahnungslose Säkulare nicht geeignet. Wer sich in Christophs Schlingensiefs „Kirche der Angst“ als a-religiöser Ignorant begibt, dem wird dieser Abend Hekuba sein und bleiben. Schon Nicht-Katholiken werden es mit ihm schwer haben. Denn was Schlingensief als selbsternannter Hohepriester in seinem „Fluxus-Oratorium“ zelebriert, bezieht sich so offensichtlich auf eine römisch-katholische Messe, dass damit auch Christen der Reformation ihre liebe Mühe haben dürften.

Wer eine Monstranz nicht kennt, wer um ihre sakrale Bedeutung nicht weiß, der wird nicht verstehen können, was es heißt, wenn Schlingensief an genau diesem per definitionem kostbaren liturgischen Schaugerät mit einem Fensterbereich, in dem eine konsekrierte Hostie zur eucharistischen Anbetung ausgesetzt wird, das allerheiligste Altarsakrament gegen eine Röntgenaufnahme seiner vom Krebs zerfressenen Lunge austauscht. Selbst wenn das ein gebildeter Säkularer in all seinen Aspekten ausloten könnte, dann wäre er doch kaum in der Lage, die emotionale Achterbahnfahrt nachzuvollziehen, die dieser blasphemische Akt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei einem gläubigen Katholiken auslöst.

Selbst jenen Getauften, die ihren Katholizismus schon lange nicht mehr praktizieren, fällt es erfahrungsgemäß schwer, auch nur zu erahnen, was in einem Gläubigen vorgeht, wenn er miterlebt, wie Christoph Schlingensief an seinem Bühnenaltar die klassischen Wandlungsworte spricht, eigene Kommentare hinzufügt und dabei nach Art eines Priesters mit Hostienschale und Kelch hantiert und abschließend Oblaten austeilt.

Aber um es gleich vorneweg zu sagen: Wer Christoph Schlingensief über den Leisten eines der handelsüblichen Blasphemiker schlägt, deren teils banale, teils widerwärtige Possen nun schon seit Jahrzehnten zum westlich-dekadenten Kunstbetrieb gehören wie der Schwefelgestank zum Herrn der Fliegen, der greift entschieden zu kurz. Sicher: Schlingensief ist immer schon ein egomaner Kunstclown gewesen, dessen Anziehungskraft auf den Kulturmainstream dieser Republik nur dann nachzuvollziehen ist, wenn man seine Inszenierungen als das versteht, was sie sind: nämlich ein immerwährendes Satyrspiel in der Nachfolge des Schamanenhäuptlings Joseph Beuys – der bekanntlich sogar katholische Interpreten in seinen Bann schlagen konnte. Jetzt ist Christoph Schlingensief sterbenskrank. Jetzt hat ihn ein aggressives Karzinom genau dort gepackt, wo er Ein- und Ausatmen muss.

„Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ So steht es in der Genesis. Schlingensief, der getaufte Katholik, hat seinen Lebensodem am 24. Oktober 1960 in Oberhausen erhalten. Nun, wo es für den Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester auf Leben und Tod geht, zeigt er uns, dass er die Bibel kennt und in dem Narren am multikulturellen Hofe der Gutmenschen, Alternativen und Großfeuilletonisten erstaunlicherweise wohl doch immer auch schon ein Künstler verpuppt war, für den seine Kreationen lebensspendende Elixiere sind und also mehr ist als bloß tändelndes Spiel auf der Überholspur des anything goes. Jetzt also geht Schlingensief theatralisch gesehen zu seinen katholischen Wurzeln zurück und setzt walpurgisnachthaft in Szene, was er „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ nennt und dort buchstabiert er sakrilegisch nach, was er in jungen Jahren aus der gottesdienstlichen Dramaturgie gelernt hat und für seinen Tanz um sein privates goldenes Kalb überlebensnotwendig braucht.

Timing und Lichtführung sind immer am Rande der Perfektion. Die Videoprojektionen ein Konglomerat aus Privatkitsch und kryptokatholischen Ritualen. Weihrauch wird reichlich verwendet. Das Bühnenbild ist eine sonderbare, aber in sich stimmige Mixtur aus Brechtgardine, Altar, Krankenbett und Hoher Dom. In all das fügt sich nicht ohne Eleganz ein burleskes Ensemble aus Gospelchor, Laienspielschar und Kinderreigen – und, wie aus einem anderen Theaterkosmos hineingeweht, geben Margit Carstensen und Angela Winkler, immerhin zwei erste Schauspielerinnen unseres Landes, dem Ritt über den Peinlichkeitssee allein schon mit ihrer puren Präsenz exakt jene theatralisch Klasse, die es braucht, um nicht schlussendlich doch in einem Abgrund von Selbstmitleid unterzugehen.

Jeder gläubige Katholik weiß, dass sich in der heiligen Messe mit dem einzigartigen Opfer Christi ein Stück ewiges Leben manifestiert – und Christoph Schlingensief, der in seiner Kindheit Ministrant am Altar des Herrn war, hat diese Himmelserfahrung mitten in unserer irdischen Endlichkeit offenbar nicht vergessen. Allerdings haben Schmerz und Leid und die spürbare Nähe des Todes den alten Adam in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Noch hadert er mit der Allmacht Gottes. Noch beißt er wieder und wieder in die verbotene Frucht, noch will er sein eigener Herr sein, noch ist sein Lieblingswort ICH.

„Ich will das nicht. Ich will keinen Vater! Ich will nicht! Ich habe keine Lust mehr. Ich will keine Eltern mehr. Ich will kein Stellvertreter sein. Ich wollte das früher nicht. Ich will das jetzt nicht.“ So beginnt Schlingensiefs „Tagesgebet“ und geht so weiter: „Papa ist schon weg. Mama soll auch noch weg. Die soll ihr Haus mitnehmen. Und ihre ganze Kirchenscheiße. Was ist denn das für eine Familie? Was ist denn da los? Jesus ist trotzdem nicht da. Und Gott ist auch nicht da. Und die Mutter Maria ist auch nicht da. Es ist alles ganz tot. Und es ist alles ganz kalt. Und es ist keiner mehr da. Die ganze kleinbürgerliche Kacke ist nicht mehr da. Aber das ist gut so. Ich will das nicht. Ich soll so sein, aber ich will das nicht. Amen.“

Mit seiner „Kirche der Angst“, mit all dem dort versammelten Klumpatsch aus Tränen und Blut, aus Anrührendem und Unsäglichem, ist Christoph Schlingensief ein Prototyp unserer postsäkularen Zeit. Die Allmacht des rein Faktischen, die nur das Hic et nunc kennt, für die nur zählt, was man hier und jetzt anfassen, wiegen und messen kann, die hat er verworfen. Aber zum Gott seiner Kindheit kehrt der Moribunde dann doch nicht reumütig zurück. Warum nicht? Das ist die Frage. Ist es die Angst davor, dass all jene, die ihn seit vielen Jahren mit Beifall überschütten und ihn sogar in den erlauchten Kreis der Bayreuthregisseure oder in die Jury der weltberühmten Berlinale gerufen haben, sich vor einem demütig Gläubigen abwenden könnten?

Alfred Döblin beispielsweise hat diese Erfahrung nach seiner Konversion in die katholische Kirche gemacht, als ihn Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und andere Granden der deutschen Kultur aus ihrer Mitte verbannten und Bertolt Brecht hat Döblin, den Autor von „Berlin, Alexanderplatz“, in einem Gedicht sogar mit einem Exhibitionisten verglichen, den man von Kindern fernhalten müsse. Wer in den Schoß der Heiligen Römisch-Katholischen Kirche zurückkehrt, wird hierzulande bekanntlich schnell zur persona non grata.

Wie dem auch sei: Noch hat die tödliche Krankheit Christoph Schlingensief kein wahres Licht der Erkenntnis aufgesteckt, noch hat seine Ohren kein göttliches „Ephata“ geöffnet und ob er als Lebender noch ein Wiederbekehrter werden wird, weiß nur Gott allein. Aber seine zum Auftakt des diesjährigen Berliner Theatertreffens gezeigte „Kirche der Angst“ ist gleichwohl eine veritable Demonstration gegen all jene, für die christliche Religion auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Ohne das Christentum hätte Christoph Schlingensief gar keine sprachlichen Ausdrucksmittel mehr, um seine existenzielle Not hinausschreien zu können. Ohne die Erinnerung an das Römisch-Katholische in ihm wäre er vielleicht sogar schon verstummt.

So gesehen ist seine Angst vor dem Fremden in ihm auch eine Suche nach der verlorenen Zeit, und eine Lektion für all jene, die den Akt des Sterbens ins rein Private verbannen möchten. Aber auch dort wird der Tod nicht besiegt. Im Gegenteil: Erst hinter den verschlossenen Türen der Anonymität wächst er zu einem Monstrum heran.