Eine Kindheit im kommunistischen Bulgarien

Stefanie Greggs historischer Roman „Duft nach Weiß“ verknüpft eine private Kindheitsgeschichte mit einem dunklen Kapitel bulgarischer Geschichte. Von José Garcia

Eine Kapelle in der bulgarischen Kleinstadt Radilovo. Anelija, die Hauptperson des Romans, verbringt dort ihre Kindheit bei Großmutter und Urgroßmutter. Foto: IN
Eine Kapelle in der bulgarischen Kleinstadt Radilovo. Anelija, die Hauptperson des Romans, verbringt dort ihre Kindheit ... Foto: IN

Fliehen, ich wollte fliehen, hinaus aus diesem verdammten Land, frei sein. Ich wollte in das Land der Freiheit, in dem man arbeiten und Geld verdienen konnte, in das Land, in dem es Glück gab und Essen und meine Majka, meine Mama. Und den Duft nach Weiß.“

Mit einer „1987 – An der Grenze Jugoslawien-Österreich“ überschriebenen, kurzen Einführung beginnt Stefanie Gregg ihren historischen Roman „Duft nach Weiß“. Die Episode mit der Flucht der 17-jährigen Anelija aus Bulgarien stellt nicht nur den chronologischen Mittelpunkt der erzählten Zeit dar. Sie ist vor allem die entscheidende Wende im Leben der Roman-Hauptperson, die ein Leben im kommunistischen Bulgarien vom neuen Leben in der Bundesrepublik trennt. Stefanie Gregg erzählt Anelijas Kindheit bei Großmutter und Urgroßmutter in der bulgarischen Kleinstadt Radilovo und ihre Flucht in ein „Deutschland, weiß wie das Papier“, auf dem die Briefe ihrer Mutter geschrieben sind.

Denn Anelijas Mutter verschwindet aus ihrem Leben, als sie erst fünf Jahre alt ist. Die Majka, die Mama, folgte einem Mann nach München, der ihr eine Arbeitsstelle und die Ehe versprach. Lange Jahre wusste Anelija von ihrer Mutter nur, was in ihren kurzen Briefen aus Deutschland stand. „Deutschland. Hatte ich von diesem Land schon vorher gehört? Ich weiß es nicht mehr. Deutschland. Das wurde das Wort, das mir in den folgenden Jahres alles verheißen sollte, was ich nicht hatte.“ Deshalb lernte Anelija Deutsch, so dass sie es bei ihrer Flucht 1987 ziemlich gut sprach. Bereits mit vierzehn, fünfzehn Jahren entdeckt sie die deutsche Literatur: „Was für eine Welt! Ich wurde wieder zu Tony Buddenbrook, ich amüsierte mich in ihrer Lübecker Kaufmannswelt, ich litt mit ihr, als der bayrische Permaneder sie vereinnahmte. Und plötzlich verstand ich, warum Majka nach Deutschland gegangen war. So lebte sie jetzt, in einer reichen Familie, mit Kristallgläsern und Würde. Deswegen war sie gegangen.“ Deutschland wird im Laufe der Zeit für Anelija immer mehr zum Sehnsuchtsort. Langsam reift in ihr der Wunsch, nach Deutschland zu fliehen, zu ihrer Mutter und zum „Duft nach Weiß“.

Wenn auch die Geschichte einer Kindheit im kommunistischen Bulgarien, und auch noch unter den ganz besonderen Umständen eines bei ihrer Großmutter und Urgroßmutter aufgewachsenen Mädchens, bereits neugierig macht, so ragt „Duft nach Weiß“ insbesondere durch die außergewöhnlich Erzähltechnik heraus. Denn Stefanie Gregg erzählt Anelijas Geschichte auf zwei Ebenen: Die eine Ebene beginnt in Radilovo 1975, als sie sich fünfjährig von ihrer Mutter verabschieden soll. „Das war meine früheste Kindheitserinnerung als Fünfjährige. Und es war meine schlimmste Erinnerung.“ Chronologisch schildert Anelija in der Ich-Form ihre Kindheit und früheste Jugend bis zur Flucht und dem Beginn eines neuen Lebens in München. Parallel dazu schildert die Hauptperson eine Reise, die sie mit ihrem Freund Enno im Jahre 1995 von München nach Bulgarien macht. Parallel heißt hier, dass die in ganz kurzen Kapiteln aufgebaute chronologische Erzählung von ebenso kurzen Episoden immer wieder unterbrochen wird. Die meistens kurzen, sehr kraftvollen Sätze verleihen dem Geschilderten einen hohen Erzähl-Rhythmus.

Zu den beiden Erzählsträngen kommt noch eine dritte Ebene hinzu, die sich bereits im Schriftbild von den beiden autobiografischen Erzählungen unterscheidet. Kursiv gedruckt und in der dritten Person berichtet Stefanie Gregg vom tödlichen Anschlag auf Georgi Markow am 7. September 1978 in London. Die wahre Geschichte des „Regenschirm-Anschlags“ durch den KGB und den bulgarischen Geheimdienst mitten auf der Waterloo Bridge hatte damals die westliche Welt in ohnmächtige Wut versetzt. „Duft nach Weiß“ lässt diesen dritten Erzählstrang mit einer Einladung des bulgarischen Präsidenten Todor Schiwkow an den Dichter Markow im Jahre 1968 beginnen: „Georgi wusste nicht ganz, wie er sich verhalten sollte. Seine Mutter wäre stolz auf ihn: so privat, fast befreundet, mit dem Staatschef. Aber er selbst, nein, er war es nicht. Oder doch?“

Bald darauf, nachdem er in der Provinz einen Vortrag gehalten hatte, musste Markow doch Hals über Kopf fliehen. Die Erzählung setzt dann 1972 in London wieder ein, als Markow für die BBC, aber auch für andere Medien wie die Deutsche Welle arbeitet. Dass er in Bulgarien von immer mehr Menschen gehört wird, macht ihn zu einer Bedrohung für das kommunistische System. Todor Schiwkow, der von 1954 bis 1989 an der Parteispitze stand und damit der am längsten amtierende Staatschef im Ostblock wurde, wird Georgi Markow immer mehr zum Problem. Im „1978 – Sofia“ überschriebenen Kapitel heißt es beispielsweise: „Die Wut stieg in ihm hoch. Er hatte den Bericht zwar in winzige Fetzen gerissen, doch die Worte hatten sich in ihm eingebrannt. Diese Wanzen. Brechen aus seinem schönen Land aus und glauben dann, alle ihre Verleumdungen, ihre Bösartigkeiten herausspritzen zu können.“

Auf der Suche nach Möglichkeiten, Markow zum Verstummen zu zwingen, bittet Schiwkow den damals von Andropow geleiteten KGB um Unterstützung. Spionage-Chef Krjutschkow findet im Moskauer „Labor 12“ die passende Waffe. Der Rest ist Geschichte.

Die Verknüpfung der bulgarischen Geschichte mit der privaten Lebenserzählung gelingt Stefanie Gregg aufs vorzüglichste. Auch deshalb, weil der Leser schon früh ahnt, dass beide Erzählstränge enger miteinander verbunden sind als es den Anschein hat. Georgi Markows Ermordung durch den KGB und den bulgarischen Geheimdienst bilden denn auch nicht nur den äußeren Rahmen, in dem sich Anelijas Kindheits- und Jugendgeschichte bewegt.

Stefanie Gregg. Duft nach Weiß. Roman. Pendragon Verlag 2016, 320 Seiten, ISBN 978-3-86532-552-5, EUR 14,95