Ein neues Empfinden von Landschaften

Wie Cranach vor und nach der Reformation gearbeitet hat, wird in einer Düsseldorfer Ausstellung sichtbar. Von Heinrich Wullhorst

Ausstellung "Cranach. Meister - Marke - Moderne"
„Sinnliches Konzept von der Schönheit des Körpers“: Auch die Apfelesser Adam und Eva hat Lucas Cranach der Ältere gemalt. Foto: Museum
Ausstellung "Cranach. Meister - Marke - Moderne"
„Sinnliches Konzept von der Schönheit des Körpers“: Auch die Apfelesser Adam und Eva hat Lucas Cranach der Ältere gemalt... Foto: Museum

Lucas Cranach der Ältere (1472–1553) gilt als einer der bedeutendsten Maler der Deutschen Renaissance. Nicht nur wegen der Schönheit der Werke, die er der Nachwelt hinterlassen hat, sondern auch wegen der Wirkung, die er auf folgende Künstlergenerationen bis in die heutige Zeit hinein erzielt. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast widmet dem engen Freund Martin Luthers unter dem Titel „Cranach. Meister – Marke – Moderne“ eine Ausstellung, die noch bis zum 30. Juli zu sehen ist.

Zur Ausstellung, die Werke von mehr als 100 Leihgebern vereint, gehören noch nie öffentlich ausgestellte Cranach-Bilder aus Privatsammlungen. Unter ihnen ein Bildnis Martin Luthers (um 1532), „Lucretia“ (1537) oder „Alter Mann von Kurtisanen betört“ (1537). Aus der Eremitage in St. Petersburg hat das nur selten ausgeliehene Tafelbild „Venus und Cupido“ (1509) den Weg nach Düsseldorf gefunden.

Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Cranach zunächst in Wien. In dieser Kulturmetropole suchte der Künstler die Nähe zu den Intellektuellen, den Gelehrten der Universität. In ihnen fand er Auftraggeber für seine Werke. Die ausdrucksstarken Kompositionen Cranachs und sein für die damalige Zeit neuartiges Landschaftsempfinden prägen seinen eigenen Stil.

Im Jahr des Reformationsjubiläums ist es besonders interessant, sich mit den Unterschieden zu befassen, die das Werk Cranachs vor 1517 und danach ausmachen. Zwischen 1510 und 1520 bilden seine zumeist großformatigen Altarwerke einen Schwerpunkt bei den christlichen Motiven. Viele dieser in seiner Werkstatt entstandenen Retabel sind leider nur noch in Fragmenten erhalten.

Dazu gehört der ,,Prager Altar“, dessen noch vorhandene Teile führt die Düsseldorfer Ausstellung zusammen. Ein anderes bedeutendes Werk Cranachs aus dieser Schaffensperiode galt lange als verschollen. Es handelt sich um eine Madonna mit Kind, die als Malerei auf Holz um 1510 entstanden ist. Die Leihgabe aus dem Erzdiözesanmuseum Breslau war im Zweiten Weltkrieg aus dem Breslauer Dom ausgelagert, wurde 1947 durch eine Kopie ersetzt und wechselte in der Folge mehrfach ihren Standort. Erst 2012 konnte die Bildtafel von der Schweizer römisch-katholischen Kirche an die Erzdiözese Breslau zurückgegeben werden. Es ist ein Bild, das die Liebe der Gottesmutter zu ihrem Kind erlebbar macht. Viele Andachtsbilder schuf Cranach in dieser Zeit. Darstellungen der Mutter Gottes und Bilder der Heiligen stehen dabei im Zentrum.

Auch nach der Reformation bleiben Marienbilder für Cranach von Bedeutung. Allerdings greift er in seiner Bildersprache zunehmend Themen auf, in denen er Positionen Martin Luthers im Verhältnis von Gott und Mensch widerspiegeln kann. Besonders deutlich wird das in den Tafeln „Christus segnet die Kinder“ oder „Christus und die Ehebrecherin“. Cranach will den Menschen das Erlösungswerk Christi vor Augen führen und führt ihn ganz nah an die Szenerie. Die göttliche Gnade stellt er so als etwas dar, die sich der Mensch nicht erst mühsam in der Ferne erarbeiten muss, sondern die unmittelbar und nah von Jesus zu den Menschen gebracht wird. In seinem Werk „Abschied der Apostel“, das um 1540 entstanden ist, geht es um die Entsendung der Apostel in die Welt. Auch hier verbinden sich die Nahsicht auf die beteiligten Personen und die Weite der Landschaft zu einer Komposition, die die dem Bild zugrunde liegende Bibelstelle „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium allen Kreaturen“ (Markus 16,15) im Wortsinne abbildet. Cranach nutzt seine Kunst zum Statement: In dem beschriebenen Bild lässt er den Reformator Philipp Melanchthon in der Rolle eines Apostels auftreten. So postuliert er eine Legitimität der reformatorischen Botschaft, indem sie diese direkt auf die Jünger Christi zurückführt.

Aber Cranach ist eben nicht nur ein Maler biblischer Szenen und herrschaftlicher Porträts. Er hat auch in der Aktmalerei neue Akzente gesetzt. Ein Beispiel dafür ist das Bild „Die drei Grazien“, das im Jahre 1535 entstand und eine Leihgabe aus dem „The Nelson-Atkins Museum of Art“ in Kansas City ist. Während die frühen Werke Cranachs noch von den Aktdarstellungen der klassischen Antike inspiriert waren, befreite er seine späteren Akte von der Starrheit dieser Formen. Stattdessen entwickelte er sein eigenes sinnliches Konzept von der Schönheit des Körpers. Dem Künstler ging es dabei immer um die Aussage des Bildes, die große Linie, weniger um exakte Proportionen.

Betrachtet man das Werk Cranachs, so fällt auf, dass er in seiner Kunst Antworten auf die Bildfindungen anderer Künstler wie zum Beispiel Dürer suchte und daraus ein eigenes Formenrepertoire und Schönheitsideal entwickelte. So tritt er gleichsam in einen Wettstreit mit den anderen Künstlern ein. Eines der Beispiele dafür sind die Adam und Eva-Darstellungen, bei denen sich der Maler von Werken Albrecht Dürers inspirieren ließ. Auf der anderen Seite belegt die Ausstellung in eindrucksvoller Weise, welche tiefen Spuren das Wirken Cranachs in der Kunst der Gegenwart und Moderne hinterlassen hat. Das verdeutlichen Arbeiten von Pablo Picasso, Marcel Duchamp, Otto Dix oder Andy Warhol. Cranachs Werk „Venus und Cupido“ muss Pablo Picasso so nachhaltig beeindruckt haben, dass er sich in seinem Bild „Venus und Amor“ mit ihm auseinandersetzte. Dabei wird Picasso die Formensprache des Künstlers ebenso beeindruckt haben wie seine Loslösung von zwingenden anatomischen Vorgaben.

Neben dem Betrachten der außergewöhnlichen Werke Cranachs bietet die Düsseldorfer Ausstellung den Blick in die Werkstatt des Künstlers mit den Materialien und den Werkzeugen, mit denen sie verarbeitet wurden, ehe der Maler dann mit seiner Arbeit beginnen konnte. In einem Filmbeitrag bietet die moderne Technik die Möglichkeit, in die Entstehung und Entwicklung der Cranachschen Bilder hineinzuschauen.

Lucas Cranach der Ältere. Meister

Marke Moderne. Im Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis zum 30. Juli.

Der Katalog mit zahlreichen Aufsätzen kostet 49,90 Euro.