Ein ewiger Bund der Schwestern

Wayne Wangs „Der Seidenfächer“ berührt mit der Story einer langen Freundschaft. Von José García

Schicksalsschläge führen zur Entfremdung zwischen Lily (BingBing Li, Mitte) und Schneerose (Gianna Jun, rechts), die als Kinder im China des 19. Jahrhunderts einen ewigen „Schwestern-Bund“ eingegangen waren. Foto: Senator
Schicksalsschläge führen zur Entfremdung zwischen Lily (BingBing Li, Mitte) und Schneerose (Gianna Jun, rechts), die als... Foto: Senator

Eingebettet in eine zeitgenössische Handlung erzählt Wayne Wangs „Der Seidenfächer („Snow Flower and the Secret Fan“) bildgewaltig von der innigen Freundschaft zweier Frauen im China des 19. Jahrhunderts. Basierend auf dem gleichnamigen, 2005 veröffentlichten Roman der US-amerikanischen Autorin chinesischer Abstammung Lisa See handelt „Der Seidenfächer“ von den beiden am selben Tag geborenen, siebenjährigen Mädchen Schneerose (Yan Dai) und Lily (Congmeng Guo), die 1829 in der Provinz Hunan ihre „Lotusfüße“ bekommen. Dem damaligen Schönheitsideal folgend, werden den Mädchen ihre Füße gebrochen und fest angebunden, damit sie Aussicht auf eine Heirat in bessere Kreise erhalten. Ihre Qualen werden durch die Tradition des „Laotong“, das sie zu Schwestern im Geiste macht, sowie durch ihre Aussicht auf Bildung gemildert: Sie lernen die Geheimschrift Nu Shu, ein uraltes Verständigungsmittel unter Frauen.

Die Farbtöne im Film spielen eine wichtige Rolle

In dieser Schrift kommunizieren sie miteinander, indem sie zwischen den Falten eines weißen Seidenfächers schreiben. Die Nu Shu-Geheimschrift hilft ihnen denn auch, den Kontakt aufrechtzuerhalten, als ihn die beiden Familien verhindern wollen. Als Erwachsene verläuft das Leben von Schneerose (Gianna Jun) und Lily (BingBing Li) gegensätzlich: Die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehörende Familie Schneeroses verarmt an der Opiumsucht des Vaters, sodass sie einen Metzer heiratet und in ärmlichen Verhältnissen lebt. Dagegen wird Lily nach dem Typhus-Tod ihrer Schwiegereltern an der Seite ihres Mannes Oberhaupt eines gutsituierten Hauses. Die beiden „Schwestern“ entfremden sich immer mehr voneinander. Um ihrer geliebten Laotong unnötigen Kummer und Sorgen zu ersparen, gibt ihr Schneerose eines Tages den Seidenfächer für immer zurück.

Diese Geschichte stammt indes aus einem Manuskript, das Nina (BingBing Li) im heutigen Shanghai bei ihrer nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus liegenden Freundin Sophia (Gianna Jun) findet, von der sie sich in den letzten Jahren entfremdet hatte. Nina steht vor einem entscheidenden Schritt in ihrer beruflichen Karriere, denn sie soll in New York eine neue Dependance der Firma eröffnen. Mitten in der Nacht wird sie vom Klingeln ihres Handys aus dem Schlaf gerissen: Nina liegt im Koma im Krankenhaus. Obwohl sie seit Monaten keinen Kontakt mehr hatten, waren sie früher beste Freundinnen. Nina gab der aus Korea stammenden Sophia Sprachunterricht und freundete sich mit ihr gegen den Widerstand der eigenen Familie an. Die dadurch noch betonte Spiegelung der Geschichte von Nina und Sophia im Laotong-Bund von Lily und Schneerose, dass Nina und Lily beziehungsweise Sophia und Schneerose von den jeweils selben Schauspielerinnen dargestellt werden, geht noch weiter: Stammt Lily aus einer Arbeiterfamilie, so ist Sophia eine Millionärstochter. Auch in der zeitgenössischen Handlung kehren sich die Verhältnisse um: Nach dem Selbstmord ihres Vaters wird Sophia aus Shanghai ausgewiesen. Die ehrgeizige Nina macht dagegen Karriere in der Wirtschaft. Wie weiland Schneerose und Lily, verlieren sich die einst unzertrennlichen Nina und Sophia aus den Augen.

Weil sich auch diese Rahmenhandlung auf zwei verschiedenen Zeitebenen – heute und 1997 – abspielt, wirkt „Der Seidenfächer“ insbesondere am Anfang dramaturgisch unübersichtlich. Zwar strafft Regisseur Wayne Wang die Dramaturgie im Laufe der Filmzeit. Der Zweck dieser Parallelisierung erschließt sich jedoch dem Zuschauer nicht ganz. Missverständlich bleibt etwa, ob Regisseur Wang ein wesentliches Elemente der Geschichte um Schneerose und Lily, die Unterwerfung der Frauen unter die Männer, die sie ja als Gegenstände betrachten, auch auf die heutige, oberflächlich westlich geprägte chinesische Gesellschaft anwenden möchte. Visuell überzeugt der von Richard Wong fotografierte Film freilich nicht nur durch die epischen, in rote und sonst kräftige Farben getauchten Bilder der Geschichte um Scheerose und Lily, sondern auch mit gut ausgesuchten, in kalten, blauen Farbtönen wiedergegebenen Einstellungen der zeitgenössischen Handlung.

Der 1949 in Hongkong geborene und aufgewachsene, zwischen seiner Geburtsstadt und den Vereinigten Staaten pendelnde Filmregisseur Wayne Wang ist immer noch insbesondere für den mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichneten Independentfilm „Smoke“ (1995) nach einer Vorlage von Paul Auster bekannt. Nach dem Misserfolg der symbolverfrachteten tragischen Liebesgeschichte „Chinese Box“ (1997) widmete sich Wayne Wang dem Mainstream-Kino. Gelang ihm mit dem Kinderfilm „Winn-Dixie: Mein zotteliger Freund“ (2005) eine ausgewogene Mischung aus fantasievollem Märchen und ernsten Themen, so scheint Wayne Wang seine filmische Handschrift noch nicht gefunden zu haben. Dennoch: Trotz seiner dramaturgischen Schwächen berührt „Der Seidenfächer“ in den besten Momenten durch die bewegende Geschichte einer von Selbstaufopferung gekennzeichneten, lebenslangen Freundschaft.