Würzburg

Ein bahnbrechendes Verbot

Die Opposition gegen das Menschenopfer war ein wichtiger Beitrag des biblischen Israel zur Humanisierung der Welt.

Opferung des Isaak
Aufhören: So sah Rembrandt die verhinderte Opferung des Isaak. Foto: The Yorck Project

Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu und sagte: „Abraham, streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide. Denn jetzt weiß ich, dass Du Gott fürchtest.“

Fromme Juden, aber auch gläubige Christen und Muslime interpretieren diese Stelle aus dem Buch Genesis, die sich in der 4. Sure wiederfindet, stets als die absolute Hingabe eines religiösen Menschen an seine Gottheit. Mehr kann Abraham Gott nicht geben, als sein eigen Fleisch und Blut. Der Opferwille des Abraham sei, so behaupten es Gläubige, umso höher zu bewerten, als Isaak sein einziger Sohn war, der ihm von Sara noch geboren wurde, als diese schon hochbetagt war und als unfruchtbar galt.Es ist durchaus legitim, Abraham als Typus des gottvertrauenden Menschen zu sehen. Genauso legitim ist aber auch eine profangeschichtliche Interpretation dieser Bibelstelle, in der erstmals in der gesamten Menschheitsgeschichte vom Verbot eines Menschenopfers die Rede ist. Der deutsche Journalist und Autor Hannes Stein sagt sogar: „Hier ist der Moment festgehalten, in dem die menschliche Zivilisation begann.“

Die antike Geschichte ist voll von Menschenopfern

Die Opferung von Menschen war in der Antike durchaus gebräuchlich und wurde bei den Griechen ebenso geübt, wie bei den Mesopotamiern und in Nordafrika. Unweit der Stadt Karthago hat man erst vor wenigen Jahren etwa 20 000 Urnen mit den Überresten verbrannter Kinder aus der Zeit zwischen 400 und 200 vor Chr. gefunden. Sie alle waren einem Feuergott geopfert worden. Verbreitet waren Kindestötungen auch im Alten Rom. Dort war es üblich, ein neugeborenes Kind dem pater familias, dem Familienvorstand, zu Füßen zu legen. Hob er es auf, dann wurde es aufgezogen, ließ er das Kind liegen, dann wurde es getötet. Dies war die „potestas vitae necisque“, die Macht über Leben und Tod, ein grundlegendes Menschenrecht des freien römischen Bürgers. Kinder wurden geopfert, um die Götter gnädig zu stimmen, aber auch zur Geburtenkontrolle. Oder man tötete, um verkrüppelte Kinder, die man für nicht lebenswert hielt, nicht aufziehen zu müssen.

Selbst die Gladiatorenspiele hatten ihren Ursprung im Menschenopfer. Erstmals sind solche für das Jahr 264 v. Christus nachgewiesen. Damals verstarb der angesehene Konsul Decimus Junius Pera. Seine Söhne richteten ihm eine aufwendige Leichenfeier aus, und ließen drei Gladiatorenpaare auftreten, die um Leben und Tod gekämpft haben. Die Idee dahinter: Es sollte ein Menschenopfer für den Verstorbenen dargebracht werden. Von dem vergossenen Blut erhoffte man sich die Versöhnung mit den Totengeistern. Diese „spectacula“ waren beim Volk so beliebt, dass aufstrebende Politiker sie nutzten, um ihre Popularität bei den Massen zu erhöhen. So kam Caesar im Jahr 65 v. Christus auf die Idee, für seinen 20 Jahre zuvor verstorbenen Vater, dem er zunächst nur eine schlichte Begräbnisfeier organisiert hatte, 320 Gladiatorenpaare auftreten zu lassen. Das Volk jubelte.

Gott allein ist der Herr des Lebens

Das biblische Israel begründete seine Opposition gegen Menschenopfer mit seinem Gottesbild. Die zwölf Stämme glaubten daran, dass Gott der Herr alles Lebens sei. Deswegen habe kein Mensch das Recht, einem anderen Menschen, und sei es auch nur einem Kind, das Leben zu nehmen. Diese Auffassung wurde vom Christentum übernommen und auch vom Islam, wobei der Großvater des Propheten Mohammed durchaus noch bereit war, einen seiner zehn Söhne zu opfern. In Rom musste Kaiser Konstantin im Jahre 318 nach Christus schließlich drakonische Strafen androhen, um die seit Jahrhunderten geübte Praxis endgültig zu unterbinden.

Die Israeliten haben sich als Erste von den Menschenopfern abgewandt. Ganz verabschiedet haben sie sich von der Idee einer Opfergabe freilich nicht. Aber nicht der ganze Mensch, sondern nur ein Teil wird „als Bundeszeichen“ Gott dargebracht: die Vorhaut der männlichen Juden. Und noch eine Erinnerung hat sich das biblische Israel an die Nicht-Opferung des Isaak bewahrt. Nämlich den Ort, an dem dies geschehen sein soll: Es ist dies der Berg Moria in Jerusalem, auf dem später der erste und zweite jüdische Tempel errichtet worden waren. In den beiden Tempeln hat das Blut der Tieropfer nicht mehr zu strömen aufgehört – in Erinnerung und in Dankbarkeit, dass Gott Israel die Menschenopfer erlassen hat.

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