Ein Pro Life Punk?

Johnny Rotten alias John Lydon: Über die spirituelle Suche des Frontmanns der „Sex Pistols“. Von Rudolf Gehrig

John Lydon alias Johnny Rotten gibt auch mit 61 Jahren noch alles auf der Bühne. Foto: dpa
John Lydon alias Johnny Rotten gibt auch mit 61 Jahren noch alles auf der Bühne. Foto: dpa

Wer glaubt, dass Rockmusik zwangsläufig satanisch ist, wird sich bei den Sex Pistols wahrscheinlich bestätigt fühlen. „I am an antichrist, and I am an anarchist!“, kreischt Sänger Johnny Rotten Ende der Siebziger ins Mikrofon und löst mit seiner Band eine Bewegung aus, deren Lebensstil man heute „Punk“ nennt. Doch nicht jeder, der zu den Klängen einer Stromgitarre singt und sich kritisch über Religion und Kirche äußert, ist automatisch Satanist. Der Blick auf den Menschen Johnny Rotten offenbart eine Seele, die komplexer ist als die Musik, die er prägte.

John Joseph Lydon kam am 31. Januar 1956 in London zur Welt. Der Sohn irisch-katholischer Einwanderer besuchte im Londoner Stadtbezirk Islington die katholische Grundschule und später die St. William Of York Secondary School, die ebenfalls konfessionell gebunden war. Er lebte mit seinen Eltern und seinen drei jüngeren Geschwister in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Seine Mutter erleidet mehrere Totgeburten und der junge John macht schon früh die Erfahrung der Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens. Dies sollte sich auch auf seine Musik auswirken.

Ein einschneidendes Erlebnis hatte John Lydon im Alter von sieben Jahren. Er erkrankte an Meningitis, einer Hirnhautentzündung, bei der er zeitweise einen Großteil seines Gedächtnisses verlor. Über-träger war vermutlich eine Ratte, die in die Pfütze uriniert hatte, in der der kleine Johnny zuvor gespielt hatte. „Ich erkannte meine Eltern nicht mehr“, erzählt Lydon. „Sie trichterten mir ein, dass sie meine Eltern waren und ich ihnen einfach glauben musste.“ In seiner Autobiografie beschreibt er, wie die Erinnerungen nach und nach zurückkamen: „Als ich meine Eltern zu akzeptieren begann, war es, als ob sich die Tür zu meinem Geist öffnete. In meinem Kopf machte es klick, und die Erinnerung begann einzusetzen.“ Und weiter: „Zu akzeptieren, dass sie [die Eltern] tatsächlich die waren, für die sie sich ausgaben, war ein emotionaler Durchbruch, aber es hat mir auch die Augen geöffnet. Als Katholik muss man ja ständig ein schlechtes Gewissen haben – aber den eigenen Eltern nicht ge-glaubt zu haben, ist eine schlimmere Gewissensqual als alles, was die Religion dir aufbürdet. Allerdings glaubte ich ihnen Jahre später noch nicht, dass ich wirklich wieder zur Schule musste…“

Die Nonnen und die Priester, denen Lydon auf der katholischen Schule begegnete, riefen bei ihm eine zunehmende Abscheu auf alles Religiöse hervor. Nonnen, die ihm auf die Hand schlugen, weil er Linkshänder war und Priester, die, wie er meinte, nicht die Liebe Gottes lebten, die sie zu leben vor-gaben. „Geistliche haben mich immer sehr verschreckt. Als Kind hatte ich entsetzliche Angst, in die Kirche zu gehen. Die Priester wirkten auf mich wie Dracula oder andere Gestalten aus den Horrorfilmen (…). Sie hatten immer so eine dogmatische, diktatorische Art und dazu diese hochfahrende Missbilligung.“ 1975 verließ er die weiterführende Schule noch vor den Sommerferien und die kurze, aber heftige Ära der Sex Pistols sollte beginnen.

Über Malcolm McLaren lernte John Lydon Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock kennen, die noch einen Sänger für ihre Band suchten. McLaren, der mit Vivienne Westwood eine Boutique für Sex-Artikel vertrieb, besorgte der Band erste Auftritte und wurde deren Manager. Zunächst einmal bekam John Lydon einen neuen Namen verpasst. „Johnny Rotten“ nannte er sich jetzt, „Johnny Verfault“, angeblich, weil sich Gitarrist Steve Jones über seine vernachlässigte Zahnpflege lustig gemacht hatte. Von Anfang an war klar, dass es Probleme geben würde. Zoff war an der Tagesordnung, die Zielsetzung der einzelnen Protagonisten zu unterschiedlich. Dennoch war es McLaren, der den Jungmusikern einen Plattenvertrag beim Label EMI besorgte. 1976 erschien dort ihre erste Single mit dem Titel: „Anarchy In The UK“. Laut, aggressiv, selbstironisch und provokant, das war der neue Musikstil, den die Sex Pistols prägten und den man später „Punk“ nennen sollte. „Ich bin ein Antichrist und ich bin ein Anarchist. Ich weiß nicht, was ich will, doch ich weiß, wie ich es bekomme“, so die ersten Zeilen aus „Anarchy In The UK“.

Das Lied erfüllte die Erwartungen der Band: Die jugendliche Post-Beatles-Generation reagierte enthusiastisch, die Oberklasse und jene, die im sogenannten „Shitstem“ (Johnny Rotten) mitarbeiteten, empörten sich. Später schreibt Rotten in seiner Autobiografie: „Aber ich war kein Anarchist, nein. Ich stellte fest, dass geschriebene Worte sehr viel mehr Unruhe verbreiten als eine Bombe im Supermarkt.“ Als sich die Sex Pistols einen skandalösen Fernsehauftritt leisteten, zog EMI den Plattenver-trag zurück und stampfte die Single wieder ein. Nach ständigen Querelen verließ schließlich Bassist Glen Matlock die Band. Er wurde durch Sid Vicious ersetzt.

Johnny kannte Sid noch von der Schule. Dass dieser einmal so tief in den Drogensumpf schlittern und daran schließlich auch zugrunde gehen sollte, beschäftigt die Punk-Ikone noch heute. „Jeder Tod geht mir nahe. Das ist etwas, was ich nicht so leicht in den Griff bekomme. Ich weiß nicht, wo sie dann hingehen und ich will nicht, dass sie dort hingehen.“ Bereits als 23-Jähriger musste er den Tod seiner Mutter verkraften, sie starb an Magenkrebs. Ein Ereignis, das ihn sehr mitgenommen hat und das er mit seiner späteren Band Public Image Ldt. im Song „Death Disco“ musikalisch verarbeitete. Dem Rolling Stone Magazine erzählte er dazu: „Das Lied hat sie sehr, sehr bewegt. Sie wusste, dass ich vor Qual schrie und ihr nicht sagen konnte: ,Du wirst sterben‘. Und dann kam [2008] noch der Tod meines Vaters dazu. Es ist bemerkenswert, wie einsam du dich fühlst in dieser Welt, wenn beide Elternteile gegangen sind. Ich vermisse sie sehr, besonders, weil ich ihnen nicht mehr all die Dinge sagen konnte, die ich ihnen immer sagen wollte.“

Doch den Durchbruch der Sex Pistols im Jahr 1977 bekamen Johnnys Eltern noch mit. Die zweite Single, „God Save The Queen“, ein kritischer Song über das britische Königshaus („God save the Queen, the fascist regime“), erschien gerade noch rechtzeitig zum 25-jährigen Thronjubiläum am 10. März. Als sich die Band im selben Jahr zum Geburtstag der Queen ein Boot mietete und auf der Themse direkt vor dem Königspalast ein Konzert vor Journalisten und Fans gab, wurde sie endgültig im ganzen Land bekannt. Ihre Popularität wuchs, und gerade weil es massenhaft Auftrittsverbote hagelte und sich sogar das Parlament mit den Liedtexten beschäftigte, die von einigen als „staatsgefährdend“ eingestuft wurden, bildete sich um die Band herum ein Mythos. Dann kam der November 1977 und „Never Mind The Bollocks, Here's The Sex Pistols“, das erste und einzige Studioalbum der Sex Pistols, kam auf den Markt. Die Punk-Bewegung war nun endgültig in Europa angekommen.

Während die Ramones in den USA mit ihrem schnellen, ungeschliffenen Sound für Furore sorgten, wurden die Sex Pistols diesseits des großen Teichs zu Galionsfiguren des Punk. Die Auflehnung gegen das Establishment, die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen und die Kritik am Herrschaftssystem waren die Kerngedanken des Punkrock, die musikalisch verpackt wurden in wütendem Gebrüll, unterlegt von kreischendem Gitarrengeschrammel, wüstem Schlagzeugspiel und geraden Basslinien. „Bedauerlicherweise bin ich im Laufe der Jahre selbst zum Trendsetter geworden“, sagt Johnny Rotten heute. „Und wenn ich eins an meiner Arbeit hasse, dann ist es, mir anhören zu müssen, was die Leute, die ich ,beeinflusst‘ habe, so alles anrichten. Nicht gerade berauschend. Nachahmung ist nicht die beste Art von Schmeichelei. Wer so etwas tut, hat mich nicht verstanden.“ Doch auch innerhalb der Punkbewegung ist Johnny Rotten keineswegs unumstritten. Das liegt auch an „Bodies“, einem Song auf „Never Mind The Bollocks“, in dem Johnny Rotten ein weiteres Tabu-Thema lautstark zur Sprache bringt: Die Abtreibung. Er selbst sagt dazu: „Ich denke, es gibt keinen klareren Song, der den Schmerz der Abtreibung beschreibt. Dieses Nebeneinander von all diesen verschiedenen psychischen Dingen in deinem Kopf und all die Verwirrung, die Wut, der Frust…“ Eine Bekannte, die mehrere Abtreibungen hinter sich hatte und psychisch daran zerbrach, hatte ihn zu diesem Lied inspiriert. Für ihn ist klar, dass bei der Abtreibung kein „Zellhaufen“ entfernt, sondern ein Mensch getötet wird. Mit drastischen Worten beschreibt der Song diesen Vorgang, er spricht von einem sich im Körper „pochenden Winden“ und einem „Baby“, das schreit: „Ich bin kein Mangel an Protein (…) Ich bin kein Tier“. „Body! I'm not an animal! Mummy! I'm not an abortion!“, singt, nein, brüllt Johnny Rotten immer wieder im Refrain. Jahre später gesteht er in einem Fernsehinterview: „Dieser Song wurde gehasst und verabscheut. Er ist nicht gegen Abtreibung, er ist nicht für Abtreibung. Es ist mehr ein ,Denk drüber nach‘! Sei nicht gefühllos zu einem menschlichen Wesen, aber reduziere eine Sache nicht auf Moral. Denn es ist unmoralisch, ein Kind auf die Welt zu bringen und sich nicht darum zu scheren.“ Welchen Wert ein einzelnes menschliches Wesen für ihn hat, macht Lydon in seiner Autobiografie mehrmals deutlich. „Ich liebe Kinder“, schreibt er an anderer Stelle und erzählt, dass er gerne gemeinsam mit den Kindern seiner Freunde herumalbert, sich für sie verkleidet und Partys für sie schmeißt: „Meine Kinderpartys sind weltberühmt!“

Dort ist auch zu lesen, dass auch er gerne eine Familie gründen würde. Doch trotz Kinderwunsch blieb der Nachwuchs ihm und seiner Frau Nora verwehrt. „Sex, Drugs und Rock'n'Roll“? Von One Night Stands und Sexaffären hält der Punkrocker nichts. Seit den Siebzigern ist John mit Nora zu-sammen, schon vor dem großen Durchbruch der Sex Pistols. „Die Vorstellung, Nora zu verlieren, ist unerträglich“, schreibt er. „Und wir kommen jetzt in das Alter, in dem man mit dem Tod rechnen muss. Überall sterben Gleichaltrige! Ich sehe sie mir an und denke: ,Keiner von ihnen hat solchen Blödsinn angestellt wie ich, aber sie alle geben viel zu früh den Löffel ab.‘ Offenbar bin ich ziemlich robust, und das kommt sicher von dem positiven Einfluss, den Nora auf mich hat.“ Auf die Frage, was das Geheimnis ihrer langjährigen Beziehung ist, gibt er den Tipp: „Verdammt gute Zoffs. Und keine Geheimnisse. (…) Manchmal ist es schrecklich und schockierend und schmerzhaft, aber am Ende müssen wir immer lachen. (…) Wut kann sehr nützlich sein. Aufgestaute Wut und das Herumreiten auf den Fehlern führen nur zum Ruin.“

Den Glauben an Gott hat der alte Johnny Rotten, so scheint es, nicht verloren, auch wenn er nach wie vor Probleme mit dessen Bodenpersonal hat. „Das schlimmste Verbrechen war“, schreibt er, „dass meine Mum, als sie im Sterben lag, einen Priester an ihrer Seite haben wollte, der natürlich prompt nicht kam. Denen geht es nur ums Geld.“ Und weiter: „Religion ist Dummheit, ein Bluff, ein Schwindel und für ungeheure Tragödien verantwortlich.“

Ist Johnny Rotten also Atheist, ein rettungslos „verlorenes Schaf“? Immer wieder stellt er in seinem Buch die Frage, welchen Sinn sein Leben hat. Als Kind überstand er eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung und 1988 wäre er beinahe beim Lockerbie-Anschlag 1988 ums Leben gekommen, wenn er durch glückliche Umstände nicht den Flug verpasst hätte. Alles nur Zufall? Er wird nachdenklich, fast schon ehrfürchtig, wenn er davon erzählt, wieviel Glück im Leben er hatte. „Mein letzter Wunsch in diesem Leben ist es“, schreibt er am Ende seiner Biografie, „den höchsten Ton zu treffen, der menschenmöglich ist. Und wenn mir dabei sämtliche Blutgefäße platzen und mir das Hirn zu den Ohren rausspritzt – für mich wäre das die schönste Art zu sterben. Hauptsache, ich treffe diesen Ton, der einen mit Gott verbindet.“ Es scheint so, als sei die spirituelle Suche des Johnny Rotten noch nicht zu Ende.

Der Autor arbeitet beim Fernsehsender EWTN Deutschland.