Ein Macher auf solidem Fundament

Warum Offenheit und Radikalität bei Papst Franziskus zusammengehören, analysiert der Vatikanist Jürgen Erbacher. Von Stephan Baier

Papst Franziskus grüßt jubelnde Gläubige. Foto: dpa
Papst Franziskus grüßt jubelnde Gläubige. Foto: dpa

„Im Stil sind die beiden Päpste unterschiedlich. Inhaltlich gibt es aber doch eine große Übereinstimmung. Darüber darf das Äußere nicht hinwegtäuschen“, bilanziert der erfahrene Vatikanist Jürgen Erbacher, der – zwischen Mainz und Rom pendelnd – seit 2005 für das ZDF aus dem Herzen der Weltkirche berichtet und vorher für „Radio Vatikan“ arbeitete. Sorgsam hat der Journalist und Theologe zusammengetragen, was sich im noch jungen Pontifikat über Papst Franziskus, seine Themen und Schwerpunkte bereits sagen lässt. Nüchtern und unaufgeregt, unpolemisch und kenntnisreich analysiert er den Pontifikatswechsel. Ein Verdienst des vorliegenden Buches besteht darin, durch Sachlichkeit und eine Fülle an Informationen die seit 13. März blühenden Klischees zu relativieren.

Hier erscheint Franziskus nicht als theologischer oder kirchenpolitischer Revolutionär, der die katholische Welt auf den Kopf stellt und alles anders macht als seine Vorgänger. Im Gegenteil: Der Autor weist darauf hin, „dass jeder Papst von Anfang an seinen eigenen Weg geht. Eine Kopie des Vorgängers können und wollen sie nicht sein.“ Auf den „Theologenpapst Joseph Ratzinger“ sei eben nun „der Seelsorger und Organisierer Jorge Mario Bergoglio“ gefolgt. „Der zehrt auch vom reichen theologischen Erbe seines Vorgängers, das erst in einer längerfristigen Perspektive zur vollen Geltung kommen wird“, so Erbachers – mit dem Erscheinen der Enzyklika „Lumen fidei“ zwischenzeitlich bestätigte – Hommage an Papst Benedikt. Immer wieder bemüht sich der Autor, das in Deutschland weit verbreitete Zerrbild des bayerischen Papstes zurechtzurücken und ihm in seinen Wertungen Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen: „Seine Verdienste um die katholische Kirche geraten angesichts der Euphorie um seinen Nachfolger leicht in Vergessenheit.“ Wie von einem Journalisten nicht anders zu erwarten, referiert Erbacher die kurialen Missstände und richtet den Scheinwerfer auch auf jene Themen, die im deutschen Sprachraum seit Jahrzehnten als „heiße Eisen“ der binnenkirchlichen Debatte gelten.

Lesenswert ist sein Buch aber, weil es dabei nicht stehen bleibt, sondern genauer hinsehen will. Über den allseits längst diagnostizierten „radikalen Stilwechsel“ hinaus meint Erbacher, dass Franziskus der Kirche in den säkularisierten Ländern des Wohlstandsgürtels einen Themen- und Schwerpunktwechsel verordnet: „Soziale Fragen und die Verkündigung des Evangeliums stehen für Franziskus im Zentrum. Das, was in Westeuropa und Nordamerika oft und intensiv diskutiert wird, rückt in den Hintergrund. Nicht dass die Themen Zölibat, Laien und Frauen in der Kirche, Mitbestimmung, der Umgang mit Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen keine Rolle mehr spielen. Aber sie stehen nicht mehr im ,Dauerfokus‘, wie das zuvor der Fall war.“ Die sozialethischen Fragen würden nun mehr Gewicht bekommen. Betont differenziert analysiert der Autor die verschiedenen Strömungen der sogenannten Befreiungstheologie und nimmt den Papst aus Argentinien gegen die Unterstellung in Schutz, deren Anhänger oder Förderer zu sein: „Auch Pater Bergoglio sieht die Gefahr, dass über die Befreiungstheologie der Marxismus in die katholische Kirche Einzug halten könnte. Entsprechend reserviert zeigt er sich gegenüber Anhängern einer allzu ideologisch agierenden Theologie der Befreiung.“ Insgesamt sei Franziskus „kein großer Theoretiker“, sondern ein „Praktiker und Macher, der auf einem soliden spirituellen und theologischen Fundament steht“. Die bisherigen Wortmeldungen des Papstes bilanzierend meint der Vatikan-Korrespondent, Offenheit und Radikalität seien „zwei Seiten einer Medaille bei Papst Franziskus“. Dabei sei dessen Kirchenbild zutiefst missionarisch.

Erbacher hat zusammengetragen, was man über den Argentinier mit italienischen Wurzeln, über seine Familie, seinen Werdegang, sein Verhältnis zu seinem Orden, seine Namens- und Wappenwahl wissen kann. Nüchtern und sachlich stellt der Autor die richtigen Fragen, attestiert seinem eigenen Buch im Vorwort aber mit Recht bescheiden, es handle sich dabei um „eine Momentaufnahme“. Zu diesem Charakter des Buches gehören auch die ausführlichen Stellungnahmen von sechs deutschsprachigen Kardinälen (Kasper, Lehmann, Marx, Woelki, Cordes und Koch) zum neuen Papst und seiner Wahl, geschrieben unter dem Eindruck der kirchen- und weltgeschichtlichen Vorgänge dieses Frühlings, und gerade deshalb für die Historiker später wertvolle Zeitzeugnisse.

Jürgen Erbacher: Papst Franziskus. Aufbruch und Neuanfang. Pattloch Verlag, München 2013, 175 Seiten, ISBN 978-3- 629-13047-1, EUR 16,99