Ein Frauenschicksal in Deutschland

Stimmig inszeniert, hervorragend gespielt: Der ZDF–Fernsehfilm „Schicksalsjahre“. Von José García

Glücksmomente inmitten der Kriegswirren: Ursula (Maria Furtwängler) und Wolfgang (Pasquale Aleardi) machen mit ihren Kindern einen Ausflug an die Ostsee. Foto: ZDF
Glücksmomente inmitten der Kriegswirren: Ursula (Maria Furtwängler) und Wolfgang (Pasquale Aleardi) machen mit ihren Kin... Foto: ZDF

Eine Frau erfährt nach Jahren, dass ihr im Krieg für tot erklärter Mann doch lebt und nun eine neue Ehe führt, weil er sie ebenfalls für tot hielt. Das Schicksal, das sich im Nachkriegs-Deutschland wohl tausendfach ereignete, traf etwa auch Ursula und Wolfgang Heye. Deren Sohn Uwe-Karsten Heye, Regierungssprecher unter Kanzler Gerhard Schröder und Generalkonsul in New York, veröffentlichte die wahre Geschichte seiner Eltern im Jahre 2004 unter dem Titel „Vom Glück nur ein Schatten“. Nach Kriegsende machten sich Ursula und Wolfgang Heye auf die Suche nach dem jeweils anderen Ehepartner.

Vom Suchdienst des Roten Kreuzes erhielt Ursula die Mitteilung, ihr Mann sei in Stalingrad vermisst, was einer Todesmeldung gleichkam. Wolfgang wiederum bekam die Nachricht, die Namen seiner Frau und seiner zwei Kinder seien auf der Passagierliste der am 30. Januar 1945 nach einem sowjetischen Torpedoangriff gesunkenen „Wilhelm Gustloff“. Da es keine Überlebenden des Schiffsunglücks gab, seien sie vermutlich ertrunken. Erst 1963 kam es zu einer zufälligen Begegnung, die allerdings für die beiden für einen gemeinsamen Neubeginn zu spät kam – daher auch der Buchtitel. Das Erinnerungsbuch von Uwe-Karsten Heye wurde nun von Thomas Kirchner zu einem Fernsehzweiteiler-Drehbuch umgearbeitet. Die teamWorx-Produktion mit dem Titel „Schicksalsjahre“, bei der Miguel Alexandre Regie führte, wird vom ZDF an zwei aufeinanderfolgenden Abenden ausgestrahlt, am Sonntag und Montag, jeweils um 20.15 Uhr. Der Film feierte aber bereits am 2. Februar Premiere. An der Vorführung in der Berliner Astor Film Lounge nahm Bundespräsident Christian Wulff teil.

In Berlin nimmt die Geschichte einer tragischen Liebe auch ihren Lauf: Dort lernt im Jahre 1938 die junge Ursula (Maria Furtwängler) den Varieté-Sänger Wolfgang (Pasquale Aleardi) kennen und lieben. Gegen den Willen ihrer Eltern, die Wolfgang für einen brotlosen Künstler halten, heiraten Ursula und Wolfgang kurz vor Kriegsbeginn. 1939 wird Tochter Barbara geboren, ein Jahr später folgt Sohn Uwe-Karsten. In den Kriegs- und Nachkriegswirren verlieren sich die beiden Eheleute aus den Augen: Weil er desertiert, wird Wolfgang in eine Strafkompanie versetzt. Nach dem Krieg wird Ursula Sekretärin in der Rostocker Militäradministration, erkennt aber bald, dass in der SBZ kein Platz für sie ist. Mit den Kindern und mit ihrer Freundin Norah Kellermann (Dorka Gryllus) flieht sie über die grüne Grenze in den Westen. Obwohl Norah für sie mehr als Freundschaft empfindet, kann Ursula diese lesbische Liebe nicht erwidern – sie hat die ganze Zeit nicht aufgehört, Wolfgang zu lieben. Die Wege der beiden Frauen trennen sich. Erst nach Jahren wird Ursula wieder von Norah hören. Am Telefon sagt sie nur: „Wolfgang lebt! Er wohnt, verheiratet, in Stuttgart.“

Dass der Film mit diesem Telefonat beginnt, unterstreicht die Liebesgeschichte als den Kern von „Schicksalsjahre“. Die Erzählung springt zwischen den Zeitebenen hin und her, wodurch der Regisseur der Eintönigkeit einer linearen Dramaturgie begegnet. Damit wird aber auch die innere Einheit einer Geschichte deutlich, die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt und in der sich drei deutsche politische Systeme widerspiegeln. Zwei Szenen weisen darauf hin: Die Büros, in denen Ursula nach dem Krieg in Rostock arbeitet, sind dieselben wie unter dem Nazi-Regime, nur dass nun die Bilder ausgetauscht wurden. In Mainz kämpft sie unnachgiebig vor dem Petitionsausschuss für ihre Anerkennung als Kriegsflüchtling und eine Rente als Kriegshinterbliebene. Ursula Heye erscheint indes nicht als über alles erhabene Heldin. Dafür legt ihr das Drehbuch bedeutungsschwere Worte in den Mund: „Wir sind Teil dieser Schuld – auch ich. Ich habe mich weggedrückt, ich habe geschwiegen“, stellt sie nach Kriegsende fest.

Obwohl insbesondere durch die markige Filmmusik, ohne die heutzutage offenkundig kein Historienfilm auszukommen meint, das Pathos nicht zu kurz kommt, überzeugt „Schicksalsjahre“ vor allem durch das großartige Spiel der Hauptdarstellerin. Maria Furtwängler stellt etwa den Alterungsprozess während der zwanzig Jahre andauernden Handlung durch die Körpersprache glaubwürdig dar: Aus der jungen Ursula voller überbordender Energie ist eine reife Frau mit gemessenen Bewegungen geworden. Das stimmige Produktionsdesign, eine unauffällige, aber dennoch stimmige Kameraführung und ein wirkungsvoller Schnitt tragen darüber hinaus zum Gesamtbild einer Produktion bei, die nicht nur wegen ihres Sujets zu den herausragenden Fernsehfilmen der letzten Jahre gehört. Wenn sich ein Fernsehfilm auf seine erzählerischen und schauspielerischen Stärken konzentriert, dann findet großes Kino auch im Fernsehformat statt. Davon zeugt Miguel Alexandres „Schicksalsjahre“.

„Schicksalsjahre“, Regie: Miguel Alexandre, Teil 1: Sonntag, 13. Februar, Teil 2: Montag, 14. Februar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF, je 100 Minuten