Ein Flirt mit dem Unmöglichen

„Das dreizehnte Kapitel“: Martin Walsers neuer Roman handelt von einer Hoffnung der besonderen Art. Von Stefan Meetschen

Im Alter werden die katholischen Wurzeln deutlicher: Autor Martin Walser bei der energischen Deutung seines neuen Romans. Foto: dpa
Im Alter werden die katholischen Wurzeln deutlicher: Autor Martin Walser bei der energischen Deutung seines neuen Romans... Foto: dpa

Im nahezu jährlichen Turnus, wie Weihnachten und die anderen christlichen Feiertage, erscheinen die Romane und Gedanken von Martin Walser: „Ein liebender Mann“, „Mein Jenseits“, „Muttersohn“. Jetzt hat der am Bodensee lebende Schriftsteller mit „Das dreizehnte Kapitel“ den Roman 2012 vorgelegt, der einmal mehr von der ungebrochenen Produktivität und Wortgewandtheit des 85-Jährigen zeugt.

Glücklich verheiratet, aber offen für den Verrat

Auf fast 300 Seiten entfaltet Walser einen streckenweise sehr geistreichen Brief-, SMS- und Email-Dialog zwischen dem erfolgreichen Autor Basil Schlupp und der evangelischen Theologin Maja Schneilin, die in anspielungsreicher Weise erleben, was Majas großes theologisches Vorbild Karl Barth („Mein Meister“) und Charlotte von Kirschbaum in Briefwechseln erlebten und erlitten: Einen Flirt mit dem Unmöglichen, denn beide Schreiber sind, wie sie oft betonen, „glücklich verheiratet“. Trotzdem haben sie sich viel zu schreiben, mitzuteilen, seit sie sich bei einer Feier im Schloss Bellevue am Tisch der Bundespräsidentengattin flüchtig trafen. Anlass der Feier: Der 60. Geburtstag von Majas Ehemann, dem Molekular-Biologen Korbinian Schneilin. Dieser weiß nichts vom Briefwechsel seiner Gattin mit dem Schriftsteller Schlupp, so wie Schlupps Frau Iris nichts vom Briefverkehr mit der evangelischen Theologin weiß. Ein doppelter Verrat also an beiden Ehepartnern und doch keine klassische-erotische Affäre, in die Walser den Leser mit bewährter Ironie und leicht übersteigerter Spracheleganz mit einspannt. Denn: Außer einer zufälligen Begegnung am Flughafen Tegel, die von Schlupp schnell zum „Wunder von Tegel“ stilisiert wird, begegnen sich Maja und Basil im wahren Leben nicht. Allein die Sprache formt die Begegnung, wird zur „Hängebrücke über einem Abgrund namens Wirklichkeit“, wie es in einem Brief heißt.

Doch alles lässt sich auch mit Worten nicht ausdrücken, weder die Tiefen der platonischen Liebe, noch die geheimnisvollen Höhen des Glaubens, die der katholisch sozialisierte Walser im „Dreizehnten Kapitel“ einmal mehr in den Handlungs- und Gedankenraum einspinnt. „Es war immer unmöglich. Aber es gab dieses Spiel mit dieser Unmöglichkeit. Vergleichbar mit dem, was mit Gott ist. Zu sagen, es gebe ihn nicht, ist so unsinnig, wie zu sagen, es gebe ihn. Es gibt welche, die sagen, sie seien atheistisch. Keiner sagt: Ich bin unmusikalisch. Lassen wir das Spiel.“

Sozusagen als Brücke zwischen Glauben und Unglauben, als Basis für die Kommunikation zwischen Mann und Frau dient dabei Barths theologischer Ansatz der hoffnungslosen Hoffnung. Das man darin auch ein persönliches Glaubensbekenntnis Walsers lesen kann, hat im Frühjahr der Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ deutlich gemacht, in dem Walser ganz unverhohlen seine Sympathie für das von Barth gepredigte Bild des „unanschaulichen Gottes“ geäußert hat.

So unanschaulich und letztendlich unerreichbar wie Gott ist dem fiktiven Schriftsteller Basil Schlupp sein weibliches Gegenüber, mag er ihr Äußeres auch immer wieder in romantischer Erinnerung verklären. „Ihre Nase entspringt spektakulär zwischen den Augen und führt in einer landrückenhaften Ruhe nach unten. Ihre Nasenlöcher bleiben nicht ganz unsichtbar. Richtig sichtbar werden sie nicht. Und doch ahnt man sie nicht nur, sondern glaubt, sie zu sehen, nicht aber wahrzunehmen. Der Mund, diese schwungvolle Schwelle. Das Kinn, fast schwer. Es will ihr Gesicht hinabziehen. Aber das lassen Sie nicht zu. Sie tragen Ihr Gesicht, als hielten Sie es jemandem hin, den wir nicht kennen.“ Womit die Gottesfrage einmal mehr angedeutet ist. Mag Schlupp, wie der Autor Walser, auch katholisch geprägt auf die Welt schauen. Das ist nicht das Problem. Empfindlich gestört und sogar unterbrochen wird der briefliche Austausch erst, als Schlupp in einem Interview von seiner generellen „Höflichkeit“ gegenüber Frauen spricht und Maja Schneilin darin eine Missachtung ihrer besonderen Briefbeziehung wittert. Schlupps Verteidigungsbriefe und um Klarstellung bemühten Mails bewirken wenig. Auch nicht, dass er vor sich selbst Interviews als die moderne Form der Beichte darzustellen versteht. Derartige „Prostrationen“, also Niederwerfungen, bittet Maja ihn zukünftig zu unterlassen. Sie wird Schlupps Briefe, wie sie hinzufügt, nicht mehr lesen.

Ein echter Schriftsteller schreibt auch ohne Leser

Was für einen selbstherrlichen literarischen Effekt-Virtuosen natürlich kein Grund ist, nicht doch weiterzuschreiben. „Ich bin Schriftsteller genug, dass ich auch dann noch schreibe, wenn ich weiß oder annehmen muss, dass kein Mensch mich noch liest. Im Gegenteil, nicht mehr gelesen zu werden befreit von jener nie ganz zu überwindenden Schwäche, verständlich sein zu müssen.“ Wer darin mehr als eine kokette Selbstironie Walsers sieht, liegt vermutlich richtig. Unverhohlen und überraschend religiös tritt dann die krankheitlich bedingte Wende im Leben von Majas Ehemann auf: Zwischen Operation und Chemotherapie macht Korbinian mit Maja eine Radtour nach Clausthal-Zellerfeld. In der Kirche betrachtet er den von Werner Tübke gemalten Gekreuzigten.

„Jetzt saß er und schaute hinauf zu diesem Gekreuzigten, wie vielleicht noch nie jemand zu dem hinaufgeschaut hat. Der Maler hat die Kreuzigung nicht von vorne gemalt, sondern von vorne links, man sieht alles halb von der Seite. Der Kopf des Gekreuzigten ist im Sterben nach vorne gekippt und so verdreht, dass das Gesicht nach vorne links schaut, also uns anschaut. Dieser Gekreuzigte war Korbinian. Das sah er. Ich sah es auch. Wir brauchten lange, bis wir uns lösen konnten.“ Statt eines friedlich versöhnlichen Endes folgt jedoch eine hektische Reise durch Kanada, wo der wieder genesene Korbinian seine Kraft und das Leben feiert. Bis zum tragischen Ende, über das Basil Schlupp vom Chauffeur des Ehepaares unterrichtet wird. Auf ausdrücklichen Wunsch Majas.

So endet ein Briefroman in den Zeiten des „immerwährenden Pfingsten“ der Digitalisierung. Ratlos, schöpferisch und eine Spur hoffnungsloser oder hoffnungsvoller bleibt Basil Schlupp zurück. „Wir waren ein Paar, das von dem lebte, was es zur Sprache bringen konnte. Ich habe, was SIE schrieb, erlebt wie sonst noch nichts Geschriebenes. Und ich hatte jedes Mal, wenn ich IHR geschrieben hatte, das Gefühl, ich sei meiner Bestimmung gerecht geworden. Dieses Gefühl bedurfte immer wieder der Wiederbelebung. Durch einen weiteren Brief. Das war eine Epoche der Einfalt.“

Kein brillanter Roman, aber Beachtung für sein Alterswerk verdient Martin Walser gerade bei den religiös interessierten Lesern. Auch mit diesem Roman.

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt Verlag 2012, , 272 Seiten, ISBN 978-3-498-07382-4, EUR 19,95