Die treffsicheren Freikugeln

Hervorragende Sänger an Originalschauplätzen: Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ als gelungene Filmoper. Von José García

Um seine Liebe Agathe heiraten zu können, muss sich Max (Michael König) beim Probeschuss bewähren. Als er ein Wettschießen verliert, lässt er sich auf ein gefährliches Abenteuer ein. Foto: Constantin
Um seine Liebe Agathe heiraten zu können, muss sich Max (Michael König) beim Probeschuss bewähren. Als er ein Wettschieß... Foto: Constantin

Als vor gut zwei Jahren Robert Dornhelm „La Boheme“ (DT vom 28.10.2008) verfilmte, konnte er zwar die großen Opernsänger Anna Netrebko und Rolando Villazón verpflichten. Trotz der streckenweise aufwändigen Kulissen unterschied sich seine Inszenierung jedoch kaum von einer „verfilmten Aufführung“. Ganz anders – das sei bereits jetzt vorausgeschickt – Jens Neuberts nun im regulären Kinoprogramm anlaufender Film „Der Freischütz“, der sehr zu Recht den Untertitel „Die Filmoper“ trägt.

Denn im Gegensatz zu Dornhelm drehte Jens Neubert nicht in einem Filmstudio, wo selbst die Außenaufnahmen den Eindruck einer auf der Theaterbühne verfilmten Oper erweckten, sondern an den Originalschauplätzen in Dresden und in der Sächsischen Schweiz. Das von Jens Neubert selbst verfasste Drehbuch verlegt die nach Johann Friedrich Kinds Libretto im Dreißigjährigen Krieg spielende Handlung ins Jahr 1813 und damit in die unmittelbare Entstehungszeit der Oper, die am 18. Juni 1821 uraufgeführt wurde. Damit verwebt „Der Freischütz. Die Filmoper“ die Handlungszeit mit der historischen Zeit, in der die Oper komponiert wurde. Versinnbildlicht wird dies etwa in den kurzen Auftritten Napoleons, der zwischen der Schlacht bei Dresden (August 1813) und der Völkerschlacht bei Leipzig (Oktober 1813) in der Dresdner Friedrichstadt Quartier genommen hatte.

Auf die zweifache Zeitebene spielt ebenfalls das Puppentheater an, das als eine Art Klammer zu Beginn und am Schluss einer Gruppe Kinder in Zeitkostümen die Geschichte von Max und Agathe darbringt. Die Ouvertüre zeigt dann das Schlachtfeld von Dresden – der letzten großen Schlacht, die Napoleon auf deutschem Boden für sich entscheiden konnte. Max (Michael König) kommt als besiegter, müder Krieger nach Hause zurück. Um seine Liebe Agathe (Juliane Banse), die Tochter des Erbförsters Kuno (Benno Schollum), heiraten zu können, muss er einem alten Brauch entsprechend bei einem „Probeschuss“ seine Eignung als Erbe und Schwiegersohn unter Beweis stellen. Beim Schützenfest verliert Max jedoch ein Wettschießen gegen den reichen Bauern Kilian (Olaf Bär). Von Selbstzweifeln gequält, lässt sich Max auf den Vorschlag seines zwielichtigen Kameraden Kasper (Michael Volle) ein, der im Bunde mit dem „schwarzen Jäger“ Samiel steht. Um Mitternacht verabreden sich die zwei Kameraden in der Wolfsschlucht, um die sieben treffsicheren Freikugeln zu gießen. Währenddessen wartet Agathe unruhig zu Hause, im Fasanenschlösschen bei Moritzburg, wo sie von bösen Vorahnungen geplagt wird. Selbst ihre junge Verwandte Ännchen (Regula Mühlemann) schafft es nicht, Agathes Sorgen zu zerstreuen.

Dass „Der Freischütz“ nicht bloß gefilmte Oper geworden ist, verdankt Neuberts Filmoper insbesondere der unaufdringlichen, aber virtuosen Kameraführung Harald Gunnar Paalgards, die sowohl den märchenhaften Wald und die betörenden Landschaften in Totalen als auch die Mimik der Protagonisten in Großaufnahmen einfängt. Dabei überzeugen die Sänger nicht nur stimmlich, sondern ebenfalls als Schauspieler. Für Jens Neubert spielt es darüber hinaus eine zentrale Rolle, dass sich Ton und Bild perfekt decken: „So ist zum Beispiel auch der Ton entsprechend bearbeitet, je nachdem, ob es sich beim Bild um eine Nah- oder Fernaufnahme handelt“, führt er dazu aus. Dafür wurde die Tonspur zunächst zusammen mit dem London Symphony Orchester unter der Leitung von Daniel Harding in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommen, ehe die Dreharbeiten begannen. Der Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Simon Halsey rundet den Gesamteindruck ab.

In der klassischen Inszenierung vor opulenter Kulisse und mit aufwändiger Ausstattung bleibt das Faustische der Vorlage erhalten. Neuberts „Freischütz“ zeichnet sich durch die ambivalente Ausrichtung zwischen dem Teufel und einem Hoffen auf Gott aus, die als Quintessenz der geistigen Welt der deutschen Romantik gelten darf, insbesondere in der berühmten Wolfsschlucht-Szene. Hier zeigt Kaspar, als er allein ist, sein wahres Gesicht: Er hat seine Seele Samiel (dem Teufel) verschrieben im Tausch für die alles treffenden Freikugeln. Wenn er Samiel bis Mitternacht ein anderes Menschenopfer präsentiert, so ist er gerettet.

Von der gelungenen Filmoper zeigten sich nicht nur die tausende Zuschauer begeistert, die Anfang September am Dresdner Elbufer der Weltpremiere beiwohnten. Überzeugt von Neuberts Filmoper ist ebenfalls auch Christian Max-Maria von Weber, ein Urururenkel von Carl-Maria von Weber, der dazu ausführt: „Der Regisseur hat Webers neuartige Musik und ihre farbigen Klänge auf wunderbare Weise integral gelassen, klassisch interpretiert und das Werk kongenial in die Unruhe- und Umbruchszeit des Komponisten versetzt.“