Die rote Hoffnung

Mit dem tödlichen Schuss auf den Berliner Studenten Benno Ohnesorg vor 50 Jahren nahm der Versuch, die Bundesrepublik nach links zu rücken, an Fahrt auf. Es war von Anbeginn auch ein Projekt des heilspolitischen Glaubens. Ein Blick zurück im Realismus. Von Ingo Langner

Die Verehrung von Studentenführer Rudi Dutschke ist auch viele Jahre nach '68 ungebrochen. Doch alles hat zwei Seiten. Foto: dpa
Die Verehrung von Studentenführer Rudi Dutschke ist auch viele Jahre nach '68 ungebrochen. Doch alles hat zwei Seiten. Foto: dpa

Wenn es um Mythen in eigener Sache geht, haben die Roten die Nase vorn. Immer schon. „Geschlagen ziehen wir nach Haus. Die Enkel fechten?s besser aus!“, singen die Überlebenden nach dem verlorenen Bauernkrieg 1525. In seinem Buch „Hoffen und Denken“ erzählt der protestantische Theologe Jürgen Moltmann wie gern der Marxist Ernst Bloch dieses Lied zitierte. Ernst Bloch, so Moltmann, „machte aus Hiob einen Rebellen gegen Gott und blieb dem Gekreuzigten fern“. Bloch wirkt auf ihn wie „ein Theologe ganz eigenen Rechts“. Im selben Kontext zitiert Moltmann Kants Satz von „der Anlage und dem Vermögen“ (…) „in der menschlichen Natur zum Besseren“, und er nennt diesen Gedanken den „roten Faden der Hoffnung“.

Die Farbe des Fadens zeigt es an: bei dieser Art Hoffnung geht es nicht um das christliche Hoffen auf Auferstehung und ewiges Leben. Die rote Hoffnung pfeift auf das Jenseits. Sie ist ganz aufs Diesseits gerichtet. Ihr glühender Kern ist der Mensch und nur er allein: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“, schreibt Bloch in seinem 1918 publizierten Werk „Geist der Utopie“.

Ernst Bloch kommt 1885 zur Welt. Rudi Dutschke wird 1940 geboren. Beide sind zwei Generationen voneinander getrennt. Doch wenn es um Weltveränderung geht, sind der rheinländische Philosoph und der brandenburgische Revolutionär ein Herz und eine Seele. Ihr gemeinsamer roter Faden ist der Marxismus. Genauer gesagt, der „Neomarxismus“ getaufte Versuch, den Sozialismus a la Sowjetunion durch eine Relecture der kommunistischen Klassiker in Theorie und Praxis zu überwinden.

Die leckgeschlagene Barke der Revolution soll auch in Westdeutschland am Ufer der Insel Utopia anlanden. Wo der neue Mensch „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben“ und „nach dem Essen kritisieren“ könne, „wie er gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. So jedenfalls haben das Leben dort Karl Marx und Friedrich Engels „wissenschaftlich“ beschrieben und ihre Utopie „Klassenlose Gesellschaft“ genannt. Mein Name sei Hybris, könnte die Überschrift dazu sein.

Während Bloch nach dem Exil in den Vereinigten Staaten als Lehrstuhlinhaber erst in Leipzig und dann in Tübingen der Theorie der Revolution verpflichtet bleibt und sich, alt geworden, damit zufrieden gibt, Stichwortgeber der Studentenbewegung zu sein, will Rudi Dutschke die Welt verändern. Wer damals als Christ zum neomarxistischen Lager stieß, wollte das messianische Reich im Hier und Jetzt errichten. Wo, nach den Worten des Propheten Jesaja, der Wolf beim Lamm wohnt, der Panther beim Böcklein, wo Kalb und Löwe zusammen weiden und ein kleiner Knabe sie hüten kann. Auch Dutschke ist einer von denen.

Zumindest sieht es der Chronist Wolfgang Kraushaar so: „Rudi Dutschke wuchs in einer strenggläubigen protestantischen Familie auf. Er wurde als Christ erzogen und hatte das auch entsprechend verinnerlicht. Sein politisches Handeln war die logische Fortsetzung seines Glaubens.“ Dutschkes Erstgeborener heißt Hosea-Che. Hosea ist der erste Prophet, der die Zuwendung Gottes zum Menschen mit dem Wort „lieben“ kennzeichnet. „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer“ heißt es bei ihm. Was im Matthäus-Evangelium von Jesus selbst gleich zweimal bestätigt wird. Und der Marxist Che Guevara ist 1968, im Geburtsjahr des Kindes, schon postum zum Idol der Studentenbewegung der westlichen Hemisphäre geworden. Wer seinem Sohn das Prophetische und Revolutionäre mit auf den Lebensweg gibt, will ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, das auch die Geisteshaltung des Vaters widerspiegelt. Dutschke ist 1961 aus der DDR geflüchtet. Sein Antrieb: er will eine sozialistische Räterepublik in West-Berlin, mit ihm als Kopf. Weil die Berliner Arbeiter das anders sehen, erklärt er„Studenten“ zum neuen revolutionären Subjekt.

Dutschkes Mittel zu ihrer Aktivierung sind Provokationen an der Freien Universität, Propaganda über die Leiden der „unterdrückten Massen“ in der „Dritten Welt“ und der „Sieg im Volkskrieg“ in Vietnam. Aber wird sich allein damit die alte Welt aus den Angeln heben lassen? Sehr wahrscheinlich ist das vor 50 Jahren im Frühjahr 1967 nicht.

So gesehen ist, was am Abend des 2. Juni in einem Hinterhof in der Berliner Krumme Straße geschieht, für einen unsentimentalen, also wahren Revolutionär ein Geschenk. Denn erst der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg aus der Pistole des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras peitscht die studentischen Emotionen hoch. Jetzt erst kann sich die absurde Theorie, die Bundesrepublik Deutschland sei ein krypto-faschistischer Staat, in den Köpfen und Herzen fest verankern. Erst jetzt heißt es: Widerstand, auch gewaltsamer, wird zur Pflicht.

Kurras hat nicht in Notwehr gehandelt, wie die 14. Große Strafkammer des Landgerichts Moabit am 21. November festhält: „Die Tötung war rechtswidrig.“ Es sei aber „nicht widerlegbar, dass er sich in einer lebensbedrohlichen Lage glaubte“. Kurras wird freigesprochen. Auch in der Revision. Der Vorsitzende Richter der 10. Strafkammer des Landgerichts Berlin erklärt an Kurras gerichtet: „Menschliches Fehlverhalten oder moralische Schuld: Das haben Sie mit sich selbst und dem Herrgott auszumachen und die Last selber zu tragen. Ihnen eine strafrechtliche Schuld nachzuweisen, waren wir nicht in der Lage.“ Nach zynischer Klassenjustiz klingt das nicht gerade.

Theodor W. Adorno vergleicht Kurras mit einem NS-Mörder und kommentierte dessen Verteidigungslinie so: „Das klingt, als hätte am 2. Juni eine objektiv höhere Gewalt sich manifestiert und nicht Herr Kurras, zielend oder nicht, auf den Hahn gedrückt. Solche Sprache ist zum Erschrecken ähnlich der, die man in den Prozessen gegen die Quälgeister der Konzentrationslager vernimmt. Der Ausdruck ,ein Student‘ in seinem Satz erinnert an jenen Gebrauch, der heute noch in Prozessen und in der Öffentlichkeit von dem Wort Jude gemacht wird. Man setzt Opfer zu Exemplaren einer Gattung herab.“

In der DDR-Presse sieht man es ähnlich. In dem Periodikum „Forum“ konnte man im Juli 1967 lesen: „Kurras hat als Mensch gewiss versagt, nicht aber als Politischer Kriminalpolizeimeister. Als Befehlsempfänger der Notstandsdiktatoren tat er das, was man von ihm erwartet hatte, nämlich der Bürgerkriegsübung mit dem Erschossenen den nötigen psychologischen Nachdruck zu verleihen. Nach dem Konzept des Notstandspogroms musste Blut fließen. In dieser Situation fand Kurras das Format eines vertierten KZ-Mörders. Er ,überwand den inneren Schweinehund‘ und schoss dem Studenten ins Genick.“

Für die Linke war es damals offensichtlich, dass es ihre Aufgabe sei, das fatale Versagen der Elterngeneration von 1933 nicht zu wiederholen. Nach dem Vorbild der sogenannten Volksarmeen in Vietnam, Kuba und China wird der bewaffnete Kampf eine ernsthafte Option. Mit der „Bewegung 2. Juni“ und der „Rote Armee Fraktion“ schreiten die westdeutschen Guerillas zur Tat. Mordanschläge auf Repräsentanten „des Schweinesystems“ sind die logische Konsequenz.

Wäre Kurras' wahre Identität schon 1967 aufgedeckt worden, hätte die Theorie vom drohenden bundesdeutschen Faschismus keinen Boden unter den Füßen gehabt. Doch erst 2009 erfährt die Öffentlichkeit: Karl-Heinz Kurras war nur dem äußeren Schein nach ein West-Berliner Polizist. Hinter dieser Tarnung ist er Mitglied der SED und bereits 1950 als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR zum Kampf gegen den Klassenfeind abkommandiert worden. So gesehen ist es kein Polizeiobermeister, der am 2. Juni 1967 den tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg abgibt, sondern ein Agent des MfS.

Was ein „Agent Provocateur“ ist, dürfte Geschichtskundigen bekannt sein. So nämlich werden Personen genannt, die im Auftrag eines Staates gesetzwidrige Handlungen provozieren sollen. Als am Abend des 2. Juni die Polizei den Befehl bekommt, die Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien vor der Deutschen Oper gewaltsam aufzulösen, ist für den „Agent Provocateur“ Kurras der ideale Zeitpunkt gekommen, die aufgewühlte Situation in West-Berlin durch einen tödlichen Schuss ins Extrem eskalieren zu lassen. Aus dieser Perspektive ist es müßig, danach zu fragen, ob Kurras einen Schießbefehl aus der DDR bekam, und es ist auch müßig, danach zu suchen. Honeckers Schießbefehl ist schließlich auch nicht gefunden worden.

Die Machthaber der SED waren bekanntlich Vasallen der Sowjetunion. West-Berlin als freie Stadt innerhalb der DDR ist den Herren in Moskau damals ein Dorn im Auge. Alle Versuche, die Westalliierten zum Rückzug aus West-Berlin zu bewegen, sind gescheitert. Gegen die Massenflucht aus der DDR ist im August 1961 die Berliner Mauer gebaut worden. Jede Aktion, die dazu geeignet sein könnte, die politische Lage in West-Berlin zu destabilisieren, muss in Moskau und Ostberlin willkommen sein. Rudi Dutschkes revolutionäre West-Berliner Räterepublik liegt zwar nicht unbedingt auf der Parteilinie der KPDSU. Doch kommt Zeit, kommt Rat. Ist die westliche Machtbasis erst erschüttert, wird sich ein Weg zur Übernahme des westlichen Stadtteils schon finden lassen.

Rudi Dutschke hat die Geschichte der Revolution gründlich studiert. Ihm konnte nur recht sein, was nach dem 2. Juni 1967 hochkochte. Auf dem „Vietnamkongress“ in der Berliner Technischen Universität im Februar 1968 fordert Dutschke die US-Soldaten zur massenhaften Desertion auf und gibt die Parole von der „Zerschlagung der NATO“ aus. Das ist ganz im Sinne des Warschauer Pakts. Allerdings fährt Dutschke einen Monat später in die tschechoslowakische Hauptstadt, um sich mit dem „Prager Frühling“ zu solidarisieren. So nennt man den Versuch der dortigen Kommunisten, sich von der Moskauer Zentrale abzunabeln. Ihr Experiment eines „Sozialismus mit aufrechtem Gang“ wird im August 1968 von sowjetischen Panzern niedergeschlagen.

Wie es mit Rudi Dutschkes revolutionären Aktivitäten weitergegangen wäre, wissen wir nicht. Am 11. April 1968 (einem Gründonnerstag) streckt ihn der Hilfsarbeiter Josef Bachmann mitten auf dem Kurfürstendamm mit drei Schüssen nieder. Zwei Kugeln treffen den Kopf. Dutschke überlebt das Attentat. Die politischen Ereignisse finden in Deutschland jedoch nun jahrelang ohne ihn statt. Am Heiligen Abend 1979 stirbt er im dänischen Aarhus. Wie es heißt, an den Spätfolgen seiner Verletzung.

Jesus als Revolutionär zu sehen, ist keine Erfindung von europäischen Protestanten oder lateinamerikanischen Jesuiten. Schon der Jünger Judas, so sagt man, will den Gottessohn zum Anführer im Kampf gegen die römische Besatzungsmacht Palästinas machen. Jesus selbst hat diese Rolle entschieden abgelehnt. „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer“, ist seine Antwort. Die einzige Ausnahme will nur er selbst sein und lässt sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen. Die christliche Hoffnung ist nicht schwarz, nicht grün, nicht gelb, nicht blau und auch nicht rot.