Die fünfzig Hauptwerke der Philosophie: Petrus Abaelard: Sic et non: Methodischer Zweifel

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts begegnen sich drei der einflussreichsten Denker des Mittelalters: Bernhard von Clairvaux, Repräsentant der Mystik, der Abt von Cluny, Petrus Venerabilis, der sich unter anderem der theologischen Auseinandersetzung mit dem Islam widmet und der 1079 in Le Pallet bei Nantes geborene Philosoph und Theologe Petrus Abaelard. Letzterer studiert zunächst Philosophie, beginnt aber, nachdem er sich mit seinem Lehrer, dem Dialektiker Wilhelm von Champeaux, überworfen hat, sich im Alter von 33 Jahren der Theologie zu widmen. Sein dialektisches Können führt jedoch auch hier bald zu schweren Auseinandersetzungen, diesmal mit Anselm von Laon. Auch sonst war das Leben des „Meisters des Scharfsinns“ wie kaum ein anderes von unglückseligen Ereignissen überschattet: Die unglücklich verlaufende Beziehung zu seiner damals knapp 20-jährigen Schülerin Heloise und die zweimalige Verurteilung wegen Häresie in den Jahren 1121 und 1140 legen davon Zeugnis ab. Zuflucht fand er bei Petrus Venerabilis, dem Abaelard sowohl die Aufhebung der päpstlichen Urteile durch Innozenz II. als auch eine Aussöhnung mit Bernhard von Clairvaux, seinem großen Gegner, wenige Monate vor dem Tod Abaelards verdankt. Er stirbt am 21. April 1142.

Umso erstaunlicher angesichts dieses Leidensweges erscheint die ungebrochene Fruchtbarkeit seines Denkens bis zu seinem Tod: Der zunächst in Paris Theologie und Dialektik lehrende Abaelard betonte schon früh den Primat der Vernunft. Zudem war gerade mit dem Wiederentdecken der antiken Philosophie über die islamischen Rationalisten erneut die Methode der Dialektik in den Mittelpunkt abendländischen Denkens getreten, deren Faszination sich auch der junge Abaelard nicht entziehen konnte. Immer stärker tritt mit der Zeit auch die Theologie ins Zentrum seines Denkens und Schaffens, die selbst wiederum – erstmalig in der Geschichte christlichen Denkens – vernunftorientiert, also nach den Gesetzen der Logik handeln sollte.

Dementsprechend steht die dialektische Methode auch in seinem zwischen 1121 und 1140 entstandenen Hauptwerk „Sic et non“ („Ja und Nein“), einem der grundlegendsten Werke der Dialektik, im Mittelpunkt. Die Entstehung über einen so außergewöhnlich langen Zeitraum lässt mindestens vier unterschiedliche Bearbeitungsstufen erkennen: Die ersten drei erfolgten in den 20er Jahren des 12. Jahrhunderts, während sich die vierte (und vielleicht sogar fünfte) Redaktion erst um 1135–40 ansiedeln lassen.

Abaelard führt den Zusammenhang von Logik und Hermeneutik vor und zeigt so, wie mit Hilfe des methodischen Zweifels scheinbare Widersprüche aufgelöst werden können. Die in 158 Quaestiones (theologischen Streitfragen) behandelten Äußerungen der Bibel, Kirchenväter und Konzilien werden dabei in der Form scheinbarer Widersprüche (adversa) gegenübergestellt: Abaelard zeigt, dass dieselben Autoren eine theologische Frage einmal mit ja (sic), ein anderes Mal mit nein (non) beantworten. Interessanterweise erfolgt keine eigene Stellungnahme des Autors, vielmehr überlässt er die Lösung dem Leser selbst und liefert im Prolog nur das Werkzeug: das Aufdecken möglicher Konkordanzregeln durch die ratio.

Zentrale Themen wie das Verhältnis von Glaube und Vernunft, Theodizee und Christologie werden in den dann folgenden Quaestiones ebenso erörtert wie anthropologische Fragestellungen oder das Problem der Willensfreiheit, wobei auffällt, welch breiten Raum moralische Fragestellungen einnehmen.

Abaelards Herangehensweise ist insofern besonders bemerkenswert, als er über den Primat der Vernunft allen Menschen, nicht nur den Christen, prinzipiell die Möglichkeit rationaler Gotteserkenntnis einräumt und so den Raum für einen personalen Glaubensvollzug eröffnet. Damit bricht er mit der Tradition eines Anselm von Canterbury oder Augustinus, die im Widerstreit zwischen Autorität (auctoritas) und Vernunft (ratio) der Autorität das größere Gewicht beimaßen. So sagte Augustinus einmal, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht die Autorität der Kirche dazu veranlassen würde.

Eine solche kritische Revision christlicher Glaubenslehren, wie sie in „Sic et non“ vorgenommen wurde, löste zunächst vor allem eines aus – Unsicherheit. Dem großen Denker wurde vorgeworfen, die christliche Religion aus den Angeln heben und sie der Widersprüchlichkeiten bezichtigen zu wollen. Eine Lesung, die den Christen Abaelard völlig fehlinterpretierte, der vielmehr zeigen wollte, dass die vermeintlichen Widersprüchlichkeiten der kanonischen Schriften allenfalls in der Unvollkommenheit und Fehlbarkeit des menschlichen Geistes, nicht aber in den Schriften selbst zu suchen seien. So schreibt er in der Einleitung zu „Sic et non“: „Wir wollen uns unserer Schwäche besinnen und glauben, dass eher uns die Gnade der Einsicht fehlt, als ihnen die Gnade des Schreibens gefehlt hat”.

Diese Art des methodischen Zweifels erinnert in vielen Aspekten an die hermeneutische Methode moderner Sprachphilosophie: So schließt er aus den verschiedenen Bedeutungen desselben Begriffes, dass unter anderem die Vielfalt der Worte und Schriften Anlass zu Fehldeutungen gibt, die unter Zuhilfenahme klarer Formulierungen vermieden werden könnten. Auf der anderen Seite sieht er sich dort, wo etwa die Heilige Schrift zu vieldeutiger Interpretation Anlass gibt, ganz im Geiste Ciceros: allzu einfache Übereinstimmung führe allenfalls zu Sattheit und Überdruss.

„Der methodische

Zweifel, der sich im ständigen Anfragen an den Text äußert, ist so für Abaelard nichts anderes als ein

ständiges Sich-Öffnen des Menschen hin zur göttlichen Wahrheit“

Obwohl Abaelard sich selbst nicht als Begründer der dialektischen Methode sah (sein Werk war vor allen Dingen als Lehrbuch für seine Schüler gedacht), erweiterte er deren Anwendung derart, dass sie jetzt in den Dienst theologischer Wahrheitsansprüche gestellt werden konnte – eine Methode, die ihn zu einem der Väter der Scholastik machte und von Denkern wie Johannes von Salisbury oder Petrus Lombardus aufgenommen und von Theologen wie Thomas von Aquin perfektioniert wurde. Durch Abschriften, aber auch durch Stellungnahmen seiner Gegner ist die weite Verbreitung seiner Schriften bezeugt, deren Methodenlehre letztlich über die Scholastik hinaus die Grundlage der europäischen Wissenschaft überhaupt wird.

Keinesfalls jedoch hatte Abaelard eine Infragestellung kirchlicher Autoritäten im Sinne, noch sollte die Gültigkeit der kanonischen Schriften auf den Prüfstand. Letztere seien in jedem Fall wahr zu nennen und eventuelle Fehler im Text dem Skriptorenwesen verschuldet. Die Aussagen der Kirchenväter nicht-kanonischer Schriften hingegen können durchaus in ihrer Gesamtheit kritisch hinterfragt werden, da auch erstere unter Umständen eher Meinungen als eine allgemeingültige Wahrheit niederschrieben, während bei letzteren Wahres und Falsches in einem Text verwoben sein könnten. Diese Art kritischer Anfragen sei auch von Gott selbst gefordert: „Suchet, und ihr werdet finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan.“ Der methodische Zweifel, der sich im ständigen Anfragen an den Text äußert, ist so für Abaelard nichts anderes als ein ständiges Sich-Öffnen des Menschen hin zur göttlichen Wahrheit.