Die aktive Sprachbeherrschung wird selten

Die Kenntnis des Lateinischen beschränkt sich heute zumeist nur noch auf eine Liebhabertätigkeit, in der Kultur gibt es hierfür nur wenig Nischen. Von Clemens Schlip

„Asterix“ auf lateinisch: Bewundernswertes Engagement, aber doch nur ein Nischenprodukt. Foto: Asterix
„Asterix“ auf lateinisch: Bewundernswertes Engagement, aber doch nur ein Nischenprodukt. Foto: Asterix

Wer heute Latein lernt, der lernt es in der Regel, um Texte in dieser Sprache lesen und übersetzen zu können. Aktive Sprachbeherrschung wird nur selten angestrebt. Zwar gibt es immer noch Menschen, die lateinische Abhandlungen und Gedichte verfassen und „Asterix“ oder „Harry Potter“ ins Lateinische übersetzen, aber aufs Ganze betrachtet handelt es sich dabei um Liebhabertätigkeiten, die in der zeitgenössischen Kultur nur noch wenige Nischen finden.

Bis weit in die Neuzeit hinein war das ganz anders. 70 Prozent der sogenannten „Wiegendrucke“ aus der Anfangsphase des Buchdrucks entfielen auf lateinische Werke, deutsche und italienische Bücher folgten erst mit weitem Abstand auf den Plätzen zwei und drei. Wissenschaftler und Literaten verfassten ganz selbstverständlich Bücher in der Sprache der Römer. Seit dem Renaissancehumanismus orientierte man sich dabei sprachlich wie stilistisch wieder strenger an den klassischen Texten der Antike, wodurch man sich vom Latein des Mittelalters (dem „Mittellatein“) abgrenzte. Dieses „Neulatein“ war bis weit in das 18. Jahrhundert hinein die Sprache der europäischen Wissenschaftsgemeinschaft. Und anspruchsvolle Dichtung in dieser Sprache war, anders als heute, nicht die Liebhabertätigkeit eines verschworenen kleinen Zirkels, sondern ein zentraler und prestigeträchtiger Teil des literarischen Betriebs. Diese neulateinische Dichtung beschränkte sich nicht auf geistlose Nachahmung antiker Vorlagen, sondern war in ihren Formen und ihrem gedanklichen Inhalt oft bemerkenswert originell und durchaus „modern“. Dass in dem Zeitraum zwischen etwa 1400 und 1800 auf diese Weise eine mehrere Millionen Werke umfassende Literaturproduktion entstanden ist, die das aus Altertum und Mittelalter Überlieferte mengenmäßig weit übertrifft, ist vielen nicht bewusst. Das ist bedauerlich: Denn wenn man diese Autoren und ihre Werke, die zu ihrer Zeit teilweise in höchstem Ansehen standen, nicht zur Kenntnis nimmt, ergibt sich ein unvollständiges und letztlich auch unzutreffendes Bild der betreffenden Epoche. Dass es verhältnismäßig wenig Neuausgaben oder moderne Übersetzungen aus dem Bereich dieser Literatur gibt, dürfte dazu beitragen. Die modernen Digitalisierungsprogramme bringen hier eine gewisse Erleichterung mit sich. Seit Jahrhunderten nicht wiederaufgelegte Texte, die bis vor wenigen Jahren nur in Sonderlesesälen zugänglich waren, lassen sich nun bequem herunterladen.

Neulateinische Literatur steht oft im Rufe gelehrter Pedanterie und geistlosen Epigonentums. Von der Wissenschaft wurde sie lange eher stiefmütterlich behandelt: den klassischen Philologen war sie nicht alt genug, während die neueren Philologien sie primär negativ als Konkurrentin der aufkommenden volkssprachlichen Nationalliteraturen betrachteten. Gerade die Germanistik hat sich lange schwer damit getan, die neulateinische Produktion deutscher Autoren als vollwertigen Forschungsgegenstand zu begreifen. Eine neulateinische Philologie mit eigenen institutionellen Strukturen hat sich erst seit den 1970ern langsam herausgebildet. Ein Vertreter dieser noch recht jungen Disziplin legt nun die vermutlich erste an ein weiteres Publikum gerichtete „Geschichte der neulateinischen Literatur“ vor. Der Verfasser Martin Korenjak ist Professor für Klassische Philologie und Neulatein an der Universität Innsbruck. Korenjak bietet in seinem Buch zunächst einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der neulateinischen Literatur und ihren im 18. Jahrhundert einsetzenden und dann rapide fortschreitenden Bedeutungsverlust. Im zweiten Teil seines Buches geht er auf die verschiedenen Bereiche ein, die von dieser Literatur abgedeckt wurden (Geschichtsschreibung, Briefliteratur, Theologie) und stellt dabei exemplarisch wichtige Werke und Autoren vor. Dabei berücksichtigt er aus gutem Grund auch die modernen Naturwissenschaften, denen man inhaltlich ja gerade kein sklavisches Festhalten an antiken und mittelalterlichen Ideen vorwerfen kann.

Lateinisch schreibende Naturwissenschaftler wie Isaac Newton oder der Jesuit Keppler verfolgten mit ihren Schriften auch noch literarische Ziele. Inhaltlich wie stilistisch glänzend ist etwa die im Wortlaut zitierte Beschreibung eines Vesuvausbruches durch Keppler, die in einem pathosgeladenen Bekenntnis der göttlichen Allmacht gipfelt. Und es war ein Naturwissenschaftler, der Schweizer Botaniker Albrecht von Haller (1708–77), der die in seiner Zeit einsetzende Zurückdrängung der lateinischen Wissenschaftssprache beklagte: „Der heutigen Nationen Gebrauch, dass jede in ihrer eigenen Sprache schreiben will, wird zum unerträglichen Joche für die Gelehrten, die anstatt der einzigen lateinischen Sprache jetzt sechs oder acht Sprachen verstehen müssen.“ Haller selbst hinterließ eine umfangreiche lateinische Briefkorrespondenz.

Im Kapitel über „schöne Literatur“ erinnert Korenjak an Dichter wie die Jesuiten Balde (den „deutschen Horaz“) und M.K. Sarbiewski (den „Horaz des Christentums“). Bei solchen Poeten, die bewusst mit den großen antiken Autoren wetteiferten, kommt es häufig zu einer reizvollen Verschmelzung von traditioneller Form und neuzeitlichen Befindlichkeiten. Auch die umfängliche Romanproduktion wird berücksichtigt: die „Utopia“ des heiligen Thomas Morus, die für eine ganze literarische Gattung (die „Utopie“) namensgebend wurde, ist wohl das bekannteste Beispiel. Hierzu gehört auch Ludvig Holbergs „Nicolaii Klimii iter subterraneum“ („Niels Kliems unterirdische Reise“), das in viele Volkssprachen übersetzt wurde und noch Jules Vernes zu seinem Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ inspirierte. Hätte Holberg sein Buch in seiner Muttersprache Dänisch veröffentlicht, hätte er diese europaweite Verbreitung wohl nie erreicht.

Korenjak hat einen Fehler in seinem Buch klug vermieden: Er geht nicht so weit, eine „Rolle rückwärts“ zum Lateinischen als Leitsprache zu fordern, wie das manche Aktivisten des „lebendigen Lateins“ tun. Allerdings wird man sagen dürfen, dass das Lateinische als Leitsprache für mehr Gerechtigkeit sorgte, weil es keine „native speakers“ gab, die schon aufgrund ihrer Herkunft sprachlich im Vorteil waren.

Mit der vorliegenden, an ein weiteres Publikum gerichteten Monographie schließt der Autor eine Lücke auf dem Buchmarkt. Diese „Geschichte der neulateinischen Literatur“ erinnert daran, dass die wichtigen intellektuellen Weichenstellungen der Neuzeit zu einem großen Teil in Büchern erfolgten, die in einer seit der Antike „toten“ Sprache ohne Muttersprachler verfasst waren. Erst mit der Kenntnisnahme dieser Literatur ergibt sich ein vollständiges Bild der Neuzeit und der europäischen Literaturgeschichte. Man wird im besten Fall Korenjaks Einführung auch als Anregung verstehen, sich vielleicht mit dem einen oder anderen der vorgestellten Titel selbst zu beschäftigen.

Martin Korenjak: Geschichte der neulateinischen Literatur. Vom Humanismus bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2016, 304 Seiten, ISBN 978-3-406-690323-7, EUR 26,95