Die Wilden, das sind die anderen

Mit der Biografie eines Scharfschützen sieht Clint Eastwoods „American Sniper“ die Irakkriege erschreckend vereinfacht. Von José García

Auf einem Dach liegend muss Scharfschütze Chris Kyle (Bradley Cooper, rechts) in Sekundenbruchteilen über Leben und Tod entscheiden. Foto: Warner
Auf einem Dach liegend muss Scharfschütze Chris Kyle (Bradley Cooper, rechts) in Sekundenbruchteilen über Leben und Tod ... Foto: Warner

Chris Kyle hält einen fragwürdigen Rekord: Mit 160 offiziell vom Pentagon bestätigten tödlichen Treffern gilt er als der zielsicherste Scharfschütze in der Militärgeschichte der Vereinigten Staaten. Kyle diente bei den Navy Seals (derselben Einheit, die im Jahre 2011 Osama Bin Laden in Pakistan erschoss) von 1999 bis 2009. Über seine vier Einsätze im Irak veröffentlichte Kyle 2012 eine Autobiografie, die ihn berühmt machte. Am 2. Februar 2013 wurde Kyle zusammen mit einem Freund von einem traumatisierten Veteranen erschossen und nach seinem Tod in den Vereinigten Staaten als Held gefeiert. Kyles Autobiografie adaptieren Drehbuchautor Jason Hall und Regisseur Clint Eastwood im nun anlaufenden Spielfilm „American Sniper“ für die große Leinwand.

„American Sniper“ beginnt mit einem Häuserkampf in einer zu einem Trümmerhaufen gewordenen irakischen Stadt. Zu sehen sind lediglich zerstörte Häuser, zerstörte Straßen, zerstörte Autos. Zunächst dreht sich ein Panzer auf die Zuschauer zu. Sofort schwenkt die Kamera von Tom Stern, der seit „Mystic River“ (2003) alle Filme von Clint Eastwood fotografiert hat, auf den Scharfschützen Chris Kyle (Bradley Cooper), der in Sekundenschnelle eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen muss. Eine Frau und ein Kind bewegen sich verdächtig auf die amerikanischen Soldaten zu. Als die Frau aus ihrem Umhang eine Panzerfaust hervorholt, erschießt sie der Scharfschütze. Nun übernimmt der kleine Junge die Panzerfaust. Chris Kyle fixiert ihn im Fadenkreuz. Die Entscheidung, ob er schießen soll, liege allein bei ihm, wird dem Scharfschützen per Funk mitgeteilt.

Scharfer Schnitt. Der Film zeigt nun denselben Chris Kyle, als der etwa zehnjährige Junge auf der Jagd zusammen mit seinem Vater seinen ersten Hirsch erlegt. Von nun an erzählt Clint Eastwood Kyles Geschichte chronologisch. Nach einer ziellosen Jugend in Texas ändert eine Fernsehnachricht sein Leben: 1998 werden die Botschaften der Vereinigten Staaten in Daressalam und Nairobi von Terroristen angegriffen. Chris Kyle meldet sich zum Militärdienst bei den Navy Seals, um sein Land zu verteidigen. Während seiner Ausbildung lernt er seine künftige Frau Taya (Sienna Miller) kennen. Von nun an schildert „American Sniper“ das Militär- und das Familienleben von Chris Kyle parallel. So erfährt er von seinem ersten Irakeinsatz ausgerechnet auf seiner Hochzeit. Zunächst liegt er auf Hausdächern, um von dort aus die „Guten“ zu schützen, indem er „Böse“ (er nennt sie „Wilde“) erschießt. In späteren Einsätzen, in denen er von seinen Kameraden als „Legende“ bezeichnet wird, begleitet er die US-Soldaten auf dem Boden, um ihnen Rückendeckung zu geben. Das Hauptziel Chris Kyles bleibt jedoch, den besten Scharfschützen auf irakischer Seite, der bei den Olympischen Spielen für Syrien eine Goldmedaille gewonnen hatte, zu eliminieren. Nach seinem vierten Einsatz scheidet Chris Kyle im Jahre 2009 aus der Armee aus. Nun beginnt die schwierige Zeit, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Seine Frau Taya wirft ihm vor, seine zwei Kinder hätten eigentlich keinen Vater. Diese Traumatisierungsphase ist jedoch von verhältnismäßig kurzer Dauer. Dank seines Einsatzes für Kriegsversehrte kann Kyle wieder ein normales Leben führen. Bis zum 2. Februar 2013.

Unabhängig von der Schauspielleistung des Kyle-Darstellers Bradley Cooper, der für diese Rolle für den Oscar nominiert wurde, zeichnet sich „American Sniper“ durch eine gesteigerte patriotische und vereinfachende Haltung der Irak-Kriege aus. Eastwoods neuester Film wurde wegen seiner simplen Aufteilung in „Gute“ und „Böse“ mit billigen Western, die Indianer als einfältig und hinterhältig darstellen, sowie mit den amerikanischen Zweiter-Weltkrieg-Filmen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die deutsche Soldaten ebenfalls als stupide und grausam schildern, verglichen.

Drehbuchautor und Regisseur zeigen nicht das geringste Interesse für die „andere Seite“: In „American Sniper“ sind Iraker durchweg „Wilde“ oder einfach Terroristen, einschließlich Frauen und Kinder. Über die Hintergründe der Irak-Kriege verliert Clint Eastwood kein Wort. Der Regisseur übernimmt unkritisch die vereinfachte Sicht des Scharfschützen, der keinen einzigen seiner Tötungsakte bereut, da er sich im Recht wähnt, und betreibt Heldenverehrung in kaum zu überbietender Manier. Der Gedanke, dass Iraker eventuell ihr Land gegen einen Aggressor verteidigen, der über eine um ein Vielfaches höhere militärische Macht verfügt, scheint Jason Hall und Clint Eastwood keinen einzigen Augenblick in den Sinn gekommen zu sein. Um zu begreifen, was Drehbuchautor Jason Hall und Regisseur Clint Eastwood eigentlich in „American Sniper“ erzählen, stelle man sich als Vergleich vor, ein deutscher Spielfilm würde den Überfall der Wehrmacht auf Polen als patriotische Tat und die sich verteidigenden Polen als „Wilde“ oder als gar Terroristen darstellen.

Zwar erkennen die Filmemacher die Zielgenauigkeit des irakischen/syrischen Scharfschützens an, von dem übrigens der Zuschauer nichts erfährt, außer dass er eine olympische Goldmedaille gewann. Seine Ziele findet er aber im Gegensatz zu Kyle dank der Hilfe von Spitzeln. Zwar behandelt der Film Kyles Traumatisierung nach seiner Rückkehr. Diese überwindet er aber ohne größere Schwierigkeiten – im Kontakt zu Kriegsversehrten und nicht etwa zu anderen Traumatisierten des Krieges. „American Sniper“ veranschaulicht eine solch vereinfachende Sicht der Irakkriege, die von einem erfahrenen Regisseur wie Clint Eastwood kaum für möglich hätte gehalten werden können.