Die Unschuld wiederfinden

Mit Mitteln der Stummfilmära und erzählt „Die Fee“ ein modernes (Liebes-)Märchen. Von José García

Als die Fee Fiona (Fiona Gordon) in das Leben des Hotel-Portiers Dom (Dominique Abel) eintritt, beginnt eine turbulente Geschichte mit skurrilen Figuren. Foto: kinostar
Als die Fee Fiona (Fiona Gordon) in das Leben des Hotel-Portiers Dom (Dominique Abel) eintritt, beginnt eine turbulente ... Foto: kinostar

„Die Fee“ schildert auf poetisch-verschrobene Weise eine in der nordwestfranzösischen Hafenstadt Le Havre angesiedelte Liebesgeschichte. Der Film des Drehbuch- und Regie-Trios Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy wirft aber auch einen warmherzigen Blick auf Menschen am Rande der Gesellschaft. Der Hotel-Nachtportier Dom (Dominique Abel) versucht, ein Sandwich zu essen, wird aber immer wieder daran gehindert: Zunächst unterbricht ihn ein englischer Tourist mit kaum vorhandenen Französischkenntnissen und einem im Koffer versteckten Hund. Dann kommt ins Hotel eine Frau (Fiona Gordon) in rosa Jogginghose und barfuß, die sich Dom als Fee vorstellt, die ihm drei Wünsche erfüllen möchte. Die ersten zwei Wünsche kann Dom denn auch schnell aussprechen: Er möchte einen Motorroller – kein Wunder, nachdem bereits in der Eröffnungssequenz Doms Fahrrad im strömenden Regen die Kette mehrfach sprang – und lebenslang Benzin dazu. Nur ein dritter Wunsch fällt ihm nicht ein. „Lass Dir nur Zeit!“, antwortet die Fee Fiona.

Am nächsten Morgen steht zwar ein Motorroller in der Hotelrezeption, Fiona ist aber verschwunden. Weil sich Dom in sie verliebt hat, macht er sich auf den Weg auf seinem nagelneuen Moped. Er findet Fiona in einer psychiatrischen Klinik, wo sie über Nacht hochschwanger geworden ist. Der märchenhafte Charakter des Filmes „Die Fee“ setzt sich in den weiteren Figuren fort. Als da sind: ein hochgradig sehbehinderter Kellner (Bruno Romy), drei illegale Einwanderer aus Afrika, die den von Dom in den Abwasserkanal geworfenen Hund des englischen Touristen finden und sich von diesem nach England schmuggeln lassen möchten, Patienten der psychiatrischen Klinik, die beim Pokerspiel verschiedenfarbige Pillen als Einsatz benutzen, zwei fahrradfahrende, aber völlig orientierungslose Polizisten sowie trinkfeste Rugbyspielerinnen mit einer wunderbaren Sängerin. In Übereinstimmung mit diesen schrulligen Figuren zeichnet sich die Inszenierung von „Die Fee“ durch einen laut Bruno Romy „magischen Realismus“ aus, der etwa in der Geburt von Fionas Kind verdeutlicht wird. Zwar erinnert vieles von der Farbgebung über die lakonischen Dialoge („Sie sind der Nachtportier. Es ist bereits Nacht“) bis zu den Handlungsunterbrechungen durch den Gesang an Aki Kaurismäki, dessen letzter Film nicht nur in derselben nordfranzösischen Stadt spielt, sondern auch „Le Havre“ heißt.

Die übertriebenen Gesten und Körperbewegungen, aus denen sich in „Die Fee“ die Komik größtenteils speist, verweisen allerdings auf die Stummfilmära. So wirken etwa die Kaufhausdiebstahl- und Schuhgeschäfts-Sequenz ziemlich chaplinesk. Das Regie-Trio verwendet darüber hinaus für die Spezialeffekte uralte Techniken, so etwa bei einer Verfolgungsjagd die von Alfred Hitchcock gern eingesetzte Rückprojektion, bei der das Auto steht, während die vorher abgefilmte Umgebung an ihm vorbeizieht. Die Rückprojektionstechnik kommt darüber hinaus in einer wunderbar poetischen Szene, bei der Fiona und Dom unter Wasser tanzen, die laut Dominique Abel „quer durch ein Aquarium“ gefilmt wurde, sodass sich das Tanzpaar vor einer Wasserprojektion bewegte. Die Kamera bleibt zum größten Teil statisch. Dazu führt Dominique Abel aus: „Wir bevorzugen die statische Einstellung, weil diese es den Schauspielern auf eine ganz selbstständige und schöne Art und Weise erlaubt, jeglichen Rhythmus dem Bild selbst einzuhauchen.“ Das unterstreicht das Clowneske an ihrem Spiel, das sich innerhalb des unbewegten Bildes selbst bewegt. Diese Clownerien weisen auf eine kindliche Unschuld hin, über die Fiona Gordon sagt: „Wir sind zwar keine Kinder mehr, aber wir versuchen stets in unseren Filmen eine Art Unschuld wiederzufinden, eine Welt, in der uns alles erstaunt und überrascht, wiederum ohne allerdings ins Kindische zu verfallen.“

Wie bei Aki Kaurismäki oder Charles Chaplin stehen im Mittelpunkt von „Die Fee“ benachteiligte Menschen: „Der Film zeigt Werdegänge von Menschen am Rande der Gesellschaft. Ein kurzsichtiger Betriebsinhaber der seinen Führerschein verloren hat, einen einsamen Engländer der seinen Hund verloren hat, eine Frau die in einer psychiatrischen Klinik eingewiesen ist, einen Nachtwächter, Flüchtlinge... Das Glück wird ihnen alles andere als auf dem Silbertablett serviert, vielmehr müssen sie sich alle aktiv auf die Suche danach begeben“, so Dominique Abel.

Dieses in kleinen Episoden erzählte, mit vielen witzigen Slapstick-Einfällen und lakonischen Dialogen garnierte, skurrile moderne Märchen über die Suche nach Glück, das mit minimaler Handlung und minimalistischen filmischen Mitteln auskommt, führt bei den Protagonisten zu einem Happy End in Sachen Liebe. Zum Gelingen von „Die Fee“ trägt nicht unwesentlich bei, dass die Chemie zwischen Dominique Abel und Fiona Gordon stimmt. Denn sie sind seit vielen Jahren auch privat ein Paar.