Würzburg

Die Tür zur Vollkommenheit

Christsein bedeuted Kampf gegen die Selbsttäuschung. Erste theologische Erkenntnisse nach 100 Tagen als orthodoxe Christin.

Christus finden
Mächtiges Licht, kleiner Eingang: Die Tür einer Kirche ist auch für orthodoxe Christen ein wichtiges Symbol für Christus und den Weg zu Ihm. Foto: dpa

Alles Menschliche und auch das menschliche Denken sind willkürlich. Solange wir das hinnehmen, werden in der Folge auch unsere Gefühle und unser gesamtes Leben willkürlich. Wir leben im Stand der Selbsttäuschung und lassen uns nach Gefühl, Kultur, Wissen und Logik verleiten, nehmen angenehme Lügen an, geben sie als Wahrheit aus und werden von allen anderen Menschen in unseren Leidenschaften und Halbwahrheiten bestärkt, in denen diese ebenso festhängen – höchstens findet noch hier und da eine Unterscheidung nach traditionellen moralischen Maßstäben statt, so dass die Leidenschaft des Kinderschänders anders bewertet wird als die Leidenschaft des Feinschmeckers.

Christen haben mit dem Kampf gegen alle Leidenschaften den Kampf gegen die Selbsttäuschung aufgenommen. Geht es doch darum, seinem Selbst zu entsagen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen. Im mit der Natur gegebenen Zustand der Selbsttäuschung, ohne die Gnade Gottes, sehen wir nicht klar, und selbst noch unter der Gnade ist es ein langer, steiniger Weg, die täglich notwendigen Unterscheidungen richtig zu treffen und den Kampf eigener Umkehr zu führen, um Dinge, Gedanken und Gefühle in uns loszulassen.

„Im mit der Natur gegebenen Zustand der Selbsttäuschung,
ohne die Gnade Gottes, sehen wir nicht klar, und selbst noch unter der Gnade ist es ein langer,
steiniger Weg, die täglich notwendigen Unterscheidungen richtig zu treffen“

Lehrt die große Mehrheit der Theologen und Kirchenleute nicht aber das Gegenteil? Sie führen ein in die Optimierung des Menschlichen; christliche Wahrheit sei nur Beiwerk des Menschen, sein Besitz und eine Art menschliche Erkenntnis (Gnosis). So ist die Moderne nicht mehr beim biblischen Glauben der Jungen Kirche, sondern beim eigenen Denken des Glaubens und ja, sogar beim Fühlen des Glaubens gelandet. Anhaltspunkt des Gelingens soll nur menschliche „Glaubensfreude“ sein – und diese dann Selbstbezeugung der „Authentizität des Bekenntnisses“, also Gottes selbst. Glaube versinkt im Kampf um Macht in der Welt in instrumentalisierten seelsorgerlichen Aspekten und ethischen Zielen, und durch das Ausbuchstabieren von Machtfragen festigen diese Gnostiker ihren Anspruch auf eine bessere Welt. Errettung der Seelen meint dann Lebenserhaltung um jeden Preis und pervertiert in der Ökumene zum Alle-glauben-an-denselben-Einen.

Selbstaufgabe (nicht bloß Hingabe) dagegen erscheint als schier unmögliche Herausforderung Gottes in einer Welt, in der Autorität und Hierarchie weitestgehend abgeschafft sein sollen, das Wort „Ich“ wesentlich höher steht als das Wort „Wir“ und der Mensch kaum mehr für etwas anderes lebt als für sein eigenes Glück. Selbstaufgabe steht dem Geist der Welt diametral entgegen, kaum einer will noch ihre Notwendigkeit erkennen. Stattdessen usurpiert man sein angebliches Geliebtsein von Gott und betont die Rechte des Menschen, seinen Anspruch auf Glück als Bedürfnisbefriedigung – der Mensch als Tier.

Die Orientierung am Menschlichen ist der Nährboden der Selbsttäuschung

Diese gottfreie Orientierung am Menschlichen und seinen Bedürfnissen war immer schon der Nährboden der Selbsttäuschung, und der Teufel ist bestrebt, uns darin einzuspannen und unsere nach Befriedigung strebenden Gefühle so richtig in Schwung zu halten. So erscheint der Widersacher Gottes als ausgeglichen lächelnder Engel – und hält uns in unserem selbstgewollten Untergang. Abhängigkeiten und Versklavung werden verkittet, doch die tödlichen Früchte erscheinen den Modernen als Errungenschaft und Segen ihres irdischen „Gottes“, als Durchbruch des Humanums.

Die Perspektive ist verdreht: Man will zu Gott kommen, weil Er uns liebt. Gott als verliebter Narr, dem man gnädig die Hand reicht. Da Gott jedoch die einzige ewige Wirklichkeit ist und alles andere vergänglich, also auch wir, ist Er der einzige Ort, an den man sich überhaupt sinnvoll wenden kann („Wohin sollen wir sonst gehen?“, Joh. 6, 68). Entscheidend ist nicht die Liebe Gottes, sondern unsere Liebe zu Gott, die sich darin ausdrückt, dass wir nicht mehr den eigenen Willen tun, sondern Seinen und noch mehr. Soldaten und Maschinen gehorchen, Christen tun viel mehr als das.

Die Herausforderung eines Christen in der heutigen Welt besteht also darin, die Kirche zu finden, die dient, indem sie ihn durch die Mysterien und das kirchliche Leben der Anbetung und des Gebets mit der Gnade Gottes in Berührung bringt und so zu etwas anderem als zu einem Menschen macht – nämlich zu einem Christen. Auf diesem Weg darf man sich nicht abschrecken lassen, Ziel ist die Errettung der Seelen in die Ewigkeit, das Eintreten in das Königtum Gottes – nicht das sorglose Leben in Wohlbehagen. Wo wir in unserer menschlichen Autonomie und der Befriedigung unserer Leidenschaften bestärkt werden, müssen wir also alarmiert sein!

Die Wirkung der von Gott abgefallenen „Geister“ wird nur dadurch abgewehrt, dass wir unsere Selbsttäuschung annehmen und bekämpfen, unsere Leidenschaften und Sünden missachten lernen und so langsam in die Gnade Gottes hineinwachsen. Von den zehn Menschen, die Jesus heilt, geht nur einer zurück, um Gott zu danken. Was ist mit den anderen neun? Theologen, Gurus, Therapeuten und viele Kirchenleute kreisen um den Menschen, seine Erfolge, Glück, Denken, Handeln und Fühlen, obwohl für Gott dabei nicht wirklich etwas gewonnen ist, wenn man eine Wunde versorgt oder irgendeine menschliche Erkenntnis erlangt. Wäre man weiter, wenn endlich Frieden, Wohlstand und Glück auf Erden wäre? Nein! Denn das Elend wird in jedem Kind neu in die Welt geboren. Und wie viele Probleme gibt es, die sich gar nicht lösen lassen! Was wir heute an Auflösung von Gesellschaft und Familie erleben, wird in den Menschen so tiefe Verluste verursachen – keine Therapie wird so schnell dagegen ankommen.

„Christsein bedeutet, in Gott die Kraft zu finden, an der eigenen Sünde vorüberzugehen,
nicht zurückzuschauen, die eigenen Leidenschaften zu übergehen, sich von sich selbst zu befreien,
sich selbst zu verschenken, Christus nachzufolgen und Gott zu verehren“

Daher hat die echte Errettung des Menschen zum Christsein auch nicht mit dieser Welt und mit uns selbst für uns selbst zu tun, sie ist auch kein Denken oder Fühlen, keine Erkenntnis, keine Theorie, keine Methode, kein (Natur-)Gesetz oder Menschenrecht, keine perfekte Moral oder fromme Mystik, sondern sie besteht im Erleben der Person Gottes im Leben der Kirche, in ihrer Liturgie und den Mysterien; und jeder, der sich vom Geist leiten lässt, wird nicht zu sich selbst, zum eigenen Denken und Fühlen geführt, sondern zum wahren christlichen Glauben der Kirche; dieser lädt dazu ein, aus der Sicherheit der eigenen Selbsttäuschung hinauszuspringen in die Unsicherheit des echten Glaubens.

Christsein bedeutet, in Gott die Kraft zu finden, an der eigenen Sünde vorüberzugehen, nicht zurückzuschauen, die eigenen Leidenschaften zu übergehen, sich von sich selbst zu befreien, sich selbst zu verschenken, Christus nachzufolgen und Gott zu verehren. Es ist das Überspringen jeder Therapie. Auf dem Weg der echten Nachfolge sieht ein Christ, wie sündig er wirklich ist, er wehrt jede verführende Selbsttäuschung, Halbwahrheit und Lüge immer wieder ab, darum ist das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit das Fundament allen Gebets. Wir sind nicht deshalb Christ, weil Gott uns liebt, sondern weil wir selber Gott lieben. Wir sind Christ, weil wir dem danken, der uns heilt und die Tür zur Vollkommenheit und Heilung aufgemacht hat in seiner Person und für uns offen hält bis heute in und durch die Kirche. Denn die Wahrheit der Mysterien ist eine Person und keine Lehre, sie besteht nicht aus Wörtern (Verkündigung oder Botschaft), sondern aus dem personalen Logos im Fleisch, und teilt sich uns nicht über Wörter mit, sondern über das Erleben der Person Gottes. Diese Person ist im Geist und in der Wahrheit in der immer gleichen vollkommenen Göttlichen Liturgie greifbar, sie ist bei uns und nimmt uns in sich auf, immer wieder, jedes Mal. Ob wir es fühlen, wahrnehmen, erkennen oder nicht – egal. Es ist so. Allerdings bringen wir uns selbst um die Früchte dieses Hineingenommen-Werdens in Gott durch Gott in der Kirche, wenn wir bockig sind und nicht hören wollen. Doch das ist unsere Verantwortung und Zeichen unserer Menschlichkeit, die zu überwinden ist, denn Christus ging ans Kreuz, die Märtyrer in die Arenen – bis heute.

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