Die Reichseinheit war ohne Krieg möglich

Die Biographie zu Bismarck von Max Lehmann blieb in der Forschung unberücksichtigt – Vor 200 Jahren wurde der preußische Staatsmann geboren. Von Michael F. Feldkamp

Reichskanzler Otto von Bismarck. Foto: IN
Reichskanzler Otto von Bismarck. Foto: IN

Unter den Veröffentlichungen, die in den nächsten Wochen anlässlich des 200. Geburtstags von Otto Graf von Bismarck zu erwarten sind, hebt sich ohne Zweifel das Werk von Max Lehmann mit dem Titel „Bismarck. Eine Charakteristik“ ab. Max Lehmann, dessen umfangreiche Akteneditionen über „Preußen und die katholische Kirche seit 1640“ scharfen Angriffen von katholischer Seite ausgesetzt war, starb bereits 1929. Und auch seine Studie über Bismarck mag nicht jedem gefallen. Lehmann beanspruchte, sich beharrlich und kompromisslos um die historische Wahrheit zu bemühen. 1912 schrieb er: „Die inmitten des eigenen Volkes begangenen Fehler nicht vertuschen, getreu dem Grundsatz, der das A und O unserer Wissenschaft ist: erst die Wahrheit und die Gerechtigkeit, dann alles andere.“ Dahinter verbarg sich bei Lehmann kein Positivismus, sondern Pazifismus; Lehmann versucht zu zeigen, dass es auch ohne Kriege hätte zur Reichseinigung 1871 kommen können. Nicht ohne Grund ist deswegen die Studie in der Schriftenreihe „Geschichte & Frieden“ erschienen.

Damit distanzierte sich Lehmann vor allem von den vielen Historikern seiner Zeit, die ihre Arbeiten in den Dienst Preußens und/oder des Vaterlandes stellten. Erst in der Weimarer Demokratie fand sich der konservative Historiker Lehmann auch politisch wohl. Lehmann war ein streitbarer Geist. Freilich war auch er nicht frei von Ideologie und Einflüssen. So zeichnete ihn zeitlebens seine entschiedene antikatholische Haltung aus.

Die hier wiederveröffentlichte Charakteristik Bismarcks enthält seine Bismarck-Vorlesungen aus den Jahren 1906 bis 1921. Sie sind ein besonderes zeithistorisches Dokument, und wurden 1948 erstmals veröffentlicht. Da er in Preußen mit seiner Geschichtsanschauung nicht reüssierte, glaubte seine Tochter 1948, als Preußen von den Alliierten definitiv zerschlagen worden war, die Gunst der Stunde sei gekommen, diese Texte herauszugeben.

Erst durch den Beitrag von Helmut Donat mit dem Titel „Zur preußischen Wende der deutschen Geschichte: Die Unterredung Bernhardi–Roon im Februar 1862“ wird deutlich, warum eine Neuauflage der eigenwilligen Bismarck-Charakteristik herausgegeben wurde. Donat wies in seinem Beitrag nach, dass keiner der großen Bismarck-Biografen sich mit Lehmanns Theorien beschäftigt hat. Nur so kommen die Bismarck-Biografen zu ihrer „mechanistisch-struktur-realistischen Geschichtsauffassung“, die Bismarck zum Erfüllungsgehilfen und Vollstrecker von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen macht. Donat kritisiert in der Nachfolge von Lehmann, dass die gängigen Bismarck-Biografien seine Gewalt- und Eroberungspolitik als geradezu unerlässlich rechtfertigen. Bismarck hat seine Kriege geschürt. Es hätte auch auf anderen Wegen zu Preußens Hegemonie und zur Reichseinigung kommen können.

Mit diesen Ansichten steht Lehmann nicht alleine da. Andere Studien aus dem 20. Jahrhundert bis zur Weimarer Republik entfalten ähnliche Ansätze. Vielleicht kann aber dieser Band dazu beitragen, nicht nur eine andere Sicht auf Bismarck zu bekommen, sondern sich intensiver mit Lehmann zu beschäftigen.

Max Lehmann: Bismarck. Eine Charakteristik (= Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Bd. 31), herausgegeben von Gertrud Lehmann, mit Beiträgen zur Neuausgabe von Gerd Fesser und Helmut Donat, Donat Verlag, Bremen 2015, 352 Seiten, ISBN-13: 978-3943425475, EUR 16,80