Die Narben der Vergangenheit

Mehr als ein Kriminalroman: Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“ erzählt unaufgeregt aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Von José García

Die Aufklärung eines Kriminalfalls, der weit zurück in die Vergangenheit reicht, erinnert den Leser unweigerlich an Agatha Christies vorletzten Roman „Elefanten vergessen nicht“ („Elephants Can Remember“, 1972). Elefanten wird zwar ein schier gigantisches Gedächtnis nachgesagt. Aber wie sehr sich Menschen an eine lange zurückliegende Vergangenheit erinnern können, insbesondere dann, wenn diese mit den Urgefühlen des Menschen wie Liebe oder Schuld zusammenhängt, davon handelt Mechtild Borrmanns Kriminalroman „Wer das Schweigen bricht“, der im August von der „Zeit“ an erster Stelle unter den „zehn besten Krimis des Monats“ geführt wurde.

Nach dem Tod seines Vaters Ende 1997 entdeckt der Arzt und Wissenschaftler Robert Lubisch im Schreibtisch der Essener Villa des ehemaligen Fabrikanten Friedhelm Lubisch einen SS-Ausweis mit dem Namen Wilhelm Peters, einen Passierschein ohne Namen und einen auf den Namen seines Vaters ausgestellten Entlassungsschein aus der Kriegsgefangenschaft. Unter den Dokumenten befindet sich noch das sepiafarbene Porträtfoto einer jungen Frau. Dass sein Vater bei der Großoffensive der Alliierten am Niederrhein den Ausweis des toten SS-Scharführers Wilhelm Peters, dessen Foto durch eingetrocknetes Blut unkenntlich geworden war, und einen Passierschein an sich nahm, womit Friedhelm Lubisch es durch die deutschen Linien bis ins Ruhrgebiet schaffte – diese Erzählung hatte Robert von seinem Vater immer wieder gehört. Das Bild kannte er allerdings nicht, noch weiß der Wissenschaftler, in welcher Beziehung die junge, attraktive Frau einst zu seinem Vater gestanden haben mag.

Robert geht dem einzigen Hinweis nach: Er fährt nach Kranenburg, dem niederrheinischen Ort, an dem das Foto aufgenommen wurde. Dort trifft er auf die freie Journalistin Rita Albers, die dahinter eine „große Story“ wittert, als sie entdeckt, dass die auf dem Foto abgebildete Therese Peters noch lebt. Albers findet aber auch heraus, dass Wilhelm Peters gar nicht auf dem Feld starb, wie Friedhelm Lubisch behauptet hatte. Denn Peters wurde im Jahre 1950 von seiner Frau Therese als vermisst gemeldet. Dass dahinter aber Einiges mehr steckt, wird Robert spätestens klar, als im Zuge der Nachforschungen ein Mord geschieht. Um die ganze Wahrheit herauszufinden, begibt sich Robert Lubisch in eine Vergangenheit, die ins Jahr 1939 zurückreicht, als sich sechs junge Freunde versprachen, „dass wir uns nicht aus den Augen verlieren und einer für den anderen da ist“.

Eine sehr sorgfältige, ja literarische Sprache

Entgegen konventionellen Erzählstrategien siedelt Mechtild Borrmann die Handlung während des Krieges nicht als Rückblende an. Die Autorin entfaltet die Vergangenheit als Parallelstrang unter den sich in der (fast) Gegenwart des Jahres 1998 entwickelten Parallelhandlungen, sodass die Geschehnisse während des Krieges keinen „Roman im Roman“ darstellen, weil die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt, weil sie Teil des Heute ist.

Wie die Zeit des Nationalsozialismus weiterhin nachwirkt, verdeutlicht „Wer das Schweigen bricht“ etwa an der Figur des einstigen SS-Rottenführers Theo Gerhard, der nach dem Krieg bruchlos in den Polizeidienst übernommen wurde. Ohne Reue und ohne jemals für Folter und Mord zur Rechenschaft gezogen worden zu sein, ertränkt der pensionierte Polizist 1998 seine Vergangenheit im Alkohol. Borrmann berichtet darüber genauso unaufgeregt, wie Therese ihre Empfindungen bei der Beerdigung ihres Vaters im Jahre 1946 schildert, des einstigen Dorfarztes, der als „Christ und Demokrat“ in Opposition zu den Nationalsozialisten ging und deshalb Arbeit und Haus verlor: „Sie beerdigten ihn neben der Mutter. Über hundert Menschen nahmen an der Trauerfeier teil und kondolierten ihr. Auch all jene, die sie und ihre Eltern in den vergangenen Jahren gemieden hatten. Ganz selbstverständlich taten sie das, und Therese, die bei den ersten Händen, die ihr hingehalten wurden, zögerte, fand sich kleinlich, dachte, alle haben einen neuen Anfang gemacht, nur sie nicht.“

Zwar wirken einige Charakterzeichnungen zu schematisch, etwa als die Autorin die sechs Freunde im Juli 1939 einführt. Insgesamt bedient sich jedoch Mechtild Borrmann einer sehr sorgfältigen, ja literarischen Sprache, die freilich in keinem Augenblick gestelzt klingt und trotzdem an einigen Stellen geradezu poetisch wirkt, etwa als die Autorin das Verliebtsein während des Krieges schildert: „Einmal flog eine Staffel Bomber grollend über sie hinweg, zog weiter, dorthin wo Krieg war, und der war nicht hier, der war fern, der konnte nicht sein, wo sie waren.“

Zwar handelt „Wer das Schweigen bricht“ von der Aufklärung eines ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Kriminalfalls sowie eines in der Jetztzeit verübten Kapitalverbrechens. Borrmanns Buch als „Krimi“ zu bezeichnen, griffe indes zu kurz. Der 1960 geborenen Mechtild Borrmann ist es gelungen, den Nachgeborenen Einiges aus dem wohl dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte näher zu bringen. Die Selbstnachgeborene hat einen Weg gefunden, gleichsam beiläufig die von dieser Zeit geschlagenen Wunden und Narben begreiflich zu machen, selbst wenn es sich um keine „großen“ Tragödien handelte: „Wenn man bedenkt, auf welch grauenhafte Weise Millionen Menschen damals gestorben sind, dann kommt mir meine Geschichte albern vor. Aber ein Schmerz hört nicht auf, nur weil man weiß, dass andere noch viel größere Schmerzen ertragen mussten.“

Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht. Pendragon verlag, 224 Seiten, ISBN: 978-3-86532-231-9, EUR 9,95