Die Meinung eines Journalisten, der sich traut

Die Wirklichkeit beschreiben, wie sie ist: „Bürgerlich, christlich, sucht ...“: Klaus Kelle bietet in seinem aktuellen Buch „Meinung statt Mitte“. Von Stefan Meetschen

Einfühlsame, sachliche Kritik statt Merkel-Bashing: Die Bundeskanzlerin heißt Gäste mit Selfie willkommen. Foto: dpa
Einfühlsame, sachliche Kritik statt Merkel-Bashing: Die Bundeskanzlerin heißt Gäste mit Selfie willkommen. Foto: dpa

Deutschland hat sich verändert. Es ist bunter geworden, vielleicht sogar weltoffener. Nicht nur durch die Flüchtlingskrise, aber ganz sicher auch durch diese. Der bekannte Publizist und Autor dieser Zeitung, Klaus Kelle, geht in seinem aktuellen Buch „Bürgerlich, christlich, sucht ...“ auf die veränderte Lebenswirklichkeit, das veränderte Lebensgefühl in Deutschland ein und kommt dabei auf ebenso unaufgeregte wie anregende Ergebnisse, etwa, was das Thema Staat und Sicherheit betrifft. „Der kleinste gemeinsame Nenner, der einen Staat zusammenhält, ist sein Versprechen, den Bürgern Schutz und Sicherheit vor Notlagen zu organisieren. Kann er das nicht einhalten, stellt sich irgendwann die Frage, wofür man ihn dann noch benötigt, diesen Staat. Deutschland war in dieser Hinsicht lange Zeit eine Insel der Glückseligen, in der nicht darüber diskutiert werden musste, ob Menschen Rente bekommen, sondern nur über die Frage, ab wann und wieviel. Der Bereich aber, bei dem die Legitimation unübersehbar bröckelt, ist das Schutz-Versprechen.“

Er schreibt und denkt mit Toleranz und Offenheit

Wobei Kelle als aufgeklärter Patriot dankenswerterweise kein plattes Merkel-Bashing praktiziert, wie es in manchen Kreisen mittlerweile üblich ist. Kompetent und verständnisvoll schildert er die wesentlichen Abläufe rund um die unkontrollierte Grenzöffnung und gibt zu: „Am 4. September 2015 wurde die Bundeskanzlerin vor eine Entscheidung gestellt, vor die man selbst wohl nicht gestellt werden möchte.“ Ebenso offen und ehrlich geht Kelle, der Flüchtlingen seine Küche und ein paar Kartons geschenkt hat, dann aber auch auf die Fehler und Versäumnisse im Zuge der Flüchtlingskrise ein. „Wann fängt unsere Regierungschefin mal an, die Dinge beim Namen zu nennen? Wann zeigt sie Mitgefühl? Warum haben Frankreichs Präsident Hollande und US-Präsident Obama nach dem Anschlag im Würzburger Regionalzug den Deutschen um einiges früher ihr Mitgefühl ausgedrückt und Hilfe angeboten als die deutsche Bundeskanzlerin?“ Und mit dem Furor eines CDU-Insiders: „In den Ortsunionen, Stadt- und Kreisverbänden wird anders geredet. Da gibt es gewaltigen Unmut über Merkels Flüchtlingspolitik und die Gefährdung der Sicherheitslage in Deutschland. Da wünschen sich viele – ich bin sicher: die Mehrheit – ihre alte CDU zurück, die in Fragen der inneren Sicherheit klar Kurs hielt.“

Doch dem Familienvater Kelle, der aus einem FDP-nahen Elternaus stammt, geht es in seinem Buch nicht nur um die Schattenseiten der Willkommenskultur. Ebenso nüchtern, unterhaltsam und beseelt vom gesunden Menschenverstand beschreibt der 57-Jährige, wie das „letzte Bollwerk gegen die Allmacht eines Staates, der seinen Bürgern nicht mehr dienen, sondern sie erziehen und verändern will“, also die Familie immer stärker in der Bundesrepublik marginalisiert wird – auf Kosten der Zukunftsfähigkeit des Landes. Kindererziehung, Karriereverzicht wird von der politischen Klasse aus Kelles Sicht nicht ausreichend gewürdigt. „Es gibt im bunten Deutschland heute ein anderes propagiertes Idealbild: Mutter und Vater gehen arbeiten, verdienen Geld und investieren das dann gleich wieder, um die Fremdbetreuung ihrer Kinder zu finanzieren.“

Souverän konservativ und im besten Sinne tolerant greift Kelle das Thema Homosexualität und eingetragene Lebenspartnerschaften auf, das im Zeitalter von Gender natürlich auch eine Rolle in der bunten Republik Deutschland spielt: „Alles okay, jeder und jede soll glücklich werden in seinem Leben. Geht den Staat nichts an, in welcher Art von Beziehung Leute zusammenleben oder einfach auch alleine leben. Aber das mit Abstand bevorzugte – und ich sage auch: erfolgreichste – Modell ist die Ehe aus Mann und Frau.“

Hart ins Gericht, wenn auch nicht ohne Ironie, geht Kelle in seinem 250-Seiten starken Buch mit sogenannten „linken Lobbygruppen“: „Linke Lobbygruppen arbeiten effektiv. Sie vermeiden die argumentative Auseinandersetzung in der Sache und versuchen stattdessen, Gegner zum Schweigen zu bringen. Sie tun das mit Briefen an die Arbeitgeber von missliebigen politischen Gegnern. Sie führen Kasperletheater mit Trillerpfeifen und Sprechchören auf, versuchen Andersdenkende niederzubrüllen oder ihnen Säle verwehren zu lassen.“ Nicht minder kritisch, wenn auch sehr knapp fällt Kelles Urteil über bürgerliche Polit-Kämpfer aus („zu doof“). Mit Mitgefühl und angemessenem Respekt betrachtet Kelle das Wirken der Polizei in der Bunten Republik. „Warum wird heutzutage in Deutschland noch jemand Polizist? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. (...) Demonstrationen zum ,revolutionären 1. Mai‘ in Berlin und Hamburg fordern die Polizeikräfte über alle Maßen heraus. Viele von ihnen werden regelmäßig verletzt, müssen ins Krankenhaus. Und wie reagiert die Politik? Grüne und Linke erklären anschließend, die Polizeimaßnahmen seien eskaliert und die Polizei sei deshalb schuldig an den Ausschreitungen. Die anderen Parteien verschicken eine Pressemitteilung, in der sie erklären, so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Und, ganz wichtig: auf keinen Fall überreagieren! Und bitte besonnen bleiben!“

Man spürt: Da interessiert sich nicht nur jemand für die Wirklichkeit, es gefällt ihm auch, ohne ideologische Scheuklappen und inneren Beschwichtigungs-Zensor über sie zu schreiben. Etwas Besonderes in der heutigen Zeit, da sich manche Journalisten, vielleicht aus Angst, vom eigenen Milieu ausgegrenzt oder Opfer von Rufmord-Kampagnen zu werden, nicht trauen, unbequeme Wahrheiten zu vermitteln. Klaus Kelle ist einer, der sich traut und damit die Ehre des Journalistenberufes verteidigt – auch wider allerlei abstruse Verschwörungstheorien und Vorwürfe („Lügenpresse“), welche im digitalen Netz kursieren.

Dass Kelle, der 1980 bei einer Fernsehübertragung von Papst Johannes Paul II. so evangelistisch elektrisiert wurde, dass er bald darauf in die katholische Kirche eintrat, sich manchmal auch von der Kirche ein bisschen mehr Mut und Traute wünscht, liegt auf der Hand: „Ist Ihnen mal aufgefallen, dass Ökumene in Deutschland bedeutet, dass die evangelische EKD ihre Erwartungen an die Brüder und Schwestern auf der anderen Seite formuliert? Und wenn die katholische Kirche diese Forderungen dann nicht erfüllt, ist sie daran schuld, dass es keine Fortschritte bei der Ökumene gibt.“

Auch von der Kirche fordert Kelle mehr Mut

Doch das Koordinatensystem des Heils steht trotz aller Lebensdynamiken fest. Unverrückbar wie Kelle betont: „...mit einer Kirche ist es wie mit einer Partei. Sie verändert sich, im gleichen Maße, wie sich die Menschen in ihr verändern. Der Unterschied ist nur, dass eine Partei ihr Programm ändern oder mit Mehrheitsbeschluss über Bord werfen kann. Das kann eine Kirche, die sich auf göttliche Lehre beruft, nicht. Eine katholische Kirche kann niemals Abtreibung oder aktive Sterbehilfe gutheißen, denn am Gebot ,Du sollst nicht töten‘ gibt es nichts zu interpretieren.“ Und weiter: „Kein Mensch muss an einen Gott glauben. Keiner muss die Lehre von Jesus Christus ernst nehmen. Aber die, die es aus freiem Willen tun, können göttliche Vorgaben nicht einfach ignorieren, weil der Zeitgeist anders weht.“

Klaus Kelle hat mit „Bürgerlich, christlich sucht ...“ ein wichtiges, hochaktuelles Buch geschrieben, dass auf angenehm unterhaltsame, aber nicht oberflächliche Weise die Sorgen und Nöte, aber auch die Hoffnungen und Sehnsüchte vieler Menschen artikuliert. Es ist ein leicht lesbares, spannendes Buch, das die Umbruchsituation in Deutschland und Europa einfängt und auch Lösungsmöglichkeiten klar benennt. Toleranz im menschlichen Miteinander, Null-Toleranz gegenüber Kriminalität und Brutalität, Treue gegenüber den eigenen kulturellen und religiösen Werten und Einstellungen – so ungefähr könnte man Kelles kluges Programm für ein gedeihliches Zusammenleben im bunteren Deutschland zusammenfassen.

Klaus Kelle: Bürgerlich, christlich sucht... Biete Meinung statt Mitte. fontis Verlag, 2017, 254 Seiten, ISBN 978-3-

03848-107-2, EUR 15,-