Die Familie zwischen Ordnung und Revolution

Eigentlich sollte der Gesetzgeber die kleinste Einheit der Gesellschaft schützen und fördern, doch aktuelle Entwicklungen zeigen das Gegenteil. Von Professor Werner Münch

Widerstand ist nötig: Immer mehr Eltern protestieren gegen die ideologische Sexualisi rung von Kindern in Kitas und Schulen. Foto: dpa
Widerstand ist nötig: Immer mehr Eltern protestieren gegen die ideologische Sexualisi rung von Kindern in Kitas und Schu... Foto: dpa

Als die deutschen Verfassungsgeber 1949 in unser Grundgesetz in Art. 6 (1) hineinschrieben: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“, war rechtlich und politisch zweifelsfrei, dass unter Ehe ein verheiratetes Paar von Mann und Frau und unter Familie ein solches Paar mit Kind(ern) gemeint war. Das war auch gesellschaftlicher Konsens. Dies haben die Strafrichter des Bundessozialgerichtes in einem jüngsten Urteil zur Frage, ob eine Krankenkasse verpflichtet ist, die Kosten zur künstlichen Befruchtung für unverheiratete Paare zu übernehmen, was sie verneint haben, bestätigt, indem sie in ihrer Begründung darauf verwiesen haben, dass dem Sozialgesetzbuch im Sinne des Grundgesetzes die Ehe als rechtlich verfasste Paarbeziehung von Mann und Frau zugrunde liegt und die Ehe „den Kindeswohlbelangen mehr Rechnung trägt als eine nichteheliche Partnerschaft“.

Aber da sich die Richter des Bundesverfassungsgerichtes in ihrer höchstrichterlichen Rechtssprechung immer häufiger an den gesellschaftlichen Veränderungen orientieren, ist der Art. 6 (1) durch Art. 3 (1) ausgehebelt worden, der lautet: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“. Obwohl hiermit natürlich etwas ganz anderes als neue Formen der Beziehungen von eheähnlichen Gemeinschaften gemeint waren, sind gleichgeschlechtliche Paare der herkömmlichen Ehe und Familie längst gleichgestellt, einschließlich der Gleichbehandlung im Steuerrecht und des Rechts auf Sukzessiv–Adoptionen, obwohl bekannt ist, dass der Staat auf die herkömmliche Ehe von Mann und Frau und die aus einer solchen Verbindung hervorgehenden Kinder angewiesen ist, weil ein Gemeinwesen sonst keine Zukunft hat. Und nachdem Facebook vor kurzem seinen deutschen Nutzern zur Angabe ihrer Geschlechter-Identität außer Mann und Frau 60 (!) Auswahlmöglichkeiten angeboten hat, können wir uns vorstellen, welche verheerenden Norm-Abweichungen uns noch zugemutet werden.

Der deutlichste Beweis für ein neues Verständnis von Ehe und Familie jenseits der aktuellen Rechtssprechung ist die Ideologie des Gender Mainstreaming, die mit ihrem neuen Menschenbild eine globale kulturelle Revolution losgetreten hat. Die große Bedrohung durch diese Ideologie liegt darin, dass sie deshalb zum Totalitarismus führen wird, weil sie die Auflösung der Identitäten von Mann und Frau und die Beseitigung jeder moralischen Bewertung und Begrenzung aller sexuellen Handlungen will. Sie schafft alle Normen und Grenzen der Sexualpraxis ab, fordert die Tötung von ungeborenem Leben durch Abtreibung – bei Minderjährigen ohne Zustimmung der Eltern – und jede Art von Homo-„Ehe“ als Menschenrecht. Selbst die Weigerung, sich aus Gewissensgründen an Abtreibungen zu beteiligen (Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger), soll verboten und unter Strafe gestellt werden.

Der Kampf um die Frage, was ist der Mensch, worin besteht seine Würde, wie definieren sich naturrechtlich Ehe und Familie, ist eine grundlegende Auseinandersetzung. Die Gender-Ideologen führen sie gegen das christliche Menschenbild und gegen die naturrechtlich vorgegebene „Ökologie des Menschen“ (Papst Benedikt XVI.). Damit wollen sie die Zukunft des christlichen Abendlandes verändern. Dieser Kampf wird weltweit geführt von der UNO, der EU, unzähligen, gut finanzierten Lobby-Gruppen sowie national von der Bundesregierung und zahlreichen Landesregierungen, Institutionen, Verbänden und Interessengruppen. Sie behaupten, dass das Geschlecht nicht biologisch vorgegeben, sondern eine individuelle soziale Entscheidung ist, die man jederzeit wieder beliebig ändern kann. Es findet also eine skrupellose Dekonstruktion der Geschlechteridentität statt. Ungleiches wird gleich gemacht, indem alle Formen von Lebensgemeinschaften als Familie angesehen und ihr gleichgestellt werden. Dagegen formiert sich inzwischen Widerstand, wobei eine offizielle Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz bis heute leider nicht vorliegt. Die Bundesregierung hat schon 1999 diese Ideologie als „durchgängiges Leitprinzip und Querschnittsaufgabe“ ohne Debatte und Abstimmung im Parlament anerkannt und vollzieht sie auf allen politischen Ebenen.

Dabei bilden sich zwei Schwerpunkte heraus. Erstens: Kindertagesstätten (Kita). Obwohl außer den Betroffenen selbst, also den Eltern, keiner das Recht hat, Familie und Beruf seinen Platz und die gewünschte Priorität zuzuweisen, missachtet der Staat die souveräne Entscheidung der Eltern, indem er Kindertagesstätten (Kita) zur Betreuung von Kindern unter 3 Jahren wesentlich mehr Finanzmittel zur Verfügung stellt als Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen wollen. Die Koalition von Linken, SPD und Grünen in Thüringen hat beispielsweise in ihrem Koalitionsvertrag soeben die Abschaffung des Landeserziehungsgeldes und die Einführung eines kostenlosen Kita- Jahres beschlossen. Ein lauter Chor von begeisterten Unterstützern aus Politik und Gender-Ideologie begleitet öffentlich solche Vorhaben, indem er immer wieder die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ für den Staat fordert und den Müttern, die dem Aufruf des Staates auf einen Arbeitsplatz nicht folgen, höhnisch eine geringe „Herdprämie“ – so wird das häusliche Familiengeld diffamiert – gewährt und damit die Stimmung gegenüber solchen Eltern anheizt, die ihre Kinder zu Hause selbst erziehen wollen.

Dies ist Teil eines ideologischen Feldzuges, deren Anführer sich weigern, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, vor allem aus der Hirnforschung und der Sozialpädiatrie, dass nämlich Bindung vor Bildung kommt, zur Kenntnis zu nehmen. Dieser Druck zur Berufstätigkeit von beiden Elternteilen wird von den Gender-Ideologen natürlich dankbar aufgenommen und ausgenutzt. Das Kindeswohl wird zwar erwähnt, aber nicht wirklich gewollt. Stattdessen werden den Eltern Minderwertigkeitsgefühle eingeredet, indem der Staat ihnen sagt, dass er Bildung und Erziehung besser kann als die Eltern, weshalb die Kitas von Betreuungs- zu Bildungseinrichtungen hochstilisiert werden. In einer Presseerklärung von November 2014 hat die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig so schlicht wie dreist erklärt: „Bildung beginnt in der Kita und stellt die Weichen für die weitere Entwicklung“. Ob sie wohl jemals darüber nachgedacht hat, warum das Wort „Muttersprache“ schon so lange existiert? Nein! Nicht das, was die Familie beliebig erweitert und neu definiert, ist familienfreundlich, und die zynische „Befreiung junger Familien“ ist kein bildungspolitischer Fortschritt, sondern eine herablassende Entwürdigung der Eltern und ihrer Eigenverantwortung.

Frau Schwesig ist aber nicht als Abteilungsleiterin im Wirtschaftsministerium für Arbeitsmarktpolitik zuständig, sondern sie ist als Ministerin verantwortlich für die Familienpolitik in unserem Land. Und in dieser Zeit der Revolution gegen Ehe und Familie verwundert es natürlich auch nicht, dass eine solche kinderfeindliche Politik von Großkonzernen wie Facebook und Apple ausgenutzt wird, indem sie zum Beispiel den bei ihnen beschäftigten Frauen anbieten, das Einfrieren von Eizellen, ein sogenanntes „Social Freezing“, zu bezahlen, damit sie ihren Betrieben möglichst lange als Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Kinder können sie ja dann – wenn überhaupt – irgendwann später bekommen. Wie schrieb die Publizistin Birgit Kelle dazu treffend: „Früher hat man die Karriere auf Eis gelegt, um Kinder zu bekommen, heute legen wir die Kinder auf Eis, um Karriere zu machen.“

Zweitens: Sexualkunde in den Schulen. Unter dem Verkaufsschlager „sexuelle Vielfalt“ haben sich seit langem zahlreiche „Experten“, nicht selten schulfremd, beispielsweise vom Netzwerk „SchLAu“ (SchwullesbischeBi-Trans-Aufklärung), Pro Familia und freiberuflich tätige Sexualpädagogen an die Arbeit gemacht und der sexuellen Aufklärungsarbeit in den Schulen ihren Stempel aufgedrückt, besonders in Berlin, Hamburg. Niedersachsen, Nordrhein- Westfalen und Baden-Württemberg. Mit der Keule der „Antidiskriminierung“ und dem Vorwurf der „Homophobie“ werden Eltern als „Hindernis der Emanzipation“ angesehen. Es stört sie auch nicht im geringsten, dass sie mit ihren Projekten gegen die Wertordnungen unseres Grundgesetzes sowie der jeweiligen Landesverfassungen und Schulgesetze verstoßen. In Scham zerstörenden Übungen sollen nach deren Vorschlägen 10-15-Jährige über ihre Sexualpraktiken und -erfahrungen berichten, „dirty talks“ und Stöhnen üben, Analsex in einem Theaterstück darstellen, über das Thema „ein neuer Puff“ diskutieren sowie „galaktische Sexualpraktiken“ erfinden, die auf der Erde verboten sind. Und im Projekt „Gänsehaut“ – die Aufzählung könnte fortgesetzt werden – finden für 10-Jährige Massagen statt, wobei es in der Anweisung hierzu heißt, dass „dünne Kleidung genügt, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können“.

Der Raum, in dem diese Übungen stattfinden, soll von außen nicht einsehbar sein. Und wer dann noch die theoretische und praktische Prüfung besteht, der erhält am „Tag des Kondoms“ einen „Kondomführerschein“. Auf Alter, Entwicklungsstufe und Scham der Kinder wird keine Rücksicht genommen, sondern stattdessen ihre personale Würde grob missachtet. Dieses Umerziehungsprogramm hat das Ziel, das bestehende Gesellschaftssystem zu bekämpfen und dabei vor allem die Familien zu zerstören. In dieser Doktrin wird das für korrekt erklärt, was von der Norm abweicht. Zur Entwicklung der Inhalte und Methoden stehen inzwischen über 220 Stellen an unseren Hochschulen für „Gender-Forschung“ zur Verfügung, und die Begleitmusik spielen zahlreiche Medien, besonders das Fernsehen, mit seichtem Schmuddelsex aus der Verblödungsindustrie. Diese aufgezeigte Entwicklung darf die Eltern nicht gleichgültig lassen. Unsere Kinder sind keine beliebige Manövriermasse, weder für den Staat noch für Gender-Ideologen und schon gar nicht für Pädophile.

Der Widerstand hat inzwischen schon einiges erreicht und kann anderen Mut machen. Die Geburtenrate von durchschnittlich 1,3 Kindern pro Paar in Deutschland, die Tatsache, dass ein Großteil unserer Kinder mit nur einem Elternteil aufwächst, die hohe Scheidungsrate und die daraus folgende wachsende Zahl von „Scheidungskindern“ mit all ihren negativen Erlebnissen haben in unserem Land traditionelle Familienstrukturen schon genügend zerstört und sind Anlass zu großer Besorgnis. Die Familien werden nicht stabiler durch eine Abkehr von allem, was Grenzen setzt. Im Gegenteil: Es führt zu einem Verlust an Sicherheit und Selbstvertrauen. Familien müssen sich gegen solche Erziehungsziele entschieden zur Wehr setzen. Und dafür brauchen sie Verbündete, vor allem auch die Unterstützung der katholischen Kirche. Mit einem diffusen Stimmengewirr über Ehe und Familie lässt sich nichts anfangen, sondern nötig ist ein mutiges Bekenntnis zum Sakrament der Ehe und eine klare Pastoral in der Vorbereitung von jungen Paaren auf ihre kirchliche Trauung. Dabei dürfen Priester und Laien nicht vergessen, dass die katholische Kirche tatsächlich die letzte Institution ist, die in der westlichen Welt für die Ideale der traditionellen Familie eintritt, die auf der Ehe von einem Mann und einer Frau basiert. Diese Ideale gilt es gemeinsam zu verteidigen. Denn: Was ich schätze, das schütze ich. Wider alle Revolutionsversuche.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Kuratoriumsmitglied im Forum Deutscher Katholiken. Er war EU-Berater der Regierung in Bulgarien sowie ehemaliger Minister der Finanzen und Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.