Die Bibel, eingerahmt von Blumensträußen am offenen Fenster

Antikisierend, aber auch christlich: Das Frankfurter Städel Museum zeigt eine umfangreiche Werkschau des Malers Hans Thoma. Von Clemens Schlip

Hans Thoma: Flucht nach Ägypten, Öl auf Leinwand, 1879. Foto: Städel Museum
Hans Thoma: Flucht nach Ägypten, Öl auf Leinwand, 1879. Foto: Städel Museum

„Das Himmelreich gleicht einem Mann, der guten Samen auf seinem Acker aussäte. Als aber die Menschen schliefen, da kam sein Feind, streute Unkraut mitten unter das Getreide aus und ging fort.“ Auf dem Ölbild „Der Unkrautsäer“ von 1880 hat der Maler Hans Thoma (1839–1924) das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium ins Bild gesetzt. In antikischer Nacktheit schreitet der Feind über das Feld und streut den Samen des Unkrauts. Er ist ein geläufiges Motiv im Schaffen eines Mannes, den man eher als „Schwarzwaldmaler“ im Hinterkopf gespeichert hat. Das war er gewiss auch und nicht zuletzt, doch die Hans Thoma-Ausstellung des Frankfurter Städel Museums, in der auch der „Unkrautsäer“ ausgestellt ist, macht deutlich, dass Thoma noch andere Qualitäten hatte.

Der ausgestellte Querschnitt aus dem Werk mit 100 Exponaten aus den museumseigenen Depotbeständen zeugt von einer verblüffenden künstlerischen Vielfältigkeit, die neben Naturbildern zum Beispiel auch allegorische und mythologische Darstellungen umfasste. Insgesamt erscheint Thoma's Werk in dieser Zusammenschau als realismusgesättigter und dabei doch faszinierend schöner, mehr und mehr in den Symbolismus übergreifender Gegenentwurf zur modernen Welt, der der Maler mit gehöriger Reserviertheit gegenüberstand. Eines seiner liebsten Motive aus dem Bereich der biblischen Tradition ist daher der Sündenfall im Paradies (in der Ausstellung mehrfach vertreten), der dem goldenen Zeitalter ein Ende machte und den Beginn einer Welt einläutete, in der es nur noch um Besitz und technische Innovation ging. Der künstlerische Kosmos von Thoma stellt sich der technokratischen Welt der Moderne bewusst entgegen.

In der Welt von Thoma's Bildern gibt es weder Technik noch Industrie. Die forcierte Antimodernität Thoma's machte ihn zum Beispiel für einen Rainer Maria Rilke attraktiv. Der „Mondscheingeiger“ von 1897, der Rilke zu einem Gedicht anregte, gehört auch zum Bestand der Ausstellung. Die Abneigung von Thoma gegen den modernen Kapitalismus erinnert an Richard Wagner. Und so scheint es kein Zufall, dass die Welt der Wagnerschen Opern Thoma viele Anregungen bot und er Zeichnungen und Gemälde nach dem Ring-Zyklus entwarf, wie etwa den „Zug der Götter nach Walhall“ von 1880. Kompromisse mit der modernen Wirtschaftswelt musste freilich auch Thoma schließen. Sein Verhältnis zum Kunstmarkt seiner Zeit kann man getrost als doppelbödig bezeichnen: So sehr er ihn verfluchte, so sehr profitierte er davon und auch die Massenvermarktung seiner Kunst in Form von Druckgrafiken und Postkarten betrieb er, wie die Ausstellung zeigt, mit großem Geschick.

Einen überraschend großen Raum nehmen in der Ausstellung die antikisierenden mythologischen Bilder Thoma's ein. Doch Bilder wie die „Meerweiber“ von 1879 können nicht überzeugen; Thoma bleibt bei der Darstellung solcher Sujets allzu stark dem Vorbild seines Freundes Arnold Böcklin verhaftet und setzt keine eigenständigen Akzente. Immerhin vermittelte die Freundschaft mit Böcklin und dem Bildhauer Adolf von Hildebrand Thoma die Bekanntschaft mit Italien: Seine Ansicht der „Berge von Carrara“ gehört zu den schönsten Exponaten der Ausstellung. Freilich kommt auch hier die Doppelbödigkeit von Thoma's Verhältnis zur modernen Welt zum Ausdruck. Niemals käme man auf den Gedanken, dass dieses zeitentrückte Naturbild den Blick aus einem Eisenbahnabteil wiedergibt.

Wenig überzeugen können die explizit christlichen Bilder wie die bekannte „Flucht aus Ägypten“ (1879). Der Realismus dieses Bildes ist der religiösen Stimmung abträglich. Es ist letztlich tatsächlich nur das „gemüthvolle deutsche Familienbild“, als das ein zeitgenössischer Kritiker es rühmte. Dass in diesem Familienbild ein Engel schwebt, erscheint dem Betrachter als peinliche Entgleisung. Vorzuziehen ist den explizit „religiösen“ Bildern Thoma's daher ein Bild, das seinen christlichen Kontext erst auf den zweiten Blick verrät. Es ist „Die Öd“, eine Ansicht des Frankfurter Holzhausenparks von 1883, die Thoma von einem Zimmer seiner Wohnung aus malte. Durch das Fenster des Raumes blickt der Betrachter auf die sommerlich ruhige Parklandschaft. Dann gerät das große Buch in den Blick, das auf dem Fensterbrett liegt, beiderseitig von Blumensträußen umrahmt, von denen einer sich im zimmereinwärts geöffneten Fenster spiegelt. Das Buch ist die Bibel. So bilden die von Gott geschaffene Außenwelt und die innere Welt religiöser Beschauung eine große Synthese.

„Lieblingsmaler des deutschen Volkes“ – der Untertitel der Frankfurter Ausstellung ist ein Zitat aus dem Hans Thoma-Artikel des Meyerschen Konversationslexikons von 1908. Dass Thoma diesen Rang je wieder wird zurückgewinnen können, lässt sich bezweifeln. Dass er es jedoch verdient hätte, im kulturellen Gedächtnis der Deutschen wieder einen prominenteren Platz einzunehmen, das demonstriert die Frankfurter Thoma-Ausstellung eindrücklich.

Hans Thoma – Lieblingsmaler des deutschen Volkes. Ausstellung im Frankfurter Städel Museum bis 29. September, Di., Fr. bis So. 10.00 – 18.00 Uhr, Mi. und Do. 10.00 – 21.00 Uhr“