Dialoge für den Frieden

Eine Podiumsdiskussion über „Blasphemie und Bescheidung – Religion im öffentlichen Raum“ in Münster. Von Anja Kordik

Beschneidungsbesteck auf einem hebräischen Alten Testament. Foto: dpa
Beschneidungsbesteck auf einem hebräischen Alten Testament. Foto: dpa

Münster, Stadt des Westfälischen Friedens von 1648, bleibt seiner Tradition als „Friedens-Stadt“ weiterhin treu. Alljährlich im Oktober lädt die Stadt zu einer Veranstaltungsreihe „Dialoge zum Frieden“ mit Konzerten und Dialogveranstaltungen ein. In diesem Jahr richtete sich der Fokus auf die Bedeutung von Religion im gesellschaftlichen Diskurs.

Gemeinsam luden die Stadt Münster und das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster zu einer Podiumsdiskussion in den Festsaal des Rathauses ein: „Blasphemie und Bescheidung – Religion im öffentlichen Raum“. Hintergrund war die steigende Zahl öffentlicher und mit Vehemenz ausgetragener Konflikte um Fragen der Religion. Jüngste Beispiele sind die Eskalationen um die Mohammed-Karrikaturen, die Auseinandersetzungen um das Beschneidungs-Urteil und die Strafbarkeit von Blasphemie.

Vor etwa 200 Zuhörern im Rathaussaal diskutierten Vertreter der drei monotheistischen Religionen. Auf dem Podium waren die Juristin Katharina Jestaedt, seit 2011 stellvertretende Leiterin des Kommissariats der deutschen Bischöfe in Berlin, Elisa Klapheck, Rabbinerin der liberalen, jüdischen Gemeinde in Frankfurt/ Main, sowie der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, zusammen mit dem Politikwissenschaftler und evangelischen Theologen, Professor Ulrich Willems, und dem Rechtswissenschaftler, Professor Fabian Wittreck, beide Lehrstuhlinhaber an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster.

Einführend verwies die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, zugleich Sprecherin des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, auf die zum Teil brisante Rolle der Medien im Kontext der aktuellen religionspolitischen Konflikte um Blasphemie und Beschneidung, Kreuz und Kopftuch: „Überall, wo Religion zum Konfliktgegenstand wird, bieten die Massenmedien diesem Konfliktpotenzial einen gigantischen Entfaltungs- und Verstärkungsraum. Kein Anlass ist so geringfügig, dass er nicht zum Gegenstand öffentlicher Empörung gemacht werden könnte“, resümierte die Historikerin, deren wissenschaftliches Interesse vor allem der Kulturgeschichte des Politischen in der Frühen Neuzeit gilt.

Konflikte entstehen aus einer antireligiösen Haltung

Wichtig sei – angesichts des überhitzten gesellschaftlichen Klimas in Fragen der Religion – die Rückkehr zu einer „sachlichen und unaufgeregten Diskussion“. Zugleich hob die Historikerin die Verpflichtung des modernen Rechtsstaates zu weltanschaulicher Neutralität hervor – einer Neutralität in dem Sinne, dass der Staat die Freiheit aller Religionen garantiert. Allerdings, so Barbara Stollberg Rilinger, sei „religiöse Neutralität keineswegs mit einem aggressiven Säkularismus zu verwechseln, der Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt“.

Diesen sich bewusst religionsfeindlich gerierenden, nur „aufs Diesseits fixierten“ Säkularismus kritisierte der Orientalist Kermani, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. In anderen Zusammenhängen hatte Kermani bereits den Begriff von einem „Vulgär-Rationalismus“ geprägt, der den Menschenverstand als solchen absolut setze und in höchstem Maße intolerant sei, da er jede religiöse Weltanschauung bekämpfe.

Beim Podium in Münster erläuterte Navid Kermani mit Blick auf die Beschneidungs-Debatte, gerade hier würden die „eigentlichen Konfliktlinien“, religionspolitische Fragen betreffend, offensichtlich. „Sie verlaufen gar nicht zwischen den einzelnen Religionsgemeinschaften, sondern zwischen den Religionen insgesamt und einer zunehmend aggressiveren antireligiösen Haltung in der Gesellschaft.“ Diese Haltung stelle religiöse Begründungen von Handlungen und Motiven generell in Frage und bedeute, so Kermani, für alle monotheistischen Religionsgemeinschaften eine Herausforderung. Denn: „Wenn metaphysische Begründungen, die nicht aus dem Hier und Jetzt rühren, gesellschaftlich nicht mehr als relevant wahrgenommen werden, betrifft das nicht nur Judentum und Islam. Es werden auch christliche Traditionen massiv in Frage gestellt.“

Von einer „antireligiösen Grundstimmung“, die sich in der Beschneidungsde- batte offenbart habe, sprach auch die Rabbinerin Elisa Klapheck, die seit 2009 Gottesdienste an der liberalen Synagoge in Frankfurt leitet. Zugleich thematisierte sie ein in der deutschen Gesellschaft lange Zeit verdrängtes Problem, welches in sich Zündstoff für Konflikte bietet: das Phänomen einer zunehmenden nicht nur kulturellen, sondern auch religiösen Pluralisierung. Auf diese „multireligöse Wirklichkeit“ sei die deutsche Gesellschaft nach wie vor nicht eingestellt. Um so mehr müssten sich die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in den kommenden Jahren bemühen, größere Akzeptanz durch Wissensvermittlung über ihre jeweiligen religiösen Traditionen zu erreichen. Als Beispiel nannte die Rabbinerin den Umgang mit Medienvertretern, die kaum Kenntnisse über jüdische Rituale und Feste haben. Die Rabbinerin regte deshalb die Publikation eines Handbuchs für deutsche Journalisten an, um den Umgang mit fremden Religionen zu erleichtern.

Die Rede von kirchlichen Privilegien ist unangemessen

Die zunehmende religiöse Vielfalt ist ohne Zweifel Teil der gegenwärtigen, gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dem steht der deutsche Verfassungsstaat gegenüber, der Antworten auf diese religiöse Pluralisierung finden muss. Das deutsche Verfassungsrecht sei dazu gut gerüstet, stellte Katharina Jestaedt, stellvertretende Leiterin des Katholischen Büros in Berlin, fest. „Von seinen historischen Ursprüngen her ist es zwar stark auf die christlichen Kirchen zugeschnitten.“ In seiner rechtlichen Anwendung aber werden andere Religionsgemeinschaften bereits heute einbezogen, die rechtlichen Hürden auch für die islamischen Verbände sind keineswegs zu hoch.“ Es sei daher nicht angemessen, so Katharina Jestaedt, noch immer von „Privilegien“ der Kirchen zu sprechen und diese in Frage zu stellen.

Auf die grundsätzlichen Konfliktlinien in religionspolitischen Fragen ging nochmals der Politikwissenschaftler und Theologe Ulrich Willems ein. Auch er sieht eine Bruchlinie zwischen Religion allgemein und einer zunehmend religionskritischen bis -feindlichen säkularen Öffentlichkeit. „Tatsächlich gehen viele Konflikte nicht von den Religionsgemeinschaften selbst aus, sondern von einer quer durch Europa zu beobachtenden anti-religiösen Militanz.“ Öffentliche Symbole, wie das Tragen eines Kopftuchs oder Kruzifixe in Schulen, sollten als Ausdruck eines religiösen Bekenntnisses und religiöser Vielfalt von der Öffentlichkeit zugelassen werden, seien sogar gute Impulse für Gespräche zu religiösen Fragen. Insgesamt müsse der öffentliche Diskurs über Religionen in der deutschen Gesellschaft grundlegend eingeübt werden, so Ulrich Willems. Er verwies auf Großbritannien, wo die Auseinandersetzung über religionspolitische Fragen strukturell gerade auf lokaler Ebene besser verankert sei.

Einig waren sich die Teilnehmer in Münster, dass Religion nicht nur als Ursache von Konflikten wahrgenommen werden darf. Vielmehr gilt es, die allen Religionen innewohnenden Kräfte zur gesellschaftlichen Befriedung stärker in den Vordergrund zu rücken – so wie der Friedensschluss von Münster, der ein geordnetes und friedliches Miteinander der Konfessionen einschloss, zu einer rechtlichen Neuordnung Gesamt-Europas führte. Der Dialog der Religionen – so Botschaft von Münster – ist eine wesentliche Vorbedingung auch für einen gesellschaftlich-politischen Dialog.