Deutschland und seine ganz großen Festtagsredner

Der Tag der Deutschen Einheit steht vor der Tür. Für solche Festtage braucht man Redner. Nach welchen Kriterien werden diese eigentlich ausgesucht? Worauf kommt es an? Auf die Prominenz, Kompetenz oder den vorbildlichen Lebensstil? Die große 3. Oktober-Glosse. Von Martin Wind

Wo ein Mikro ist, da kann man auch zueinander reden: Margot Käßmann.
Wo ein Mikro ist, da kann man auch zueinander reden: Margot Käßmann.

Es ist schon ein lustiges Völkchen, wenn sie da – gravitätisch zumeist –, gemessenen Schrittes zum Pult eilen, ihre Papiere sortieren und nach dem Glas Wasser greifen. Kaum eine oder einer, die oder der den obligatorischen Stupser mit dem Finger gegen das Mikrophon unterdrücken kann: Rednerinnen und Redner der deutschen Fest- und Jubelkultur. Und so, wie es zu jedem Anlass einen mehr oder weniger verbindlichen Dresscode gibt, so scheint es auch bestimmte Voraussetzungen dafür zu geben, vielgebuchter und hochdotierter Redner (ab hier wird der Begriff im generischen Plural benutzt, man sollte den Schabernack nicht zu weit treiben) zu werden oder zu sein.

Schauen wir uns diese schillernde Szene einfach mal genauer an. Äußerer Impuls für diese eingehende Betrachtung ist der Tag der Deutschen Einheit. Genauer gesagt: die Auswahl des Redners für diesen feierlichen Festakt durch den Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, Peter Feldmann (SPD). Dieser hat in diesem Jahr eine ganz besonders „umstrittene“ Figur des deutschen Rednerzirkus gebeten, seine Gedanken zur Deutschen Einheit unter das geladene Volk in der Paulskirche zu bringen. Und so wird am 3. Oktober Daniel Cohn-Bendit hinter das Rednerpult treten und seine „Deutung der Deutschen Einheit, des Deutschlands heute, 26 Jahre nach der Wiedervereinigung“ zum Besten geben. Es könnte allerdings sein, dass vom geladenen Volk viele fehlen werden. Das liegt – man höre und staune – an der Person des gekürten Redners.

Daniel Cohn-Bendit, das Enfant terrible der europäischen Politik, der Straßenkampfgefährte Joschka Fischers und der intellektuelle Flügelmann des späteren hessischen Umweltministers. Wie die Forelle beim Fliegenfischen instinktiv zubeißen muss, so sich eine Köderfliege auf die Wasseroberfläche senkt, so reagierte die Frankfurter CDU auf das Ansinnen, diesen Menschen beim Festakt reden zu lassen. Nicht zu Unrecht erinnerten Michael zu Löwenstein, CDU-Fraktionsvorsitzender im Frankfurter Stadtparlament, an die „pädophile Vergangenheit“ des Redners. Er bezog sich dabei auf Ausschnitte aus der Autobiographie „Der große Basar“ des grünen Politikers, in denen dieser 1975 unter anderem schrieb: „Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. (...) Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. (...) Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.“

In einer Film-Aufzeichnung einer französischen Talkshow von 1982 kann man Dany auf Youtube bei einem theatralischen Auftritt bewundern: „Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches. Man muss aufrichtig sein, seriös. Bei den ganz Kleinen ist es etwas anderes, aber bei den Vier- bis Sechsjährigen, wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, sie auszuziehen. Es ist großartig, weil es ein Spiel ist. Es ist ein wahnsinnig erotisches Spiel.“

Inzwischen hat sich Daniel Cohn-Bendit wortgewaltig von seinen früheren „Geständnissen“ distanziert. Für ihn ist das alles nur noch lästig: „Ich habe mich des Öfteren dafür öffentlich entschuldigt, mehr kann ich nicht tun. Ich habe diese Scheiße so satt!“, erteilt er sich in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau selbst eine Absolution. Damit ist demnach die moralische Integrität gewahrt.

Abgesehen vom untadligen Lebenswandel eines Festredners ist natürlich auch die fachliche Kompetenz oder – insbesondere bei Politikern – durchaus auch die ideologische Einstellung ein wichtiges Auswahlkriterium. Kompetenz besitzt der „rote Dany“ allemal, denn reden kann er. Das beweist er bei politischen Auftritten oder immer und immer wieder als oft gebuchter Wortspender in Talkshows.

Bei der Diskussion um solche Rednerinnen und Redner wird meistens ein Thema verschämt verschwiegen: Manche nenne es hochtrabend „Honorar“, andere sprechen schlicht vom „Geld“. Und je nach Höhe dieser Entlohnung kann man dann davon ausgehen, dass das bei manch einem auch als Schmerzensgeld durchgehen kann. Allerdings nur bei demjenigen, der das einstreicht. Ob das Publikum mit einem „wohlklingenden“ oder auch „gefragten“ Namen so ruhigzustellen ist, bleibt dahingestellt. Es ist der Höhe eines solchen Rednerhonorars keineswegs abträglich, wenn man Politiker ist oder war. Die leidvolle Erfahrung lehrt, dass es Veranstaltern oft eher darum geht, für eine Veranstaltung einen „klingenden“ Namen an der Hand zu haben. Moralische Integrität oder fachliche Kompetenzen sind da nachrangig.

„Pecuniam non olet“ oder auch „Geld stinkt nicht“, wusste schon der römische Kaiser Vespasian. Wie sonst ließe sich erklären, dass es Agenturen gibt, die solcherart Redenschwinger auf Halde haben und je nach Bedarf gegen saftige Gebühr ausreichen. Ein Beispiel ist da auch Peer Steinbrück. Der hatte als Kanzlerkandidat lukrative Vortragsveranstaltungen bei Banken, die er als Politiker der SPD wegen Ihres Finanzgebarens in Bausch und Bogen verurteilte. Mal abgesehen davon, dass Steinbrück wegen eines öffentlich ausgestreckten Mittelfingers auch nicht unbedingt die gesellschaftlichen Umgangsformen eines Bankerempfangs hatte. Dennoch steht er auch heute noch für satte 20 000 Euro pro Vortrag zur Verfügung. Erinnert sei auch an den als Finanzminister nicht gerade glücklich agierenden Hans Eichel, ebenfalls von der SPD. Der hatte sich – nicht nur zum geringen Amusement seiner sozialdemokratischen Parteigenossen – mit seiner Pension als Bundesminister in Höhe von mehr als 8 200 Euro nicht zufrieden gegeben. Er wollte auch noch eine Anrechnung seiner Bezüge als Oberbürgermeister von Kassel gerichtlich durchsetzen. Damit wäre Eichel dann auf rund 15 000 Euro Pension monatlich gekommen. Dafür muss Oma reichlich stricken. Er verlor. Traurig muss der Finanzexperte aber nicht sein, denn im Internet wird auch er als kompetenter Redner feilgeboten. Themen unter anderem: „Schulden- und Finanzkrise – Ursachen und Konsequenzen“. Zur Erinnerung: Er saß im Kabinett Schröder, das Griechenland trotz offensichtlich gefälschter Haushaltszahlen in die Europäische Union „drückte“.

Oder nehmen wir Frau Professor Gesine Schwan. Auch sie ist – wie Daniel Cohn-Bendit – oft geladener Gast in Talkshows. Die in zwei Anläufen gescheiterte Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten mit ihren – dezent ausgedrückt – ausgesprochen seltsamen Ansichten ist wegen des Skurilitätsfaktors jeden Euro wert, den sie für solche Sendungen als Aufwandsentschädigung erhält. Nebenbei erhöht sie natürlich ihren Marktwert als Feiertags-Rednerin. Sie kann man beispielsweise zum Thema „Bildung und Gerechtigkeit. Talentförderung statt Elitenbildung“ buchen. Als Mitgründerin und ehemalige Präsidentin der 2014 insolvent gegangenen „Humboldt-Viadrina School of Governance“ kann sie da besonders gefragte Expertise einbringen. Heiner Geißler – alternder Polit-Guru, CDU-Mitglied und bekennender Globalisierungsgegner – lässt sich seinen Vortrag „Der Tanz um das goldene Kalb“ auch gerne mit bis zu 15 000 Euro „honorieren“. Das ist doch ein nettes Zubrot zu seinen Pensionsansprüchen aus seiner Tätigkeit als Politiker. Wie man solcherlei Einnahmen den Freunden von ATTAC erklärt, das bleibt sein süßes Geheimnis.

Betrachtet man diese Stars der Szene, ihren Lebenswandel, die beruflichen „Erfolge“ vor dem Hintergrund ihrer Themenwahl, dann drängen sich einige weitere Traumkandidaten der Redner-Szene auf: Wie wäre es beispielsweise mit Margot Käßmann zum Thema „Demütig Grenzen erkennen – nüchtern durchs Leben“ oder ein Karl-Theodor zu Guttenberg gemeinsam mit Petra Hinz zum Thema „Das politische Mandat – eine Alternative zu akademischen Abschlüssen“. Für Sigmar Gabriel und Angela Merkel ließe sich ebenfalls ein launiger Doppelvortrag arrangieren. Thema: „Gemeinsame Wege in eine sichere Zukunft“. Vor dem Hintergrund solcher Gedanken kann man sogar einen Daniel Cohn-Bendit als Festredner anlässlich des Tags der Deutschen Einheit ertragen.