Der neue katholische Sound

Die Kirche und die öffentliche Meinung scheinen sich unversöhnlich gegenüberzustehen: Hier römisch-katholische Hardliner, dort die säkularisierte Glitzerwelt, die keine christlichen Anregungen hören will. Doch: Sind die Herzen der Menschen wirklich so verstockt oder ist die Mehrheit einfach nur irregeleitet? Lässt sich die Marginalisierung des Christentums stoppen und gibt es noch Wege, wie die Neuevangelisierung Deutschlands und Europas gelingen kann? Von Stefan Meetschen

Kraftvolle Stimmen in den Medien wie die von Matthias Matussek können eine gewaltige Lanze für den römisch-katholischen Glauben brechen. Foto: dpa
Kraftvolle Stimmen in den Medien wie die von Matthias Matussek können eine gewaltige Lanze für den römisch-katholischen ... Foto: dpa

Hat er es wirklich nicht vorausgesehen? Es klang noch Überraschung, Verwunderung nach in der Stimme des Kulturjournalisten und Autors Matthias Matussek („Wir Deutschen“) über den „Spießrutenlauf in deutschen Talk-Shows“ und andere feindliche Presse-Attacken, ausgelöst durch sein neues Buch „Das katholische Abenteuer“, in welchem Matussek eine gewaltige rhetorische Lanze für den römisch-katholischen Glauben, die Bedeutung der Liturgie, der Sakramente und den Papst bricht. Eine autobiographisch gefärbte Lanze, mit der üblicherweise deutsche Katholiken in der Öffentlichkeit nicht hantieren. Vielleicht, um die eigene Haut zu schonen, um nicht den öffentlichen Religionsfrieden zu gefährden oder auch schlichtweg deshalb, weil sie Matusseks traditionelle Weltanschauung, seine „geschlossene religiöse Identität“ (Ulrich Hemel) nicht teilen – die eigenen katholischen Ansichten längst im Konsens-Kochtopf des Zeitgeistes modernisiert und assimiliert sind.

Tatsächlich ist die Zahl der romtreuen VIPs in der glitzernden deutschen Medien-Öffentlichkeit recht überschaubar geworden: Gloria von Thurn und Taxis gehört dazu, ihr Bruder Alexander von Schönburg, der Unternehmer Claus Hipp, der Arzt Manfred Lütz, der Journalist Martin Lohmann, der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild Prälat Wilhelm Imkamp und der Kölner Kardinal Joachim Meisner. Das war es dann eigentlich auch schon. Diese Sieben für Rom werden hin und wieder als Vertreter der Weihrauch-Fraktion in große Talk-Shows geladen, um als konservative Sparringspartner für kontroverse Themen zu dienen. Als – provozierend formuliert – gefühlte Mitschuldige für Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Frauenunterdrückung, Homosexuellenverfolgung und Phädophilie-Terror, damit wenigstens dem Schein nach das journalistische Prinzip „Audiatur et altera pars“ (Auch die andere Seite ist anzuhören) gewahrt bleibt. Doch schon bei der Anmoderation mischen sich häufig Häme und Ironie, damit gar nicht erst der Eindruck entsteht, die Genannten könnten mit ihrem religiösen Standpunkt als Modell für die richtige Haltung, die richtige Meinung platziert sein. Dieser Part ist normalerweise für die eher grimmigen VertreterInnen der Grünen und anderer feministisch-ökologischer Opferverbände reserviert, in deren Windschatten dann sagenhaft mutige Vertreter des ZdK und der CDU/CSU-Fraktion um Respekt, Toleranz und Dialogbereitschaft werben.

Mit anderen Worten: Um die Einhaltung des Konformitätsdrucks der öffentlichen Meinung. Von diesem ungeschriebenen Gesetz des öffentlichen-kommunikativen Handelns wusste schon Sokrates, und rechnete dazu „das bescheidene Schweigen der Jüngeren in Gegenwart der Älteren“, „die Ehrfurcht der Kinder vor ihren Eltern“, die Haartracht, den Zuschnitt der Kleider. Auch der Umsturz der ungeschriebenen Gesetze war Sokrates bekannt: „Eine neue Art von Musik einzuführen muss man sich hüten, weil es das Ganze gefährden heißt; denn nirgends wird an den Weisen der Musik gerüttelt, ohne dass die wichtigsten Gesetzes des Staates mit erschüttert werden.“ (Platon, Der Staat, 4. Buch) Wie man weiß, hat sich Sokrates trotz seiner Weisheit und Erkenntnisfähigkeit in die Nesseln des damaligen Athener Stadtstaates gesetzt, weil er – wie Matussek – auf seine persönliche Rede-, Frage- und Anschauungsfreiheit pochte. Gegen die öffentliche Meinung, gegen das öffentliche Konsensdenken. Der Giftbecher kam prompt.

Damals wie heute übrigens nicht nur vermischt mit falschen Anschuldigungen, haltlosen Unterstellungen, sondern auch mit dem Anspruch des elitären Bewusstseins bei denen, die das Gift ablassen und verabreichen. Das schrieb schon vor Jahren die inzwischen verstorbene Grand Dame der deutschen Kommunikations- und Medienforschung, Elisabeth Noelle-Neumann: „Die Elitemeinung kann man sich vorstellen wie eine Intarsie in der allgemeinen öffentlichen Meinung. Die Elitemeinung, vertreten durch die Meinungsführer, die teils durch die Medien, teils im persönlichen Gespräch ihre Meinung zur Geltung bringen, führt die allgemeine öffentliche Meinung an.“

Distanz zu romtreuen Katholiken- und Kirchenpositionen, gemengt mit sozialer Kontrolle, ist nicht erst mit dem missverstandenen Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Auftritt der neumusikalisch-langhaarigen 68er Bewegung erfunden worden. Der Sound-Check und damit der langsame Wandel der öffentlichen Meinung gegen die Kirche, beginnt, wenn man von den frühen, ersten Christenverfolgungen absieht, eigentlich schon mit dem Investiturstreit (1057–1122), jener von päpstlicher wie von kaiserlicher Seite mit äußerster Entschiedenheit geführten geistig-politischen Auseinandersetzung um die Ordnungsform der abendländischen Christenheit und der einhergehenden gesellschaftspolitischen Sprengung der „res publica christiana“ in die strikt getrennten Bereiche von geistlich (sakral) und weltlich (säkular).

Das Christentum als öffentlicher, die Lebensordnung bestimmender Kult des Reiches ging damit verloren, und so auch der öffentliche Einflussfaktor der Kirche dann im Zuge der Glaubensspaltung, als „dadurch, dass sich die Politik über die Forderungen der streitenden Religionsparteien stellte, sich von ihnen emanzipierte“, wie der frühere Richter des Bundesverfassungsgerichtes, Ernst-Wolfgang Böckenförde, es ausgedrückt hat, „sich überhaupt eine befriedete politische Ordnung, Ruhe und Sicherheit für die Völker und die Einzelnen wieder herstellen“ ließ.

Ein formeller gesellschaftspolitischer Friede also, der die religiöse Wahrheit als höchstes gesellschaftliches Gut verdrängte. Ein Phänomen, dessen Verständnis und Umsetzung von Kardinal Richelieu und Thomas Hobbes via Bismarck bis hin zu Maybritt Illner und Anne Will reicht. Wobei die jeweilige Definition, worauf denn dieser eine, heilige und soziale Friede gegründet sein soll, natürlich bei Zeiten und Personen schwankt: Mal ist es die Nation, mal Preußen, mal die Europäische Union, sehr gerne werden auch die Menschenrechte als griffige, säkulare Moral- und Wertekeule herangezogen.

Was sich nicht geändert hat, ist jedoch die für die Kirche entscheidende Konsequenz: die staatliche Ausschaltung des Christentums von öffentlicher, weltformender Wirksamkeit, woran auch die Einbindung der Kirche in zahlreiche staatliche Dienste (Erziehung, Pflege, Ausbildung) und das antiquierte Gerede von christlicher Moral oder christlichen Werten nichts ändert. Was von der Reformation bis hin zur Neuzeit im öffentlichen Bewusstsein Europas tatsächlich zählt, ist nicht mehr die Seele des Menschen, das Quantum Ewigkeit, sondern, wie es Herbert Grönemeyer besungen hat: der Mensch als Mensch. „Weil er liebt, weil er lebt“.

Dies ist die wesentliche moralische Begründung, der Minimal-Konsens, mit welchem in der heutigen Zivilgesellschaft in Angrenzung zu irrational-fundamentalistischen Religionsstilen, wozu man leider auch den romtreuen Katholizismus zählt, die Musik gemacht wird. Laut Musik gemacht wird, so dass alle, um wieder einen Ausdruck aus der Kommunikationswissenschaft zu gebrauchen, am Mitläufertum-interessierten Zivilbürger, unabhängig von Bildung und Beruf, ziemlich genau wissen, wo man im gesellschaftlichen Diskurs stehen muss, um auf der Seite der Sieger zu sein. Der sogenannte „Bandwagon“-Effekt, der unter schonungsloser Berücksichtigung der menschlichen Natur besagt, dass die Menschen in all ihrer Schwachheit und Orientierungslosigkeit dem Wagen mit der (lautesten) Musikkapelle nachlaufen.

Denn: Menschen, unabhängig von Kultur und Religion, wollen sich nicht isolieren. Sie wollen sozial überleben. Deshalb beobachten sie pausenlos ihre Umwelt und registrieren aufs Feinste, was zu-, was abnimmt. An öffentlicher Akzeptanz, an Performanz, an moralischer Autorität.

Eine Kirche, die – anstelle, dass sie von der Auferstehung der Toten und dem Jüngsten Gericht predigt und damit wenigstens die ihr verbliebene sakrale Autorität voll ausspielt – sich in kraftraubend-beliebigen, säkularen Werte-Debatten verstrickt und sich damit zufrieden gibt, dass sie ihre gewalt- und anstoßfreie Meinung im Konzert der vielen anderen säkularen und spirituellen Werte-Anbieter äußern darf, besitzt keine markante, musikalische Anziehungskraft. Dafür wären wohl, um dem Papst wenigstens ein bisschen Arbeit abzunehmen, pro Land in Europa mehr als sieben überzeugte Streiter für Rom nötig. Bischöfe und Priester, Politiker, Journalisten, Medienstars, Kult-Adelige, Künstler, Philosophen und Unternehmer, die unerschrocken ihren Glauben bekennen. Die laut reden, öffentlich zu sehen sind. Natürlich nicht, um die Uhren auf das selige Jahr 1056 zurückzudrehen, sondern um ohne Bekehrungsdruck und Polemik die vielen päpstlichen Aufrufe zur Neuevangelisierung in die Tat umzusetzen, von denen viele – trotz der Weltjugendtage – noch ein bisschen ins Leere oder lediglich ins katholische Ghetto gelangen, wo sie wenig Reflexionsdistanz zum eigenen Standpunkt auslösen, sondern leider ein dualistisches Freund-Feind-Denken noch verstärken. Was nicht die Schuld der Päpste ist.

Die überzeugten und robusten Streiter für Rom in den Medien, in der säkularen Öffentlichkeit könnten diese Negativentwicklung wenden. Warum sollte es sie also nicht geben? Nehmen wir ruhig zu den bereits genannten noch die etwas weniger in Talk-Shows präsenten, aber dennoch stark im Glauben verwurzelten Katholiken wie Martin Mosebach, Robert Spaemann, Paul Badde, Peter Seewald, Pater Wolfgang Ockenfels, Gabriele Kuby, Jürgen Liminski und natürlich Matthias Matussek in die Rechnung, dann sieht es mit potenziellen katholischen Meinungsführern in den öffentlichen Medien Deutschlands eigentlich gar nicht so schlecht aus. Mag sich dabei zunächst auch eine optische oder akustische Täuschung für die wirklichen Mehrheits- und Stärkeverhältnisse (in der Gesellschaft und in der Kirche) einstellen, letztendlich könnte dieser Freimut viele andere an den Wahrheitsanspruch und missionarischen Verpflichtungscharakter der eigenen (oder fremden) katholischen Religion erinnern, sodass das, was heute in gesellschaftspolitischer Sicht als Status Quo oder political correctness gilt, schließlich untergeht und verschwindet – während die authentische Erfahrung von Religiosität, das katholische Abenteuerleben, sich langsam (wieder) ausbreitet.

Wobei es wichtig ist, zu beachten, dass dieses öffentliche Bekenntnis natürlich stärker wirkt, wenn es mit einem gewissen Team-Geist praktiziert wird und unter Vermeidung von ideologischen Engführungen und Gewissheiten. Ein bisschen Ambiguitätstoleranz darf sich auch ein romtreuer Katholik leisten, denn das ist menschlich. Eine Gloria von Thurn und Taxis und ein Matussek bestechen gerade deshalb mit ihrer katholischen Lebensfreude, weil beide einen ganz freien, natürlichen Umgang mit der Popkultur pflegen. Weihrauch ja, aber nicht nur. Auch Sauerstoff gehört zum spirituellen Leben und Atmen.

Jedes öffentliche Bekenntnis für Christus und Kirche besitzt aber auch einen moralischen Wert. Wer anders denkt, anders glaubt, ist nicht dumm, nicht minderwertig, aber liegt falsch. Das mag für unsere interreligiös aufgeklärten, mit Toleranz eingepuderten Ohren eine ideologische Zumutung sein, doch an diesem einseitig oder sogar primitiv wirkenden Schema, was letztendlich auf eine klare Benennung von Gut und Böse hinausläuft und in jedem ernsthaft geführten individuellen Leben immer Alltagspraxis war und bleibt, wird man nicht herumkommen. Bei allem Respekt für komplementäres Denken. Man schaue sich zur Überwindung der inneren Scheu ruhig noch einmal gründlich die Reden der 68er und der ersten Grünen-Politiker-Generation vor dreißig Jahren an: Auch dort ist Gut und Böse (wenn auch in vielen Punkten ideologisch verkehrt) klar definiert. Die „soft values“ wie gewaltfreie Dialogfähigkeit und Toleranz haben Joschka und seine Freunde erst eingefordert, als sie sowieso schon das Sagen oder die Deutungshoheit hatten. Von dieser Taktik zu lernen, ist keine Sünde, sondern Realismus.

Also, bleiben wir ruhig und selbstsicher, wenn die üblichen anti-kirchlichen, anti-römischen Talk-Show-Reflexe mit geifernder Selbstgefälligkeit zum x-ten Mal artikuliert werden. Glaubenswissen und Glaubensübungen helfen, solche zynischen Angriffe zu überwinden.

Hat nicht – woran der Focus-Journalist Alexander Kissler in seinem Buch „Der aufgeklärte Gott“ erinnert – der Chefdenker des säkularen Bewusstseins, der Hohepriester des herrschaftsfreien öffentlichen Diskurses, Jürgen Habermas, selbst zugegeben, dass seine wesentlichen Anschauungen auf religiösen Traditionen beruhen? Dass man Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Freiheit und Emanzipation nur dann versteht, wenn man sich die „Substanz des heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft“ aneignet?

Auch Ernst-Wolfgang Böckenförde war vor Jahrzehnten in seiner Untersuchung zur Säkularisation an den Punkt gekommen, dass der „freiheitliche, säkularisierte Staat (...) von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann“. Genauso ist es, und um auch noch den Vordenker und Warner der aktuellen globalen Kultur-Kämpfe, Samuel Huntington, zu Wort kommen zu lassen: „Kulturen können sich reformieren und erneuern, und sie haben es getan. Die entscheidende Frage für den Westen lautet, ob er – von äußeren Herausforderungen einmal abgesehen – fähig ist, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten und umzukehren. Kann der Westen sich erneuern, oder wird anhaltende innere Fäulnis einfach sein Ende und/oder seine Unterordnung unter andere, wirtschaftlich und demographisch dynamischere Kulturen beschleunigen?“

In Europa, davon ist Huntington überzeugt, könnte die „westliche Kultur auch durch die Schwächung ihres zentralen Elements, des Christentums, unterminiert werden“. Die Menschen in Deutschland und Europa, mögen sie noch so verstockt und orientierungslos scheinen, haben es auch in dieser Hinsicht verdient, dass ihnen Katholiken von der Vergebung der Sünden und der Auferstehung der Toten berichten, ein authentisches Angebot machen. Auch wenn der Sound dieser über Jahrhunderte dynamisch gebliebenen Religion manchmal weh tut. Richtig praktiziert, bleibt sie ein Teil der universalen Menschenbildung.