Der abwesende Mann

Frauen emanzipieren sich, Männer fischen im Trüben – Und was macht die Literatur daraus? Notizen zur aktuellen Männlichkeitskrise. Von Björn Hayer

Was waren das noch für Zeiten, als die Luft noch nach John Wayne roch? Bei manchem ruft solches Nachsinnen Nostalgie hervor. Die moderne Frau aber ist längst zu einem politischen Subjekt herangereift. Nie war das Bild der Alltagsheldin, die sich in den letzten Jahren zwischen Mutterschaft und erfolgreicher Führungskraft als das eigentlich „starke“ Geschlecht zu präsentieren wusste, so im Zentrum gesellschaftlicher Realität wie heute.

Nur wo sind eigentlich die Männer geblieben? Zerfiel spätestens durch Judith Butlers postfeministische Wende, die alle Formen von Geschlechtszuschreibung als Ideologie entlarvte, jedwede Berechtigung für patriarchales Urwaldgetöse, galt es zunehmend das bislang testosterongeladene Männlichkeitsbild in pluralis zu denken. Die Schwulenbewegung machte gleichgeschlechtliche Partnerschaften salonfähig und aus den biederen Anzugträgern und Karrieristen wurden manchenteils metrosexuelle Großstadturbanisten. Die Verunsicherung ist demnach groß und die Männlichkeitskrise längst im Zentrum der emanzipierten Gesellschaft angekommen.

Auch die Literatur hat das Thema für sich entdeckt, vertraut in der Bearbeitung jedoch weder auf alte Rollenmuster noch auf postmoderne Typspielereien. Vielmehr reflektiert sie Maskulinität stets im Spiegel ihres Verlustes. Die Frage nach der neuen Männlichkeit gewinnt gerade als Abwesenheitsphänomen an Virulenz. Während die gesellschaftliche Wirklichkeit die Domänen des Mannes in den letzten Dekaden zugunsten eines liberalen Geistes zu überwinden versuchte, umkreisen gerade junge Literatinnen auf subtile Weise immer wieder das Vakuum, das dadurch hinterlassen wurde. So erzählt Judith Hermanns lakonischer Roman „Alice“ (2009) gleich von fünf toten Männern, deren vergangene Beziehungen zwischen Liebe und Freundschaft zur titelgebenden Heldin zwar allesamt eher im Vagen bleiben, jedoch in der Gegenwart des Todes von einer tiefen Krise zeugen. Im Vergegenwärtigen der gemeinsamen Zeit tritt bei der aus der Bahn geworfenen Alice eine „zentrierte Leere“ zutage. Von jenem Verlust männlicher Stabilität berichtet auch Ulla Lenzes „Der kleine Rest des Todes“ (2012). Hierin erscheint allerdings der verstorbene Vater als zentrifugaler Punkt der Ich-Erzählerin, die sich in Erinnerungssplittern verliert. Isoliert in der eigenen Depression vermag die Protagonistin Ariane dessen Verunglückung nicht zu verwinden. Einzig ihre Aussöhnung mit ihrer Schwester verhilft ihr am Ende zur Wiederfindung der eigenen Mitte. Jenseits der Fragen nach dem Tod kreisen die Werke nicht zuletzt um die Frage nach der eigenen und anderen Identität. Dass immerzu Frauen an dem abwesenden Mann leiden, offenbart mehr als deutlich den Wunsch nach einem entgegengesetzten Pendant.

Flucht in die Geschlechtslosigkeit

Wendet man sich noch Nino Haratischwilis Debütroman „Mein sanfter Zwilling“ (2011) zu, so wird Weiblichkeit überhaupt erst im Angesicht des maskulinen Gegenübers komplettiert. Nach unerfüllten Ehejahren trifft Stella unverhofft wieder auf ihre Jugendliebe Ivo. Die Ära der Tristesse ist vorbei, und die Heldin dazu bereit, ihr bisheriges Dasein hinter sich zu lassen. Doch ihre Liebe zu dem Kriegsfotografen steht in einem Krisengebiet bald auf einer harten Zerreißprobe, aus der sie zwar als gebrochener, aber neuer Mensch hervorgehen sollte. Der Abschied, so Stella, ist „Nicht von dir, nein, von mir. Von dem, was ich war und was ich nicht mehr sein kann“. Die Heldin wird erst durch den gestorbenen Geliebten zu einem gereiften Subjekt und Männlichkeit zum notwendigen Gegenstück weiblicher Selbstentwicklung.

Dass Maskulinität als wieder aufzufüllende Leerstelle markiert wird, die sich mit Sehnsüchten von Halt, Schutz und Fürsorge assoziiert, bestärkt zugleich das kreative Potenzial der Literatur. Ohne normative Maßstäbe schafft sie ein Denkfeld, um neue Identitätsmöglichkeiten des Mannes experimentell durchzuspielen.

Die Gender-Dichotomie versucht Thomas Meinecke als einer der avancierten männlichen Autorenvertreter aufzubrechen, dabei lässt er jedoch alle biologischen Merkmale hinter sich. Ganz im Sinne Judith Butlers wird das „werde was man ist“ – vereinfacht gesagt – zu dem, was möglich und inszenierbar sei. In „Lookalikes“ (2012) wird der Leser daher nur noch Avataren innerhalb einer Cyberoberfläche aus Facebook und Twitter gewahr. Statt Handlung gibt es, wie gewöhnlich bei diesem belesenen wie höchst avantgardistischen Autor, allerlei philosophische Diskurse über Geschlecht, Männlichkeit und was das Leben sonst noch ausmacht. Dabei geht alles in der Camouflage auf: Echte Figuren tragen im Schutz des anonymen Netzes entsprechend postmoderner Koketterie Namen wie Serge Gainsbourg, Justin Timberlake oder Mahatma Gandhi. Das Motto „it’s Doppelganger week“ wird zum Programm einer freien Konstruktion des Ichs jenseits sozialer Normen oder körperlicher Gegebenheiten, wodurch ein neuer Möglichkeitsraum zur Selbstkreation Robert Musil’scher Prägung entsteht. Zwar sagt man Meinecke schon seit Beginn seines an theoretischen Diskursen geschulten Schreibens eine Tendenz zu akademischer Kopflastigkeit und Lebensfremde nach. Allerdings mag eben das Undefinierte, das Unklare und Konturlose vielleicht jener topographische Entwicklungshorizont für neue Männlichkeitsphantasien sein.