„Der Schrecken ist der normale Zustand unserer Gesellschaft“

Was der kanadische Literatur- und Medienwissenschaftler Herbert Marshall McLuhan zur Rolle der Medien in der aktuellen Terrorwelle gesagt hätte. Von André Stiefenhofer

Sein größter Gegner war der atheistische Materialismus: Herbert Marshall McLuhan. Foto: IN
Sein größter Gegner war der atheistische Materialismus: Herbert Marshall McLuhan. Foto: IN

Herbert Marshall McLuhan war einer der wenigen bekennend katholischen „Mediengurus“, bei dem die großen Medienhäuser seiner Zeit ebenso Rat suchten wie die Beatles, Andy Warhol oder Tom Wolfe. Schon in den 1960er Jahren prägte McLuhan den Begriff „Global village“ und noch heute gilt er als „Prophet des Internet“. Was hätte er wohl zur Rolle der Medien in der aktuellen Terrorwelle gesagt und wie sehr hat der katholische Glaube sein Leben und Werk beeinflusst?

Marshall McLuhan beschrieb bereits in den 1960er Jahren Medienmechanismen, wie sie heute zu Zeiten des Terrors die Diskussion bestimmen. So sagte er beispielsweise, Medien bräuchten die schlechten Nachrichten, um ihre „guten Nachrichten“ (also die Werbung) als Kontrast überhaupt verkaufen zu können. Dadurch seien sie sehr anfällig dafür, dem Terror unfreiwillig zu dienen. Denn dieser wolle bei der sehr begrenzten tatsächlichen Wirkung von Anschlägen vor allem durch den verbreiteten Schrecken sein Ziel erreichen. McLuhan prägte außerdem die Bezeichnung „Global village“ (weltweites Dorf), um den Einfluss moderner Medien auf die Gesellschaft darzustellen. Ähnlich wie in einem primitiven Stamm sei der moderne Mensch mit der ihn umgebenden Umgebung und ihrer Informationsflut überfordert. Das führe dazu, dass der „Schrecken der Normalzustand unserer Gesellschaft wird“, denn im globalen Dorf betrifft „jedes Ereignis jeden und zu jeder Zeit“. McLuhans Fazit: Die moderne Mediengesellschaft hat verlernt, tatsächliche und scheinbare Gefahren voneinander zu unterscheiden und taumle daher von einem Ausnahmezustand in den nächsten. Wohlgemerkt: All das schrieb er lange vor Erfindung des Internet, weswegen er in den 1990er Jahren posthum den Ruf als „Medienprophet“ bekam.

Auf die aktuelle Situation bezogen würde er wohl vor allem mit seinem berühmten Satz „The medium is the message“ feststellen, dass Medieninhalte schon durch die Form der Medien bestimmt werden. Es ergibt daher nach seiner Lesart keinen Sinn, auf Soziale Medien wie „Twitter“ zu schimpfen, wenn sich dort – wie beim Münchner Amoklauf geschehen – Falschmeldungen und Gerüchte verbreiten. Die sofortige Verbreitung ungefilterter Eindrücke ist schließlich das Geschäftsmodell von „Twitter“, ebenso wie ungefilterte Kommentare und die damit einhergehende fehlende „Diskussionskultur“ bei „Facebook“ vorab einkalkuliert sind. All das sind formale Erkenntnisse, die in der inhaltsfixierten Diskussion darüber, was Journalisten „tun sollten“ und was nicht, praktisch nicht vorkommen. Weder die Ankläger einer vermeintlichen „Lügenpresse“ noch die Befürworter politisch korrekter Anti-Hass-Kampagnen haben die formalen Vorgaben der modernen Medienlandschaft verstanden und erheben daher moralische Forderungen, wo moralfreie Mechanismen wirken. McLuhan verglich diese politischen Geisterfahrer zu seiner Zeit mit „Menschen, die mit der Hand in eine laufende Kreissäge fassen, weil sie die Sägezähne nicht sehen, und sich hinterher beschweren, dass ihnen die ,böse‘ Kreissäge die Hand abtrennt“. Er plädierte für eine objektive und vorurteilsfreie Analyse der Medien – und das, obwohl er privat durchaus viele moralische Standpunkte vertrat: dezidiert katholische.

„Der Glaube hat mich immer verfolgt.“ Mit diesen Worten drückte McLuhan in einem Interview seine stete Suche nach der Wahrheit aus. Das Wesen Gottes war „the thing“ – das „Ding“, das ihn nie losließ und ruhelos machte. McLuhans Eltern waren gläubige Methodisten, doch er selbst wandte sich in seiner Jugend zunächst von diesem Glauben ab, der ihm zu rigoros und kalt erschien. In seiner Schulzeit bezeichnete er sich selbst als „Agnostiker“. Dann schlug er eine akademische Laufbahn ein, die ihn nach seinem Grundstudium an der Universität von Manitoba nach Cambridge in England führte. Dort kam er mit den Schriften Gilbert Keith Chestertons in Berührung und beschäftigte sich erstmals intensiv mit dem katholischen Glauben. Dabei merkte er: „Entweder alles daran ist wahr oder nichts.“ Um das zu klären, begann er probeweise zu beten. Ein „Selbstversuch“, der 1937 zu seinem Übertritt in die katholische Kirche führte. McLuhan besuchte seitdem täglich die Heilige Messe, ging regelmäßig zur Beichte und betete mit seiner Frau und den sechs Kindern jeden Abend den Rosenkranz. Sein vehementes Bekenntnis zum Katholizismus barg im protestantisch geprägten Kanada damals noch das Risiko erheblicher Karrierehindernisse. Dass McLuhan dennoch öffentlich seinen Übertritt erklärte, zeigt, wie sehr ihn der Glaube gepackt hatte. International bekannt wurde er, als er Anfang der 1950er Jahre Kommunikations- und Kulturseminare an der Universität von Toronto ins Leben rief. In den 1960er Jahren avancierte McLuhan zum Medienstar und bekam 1963 ein eigenes „Zentrum für Kultur und Technologie“, das er bis 1979 leitete. Oft hielt er in der freien Wirtschaft Vorträge und war als Medienberater gefragt.

1974 wurde McLuhan in die Päpstliche Kommission für Kommunikationsmittel berufen. Er äußerte sich über die Arbeit dieser Kommission enttäuscht: „Es war wenig mehr als die Aufnahme in einen Briefverteiler mit regelmäßigen Einladungen nach Rom zu endlosen Sitzungen und Kongressen.“ Kurzum: Es kam ihm zu wenig dabei heraus und Theologie war für McLuhan seitdem nur noch „eines der Spiele, das die Menschen spielen“. Sein Glaube dagegen war vor allem auf das Gebet und Hören auf Gott gebaut. Er schrieb: „In die Kirche kommt man nur auf den Knien. Wer sie verlässt, hat aufgehört zu beten.“ Es ging ihm um die ehrliche Suche nach der Natur Gottes, die seiner Ansicht nach nur durch „Perzepte“ umschreibbar ist. Das Wort „Perzept“ konstruierte er als Gegensatz zum rationalen „Konzept“. Es meint eine sofort einsichtige Wahrheit, die jedoch rational nicht fassbar ist. „Glaube ist eine Art der Wahrnehmung wie der Seh- oder Tastsinn. Wenn man ihn hat, stellt man ihn nicht in Frage.“ Diese Aussage beschreibt McLuhans intuitive und ganzheitliche Herangehensweise an die Wirklichkeit sehr gut. Nietzsches Aussage „Gott ist tot“ war für ihn der Ruf eines „zweidimensionalen“ Menschen, der nur linear in Konzepten denken kann. Er schreibt: „Die Christenheit und Gott sind tot, sobald sie Konzepte werden. Der Ruf ,Gott ist tot‘ meint den Gott einer rationalen Kultur. Solange Gott ein Perzept ist, lebt er.“ Wegen dieser Sichtweise sind für McLuhan das Gebet und die Teilnahme am Gottesdienst zentral für die Gotteserfahrung. Ein Christ, der Gott lediglich als Konzept sieht, hört auf zu beten und analysiert seinen Schöpfer so lange, bis er nicht mehr an ihn glauben kann. Aber wer aktiv betet und eine Beziehung zum Göttlichen sucht, der erfährt Gott intuitiv als Perzept.

Seine eigene Gotteserfahrung beschreibt McLuhan als „sheer awareness“ (reines Bewusstsein). „Ich denke von Gott (…) als eine unmittelbare und allgegenwärtige Tatsache – eine Gelegenheit für ständigen Dialog.“ Diese gebetszentrierte Sicht auf den Glauben ist für McLuhan „typisch katholisch”. Dagegen seien alle rationalen Glaubenskonzepte „typisch protestantisch“, weil sie ihren Ursprung in der durch den Buchdruck ausgelösten Homogenisierung und Segmentierung des Menschen haben. Ohne den Buchdruck, so stellt McLuhan fest, hätte es Luther nie gegeben. Der katholische Glaube atmet im Gegensatz zum auf die Schrift verengten „Sola Scriptura“ Luthers den mittelalterlichen Diskurs der Gelehrten, die Tradition und das ganzheitliche Gefühl der Geborgenheit in Gott und seinem Weltenplan. Regelrecht abgestoßen zeigt sich McLuhan von der protestantischen Arbeitsethik und stellt dieser die Gotteskindschaft gegenüber: „Wer ein Leben des Dienens oder menschliche Leistung über die Zugehörigkeit zur Kirche stellt, impliziert damit, dass das Universum durch die Menschwerdung und Wiederauferstehung Jesu Christi nicht radikal verändert wurde.“ Hier findet sich in theologischer Form die Grundaussage von McLuhans Medienlehre wieder: „The medium is the message!“ Und auch in Glaubensdingen meint McLuhan nicht nur unterschiedliche Taten, sondern auch verschiedene Früchte der konfessionellen Glaubensformen zu erkennen: „Die katholische Kultur brachte Don Quixote, Rabelais und den heiligen Franziskus hervor. Dagegen hat all das, was an den Bedingungen und Härten der modernen Industriegesellschaft unmenschlich ist, nicht nur seinen Ursprung in protestantischer Ethik, die Protestanten rühmen sich sogar damit, dass sie es hervorgebracht haben!“

So sehr er an Stellen wie dieser gegen den Protestantismus Stellung bezieht, so geht es ihm im Kern doch um den Kampf gegen einen „verweltlichten“ Glauben gerade auch in der katholischen Kirche. Sein größtes Feindbild jedoch ist der atheistische Materialismus. Besonders das Menschenbild der Moderne kritisiert er vehement: „Die heidnische Idee ist es, dass der Mensch nur ein gefallener Engel ist, der seinen Körper wie eine Maschine steuert. Die Heiden sagen: ,Lasst uns diesen Engel her-ausputzen und ihn in immer mächtigere Maschinen stecken, bis die Welt aussieht wie Marilyn Monroe in einem Cadillac Cabrio.‘ Oder wie es Nietzsche ausdrückt: ,Der Wirklichkeit ist nicht zu trauen. Sie muss durch soziale Ingenieure neu erschaffen werden.‘ Katholisch dagegen ist es, in der Wirklichkeit den Auferstandenen wirken zu sehen.“ Diese Aussage zeigt: McLuhans Glaube ist nicht leibfeindlich und nicht rein jenseitig. Er ist ebenso ausbalanciert wie das Verhältnis von „Konzept“ und „Perzept“ in seinem Werk. Es geht McLuhan um die ganzheitliche Wahrheit unserer Existenz. Darum ist ihm totalitäre Gleichschaltung zuwider, wie er sie in der Moderne umgesetzt sieht, wenn er schreibt: „Die Voraussetzung des Individualismus ist der homogene, gleichgeschaltete Mensch.“ Welche Konsequenzen er in diesem Zusammenhang in den 1950er Jahren auf die Gesellschaft zukommen sah, ist mehr als erstaunlich. So schrieb er, wer fordere, dass Frauen exakt dieselbe Arbeit wie Männer verrichten müssten, dem gehe es nicht um „Gleichberechtigung“, sondern um die „Homogenisierung“ des Menschen. Die unterschiedlichen Berufungen der Geschöpfe würden damit ignoriert. Man folge hier nur „der dynamischen Logik eines billigen Arbeitsmarkts, die ganz selbstverständlich zu einem Angriff auf die Familie führt“. Eine von vielen prophetischen Aussagen des „Mediengurus“ Marshall McLuhan. Am 31. Dezember 1980 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.