Würzburg

Der Polterer

Friedrich Nietzsche und das Christentum - ein weites Feld. Den von ihm bewunderten Jesus hat er entlastet. Die Urkirche nahm der streitbare Philosoph jedoch nicht von seiner Polemik - besonders Paulus attackierte er. Eine Betrachtung zum 175. Geburtstag

Nietzsche-Kongress in Naumburg
ARCHIV - In einer Schublade liegen die Totenmaske und Lithografien von Friedrich Nietzsche am 13.10.2015 im Nietzsche-Dokumentationszentrums (NDZ) in Naumburg (Sachsen-Anhalt). Referenten aus 18 Nationen treffen sich vier Tage lang in Naumburg, um über neue Erkenntnisse zu Friedr... Foto: Jan Woitas (dpa-Zentralbild)

Zum 175. Geburtstag des Philosophenhammers stellt sich (wie auch anlässlich früherer Jubiläen) die Frage: Was fasziniert heute noch an dem einsamen Rufer in der Wüste, der seiner Epoche wie kein Zweiter den Spiegel vorhielt? Die Zeit des Endlos-Themas „Nietzsche und Nationalsozialismus“ dürfte bald seinem Ende entgegengehen. Ebenso steht es um die Erörterungen des Verhältnisses Nietzsches zum Christentum, das von bedeutenden Gelehrten wie Karl Jaspers, Jörg Salaquarda, Eugen Biser und Hans Maier untersucht worden ist.

Anders als im 19. Jahrhundert sind christliche Glaubensinhalte heute – angesichts des omnipräsenten postmodernen Wahrheitsrelativismus und verbreiteter Wohlstandsträgheit – in Europa kein größerer Stein des Anstoßes mehr. Öffentlich diskutiert werden höchstens Auftreten und Verfehlungen von kirchlichen Repräsentanten und Äußerungen zu Angelegenheiten der Moral (Flüchtlinge, Sexualität und so fort). Lehrinhalte fallen weithin der Gleichgültigkeit anheim.

Schroffe Begegnung und tiefe Bindung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Signatur des Zeitgeistes offenkundig eine andere. Kaum ein Denker begegnet dem Christentum mit einer Nietzsche vergleichbaren Schroffheit. Unstrittig ist jedoch auch die andere Seite: die tiefe Bindung an den Glauben als Teil seiner persönlichen Identität. Sein häusliches Seminarium – freilich pietistisch überspannt – hat er als Voraussetzung seines Wirkens stets reflektiert. Derartige Widersprüche prägen das OEuvre des Aphoristikers. Jeder Leser seines Werkes weiß, dass er gern pointierte Aussagen durch die Behauptung des Gegenteils hinterfragt.

Während für andere Religionskritiker Gott wie selbstverständlich tot ist und sie in aufgeklärtem Gestus lediglich nachweisen wollen, warum ein solches falsches Transzendenzbewusstsein überhaupt noch vorherrscht, stellt der Pfarrerssohn immerhin die Legitimität der eigenen Angriffe infrage. Anders als die vielen wissenschaftsgläubigen Atheisten seiner Epoche weiß der sprachgewaltige Philosoph, dass auch Gottlose und Antimetaphysiker ihr Feuer von dem Brande nehmen, den einst Jesus entzündet hat.

Nietzsche ist sich stets im Klaren darüber, dass die „Grammatik“, die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft, auch dann weiterhin existiert, wenn die doktrinelle Basis des Herkunftsglaubens untergraben wird. Er fragt rhetorisch, wer „uns“ den „Schwamm“ gegeben habe, den ganzen Daseinshorizont wegzuwischen. Um eine Antwort ist er jedoch verlegen.

Geliebter Jesus und Erzfeind Paulus

Die Ambivalenzen Nietzsches gegenüber dem Christentum zeigen sich nicht zuletzt im Blick auf dessen Stifter. Nietzsche lobt ihn in hellen Tönen. Natürlich klingen diese für heutige Ohren eher merkwürdig. So heißt es bei ihm, der einzige Christ, den es je gegeben habe, starb am Kreuz. Damit kommen entscheidende Hoffnungen bei ihm an ihr Ende: der Ansatz zu einer „buddhistischen Friedensbewegung, zu einem tatsächlichen, nicht nur verheißenen Glück auf Erden“. Die Schrift „Ecce Homo“ beendet er antithetisch: „Dionysos gegen den Gekreuzigten“. Das Objekt seiner Aversion ist gleichzeitig ein solches der Identifikation.

Das Menschheitsverbrechen auf Golgotha schreit nach Erklärung. Dem Evangelium folgt daher auf dem Fuße das Dysangelium. Für Nietzsche ist der Übelautor klar: sein Erzfeind Paulus. Dessen Deutungen lassen verschwinden, was die authentische Nachricht Jesu ausmacht: Leben, Beispiel und Lehre, also die ganze ursprüngliche Frohbotschaft. Die Litanei angeblicher Verfälschungen wird in Nietzsches Schrift „Der Antichrist“ aufgezählt.

Nun kennt ein heller Geist wie Nietzsche natürlich den wunden Punkt des Christentums: die Diskrepanz zwischen der Quelle und dem daraus entspringenden Fluss. Das Wirken der Nachfolgenden – und das gilt im Grunde bis heute – kann (gemessen am singulären Vorbild) kaum anders denn als Dekadenz betrachtet werden. Zugespitzt formuliert: Die ganze Kirchengeschichte lässt sich als Suche nach dem Punkt interpretieren, an dem der Abfall vom rechten Glauben und der wahren Liebe begonnen hat: Für die einen ist es das Aufkommen von Kirchenrecht und -zucht, wie für den protestantischen Juristen Rudolph Sohm, der mit diesem Einschnitt das irreversible Ende brüderlich-geistgewirkter Liebe in den urkirchlichen Gemeinden gekommen sieht.

Endlose Reihe von Bruchstellen

Für Adolf von Harnack, den Protagonisten des Kulturprotestantismus, liegt der Sündenfall in der Überlagerung der ursprünglichen Verkündigung durch den hellenistischen Geist. Dieser habe den einfachen Prediger aus Nazareth in die unfassbare zweite Person Gottes verwandelt. Für wieder andere ist es die konstantinische Wende, die die einst oft Verfolgten zum Teil sogar selbst zu Verfolgern machte; für weitere markiert die Reformation die entscheidende Zäsur, die die Einheit der abendländischen Kirche zerbrechen ließ. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

Für Nietzsche manifestiert sich die Verkehrung unmittelbar nach dem Tod des Meisters. Der Epileptiker Paulus fungierte für ihn als „Apostel der Rache“, redete alles Irdische schlecht. Dem Sinnlosen verlieh er einen (Pseudo-)Sinn: Das Phantasma des Opfertodes trat in die Welt. Da die im Jammertal Lebenden selbst ihre Schulden nicht tilgen könnten, bedurfte es eines äußeren Eingriffs. Der welt- und lebensbejahende Jesus mutierte nunmehr zum Erlöser. Die ressentimentgeladene „Missgeburt“ Paulus hypostasierte den Tod als „der Sünde Sold“ (Röm. 6,23). Die Perversion der Welt nahm ihren Lauf.

Besonderer Stachel im Fleisch ist bereits die – aus der Perspektive Nietzsches – Stilisierung des Wanderpredigers Jesus zum Auferstandenen. Später sei – quasi als Gipfel aller Verdrehungen – das Gedankenmonstrum der Unsterblichkeit der Seele entstanden. Gemäß diesem egalitarismusverdächtigen Hirngespinst könne jeder das ewige Leben erlangen, moniert der Polterer Nietzsche. Für ihn ist das ein Attentat auf alles Vornehme, Edle und Aristokratische. Biologistische Mechanismen würden durch lebensfeindliche Maximen wie den Einsatz für Schwache, Versehrte und „Lebensunwerte“ außer Kraft gesetzt.

Der Polterer hat viel mit Paulus gemein

Die „Seelen-Gleichheits-Lüge“, soziologisch bedingt durch die Überrepräsentanz der Niedrigen in Jesu Umfeld, habe demnach ein Übriges besorgt. Nietzsche erkennt hier eine Präfiguration der modernen Welt und schlägt den Bogen zu den Strömungen Demokratie, Sozialismus und Liberalismus, mithin „Pseudomorphosen“ (Jaspers) des Christentums. Letztlich erweist Nietzsche auch seinem Gegner Paulus die Ehre, wenn er verneint, dass es sich bei ihm um einen „Idioten“ gehandelt habe – eine offenkundige Anspielung auf den Titel eines Dostojewski-Romans.

Aufgrund seiner polemischen Grundeinstellung nimmt Nietzsche kaum wahr, dass er – als freier Geist – viel mit Paulus gemeinsam hat, für den Freiheit und Liebe über Gesetz und Moral standen. Der Völkerapostel musste schließlich sogar die Libertinisten in den von ihm gegründeten Gemeinden zur Ordnung rufen. Evident ist, dass Nietzsche mit Paulus das gesamte Christentum treffen will.

Dass die Generation nach Jesus dessen originäre Intentionen gezielt verändert habe, kolportiert die Umgebung Nietzsches, vor allem die Theologen Franz C. Overbeck und Hermann Lüdemann. Abgemildert und auf eine sachliche Basis gestellt wird dieser Gedanke eine Generation später von Albert Schweitzer. Er sammelt Belege, dass Paulus die frühe Überlieferung im Lichte der ausbleibenden Parusie, der zunächst erwarteten Wiederkunft des Herrn noch zu Lebzeiten der Apostel, umarbeitete. Die gewandelte Situation machte demnach eine Neuredaktion nötig. Spekulationen, die einst Nietzsche zur Entlarvung des Christentums dienten, haben nach wie vor Konjunktur. Der mittlerweile pensionierte protestantische Exeget Gerd Lüdemann wirft den frühesten Christen sogar Betrug vor und kommt zu dem Schluss, dass nur fünf Prozent der überlieferten Worte Jesu von ihm auch tatsächlich stammen. Gestus und Geist Nietzsches und seiner destruktiven Wirkung leben weiter, auch in der heutigen Theologie.