Der Naturalismus enthüllt sich als höflicher Atheismus

Zweifel am Glauben ist nicht seine Widerlegung: In Dresden eine Tagung zu „nicht-metaphysischen Lesarten der religiösen Rede“. Von Alexander Riebel

Der Naturalist kann den Blick nur auf Konstruktionen richten. Statue Isaak Newtons vor dem Bahnhof King's Cross in London. Foto: IN
Der Naturalist kann den Blick nur auf Konstruktionen richten. Statue Isaak Newtons vor dem Bahnhof King's Cross in Londo... Foto: IN

Lässt sich religiöses Sprechen wie in Gebet oder Predigt ohne metaphysischen Hintergrund verstehen? Oder sind nicht doch metaphysische Begriffe nötig, um die religiöse Rede über Gott angemessen aufzufassen? Dieser Frage stellte sich ein dreitägiger Workshop des Philosophischen Instituts der Technischen Universität Dresden zu „nicht-metaphysischen Lesarten der religiösen Rede“. Dass dies auch ein philosophisches Thema ist, sah der Veranstalter der Tagung, Rico Gutschmidt, darin, dass die religiöse Rede „auch in einer nichttheistischen Lesart mehr ist als ein Gefühlsausdruck“ und somit auch über die Endlichkeit der menschlichen Situation aufklären könne.

Wir wissen nicht mehr, was Metaphysik ist, meinte der Professor für Theoretische Philosophie in Leipzig, Pirmin Stekeler-Weithofer. In der metaphysischen Tradition habe es nicht nur eine Klärung der Ontologie gegeben, sondern die Metaphysik habe immer auch das Erkennen analysiert. Bereits Aristoteles untersuchte Wissen und Wahrheit. Noch Hegel habe Kants Auffassung der Wahrheit kritisiert, weil der nicht auch unwahre Unendlichkeit und unwahre Transzendenz in den Blick genommen habe. In seinem Vortrag „Die Transzendenz der Wahrheit und der Gott des allgemeinen Blicks“ sprach sich Stekeler-Weithofer für ein Verständnis von Gott aus, der nicht nur als jenseits der Endlichkeit und jenseits der Erscheinungen aufgefasst wird, weil er dann wie beim Sein des Parmenides, das kein Werden zulässt, die Endlichkeit mit Raum und Zeit „zerstöre“. So sei die Theodizee im Hinblick auf Hiob etwa nicht sinnvoll als „ein Jammern über die Vergangenheit, wie sie war“ – sinnvoll sei nur die Rechtfertigung der wirklichen Welt. Dennoch – wer die Rede von Gott und vom Absoluten vermeidet, könne Fehler nicht mehr erklären, sich nur noch auf den Kausalnexus innerhalb der Welt berufen.

Transzendenz als Urphänomen einer menschlichen Welt machte der Dresdner Philosophieprofessor Thomas Rentsch zum Thema seines Vortrags über „Universalität der Transzendenz“. Er fasste Transzendenz als Unverfügbarkeit und „wesentliche Entzogenheit“ auf, unterschied Transzendenz dabei aber von einer Ontologie im mittelalterlichen Sinn. Ganz frei vom Bezug auf Religion fasste er unsere Endlichkeit als sinnstiftend und deren unerkennbaren Grund als realer auf, als es die Wirklichkeit sei. Neben dieser „kosmologischen Transzendenz“ beschrieb Rentsch auch eine „existenzielle Transzendenz“, denn unser Dasein gehe aller Sinnerfahrung voraus, was Rentsch als rationales Wunder bezeichnete. Diese Sinnerfahrung konkretisiere sich auch in Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Liebe. Aber sind die beiden Begriffe von Transzendenz wie auch die „Transzendenz der Sprache“, die uns vor-ausgehe, wirklich Begriffe von Transzendenz, oder nicht eher Bedingungen unserer konkreten Existenz, also Transzendentales, wie man früher sagte? Für Rentsch gehört die Universalität der Transzendenz keiner Philosophie, Religion oder Epoche an, sondern diese Formen der Kultur seien erst durch diese Universalien verstehbar. Hier lässt sich wieder fragen, ob damit nicht Transzendentales gemeint ist im Sinne Kants, nämlich eine logisch unhintergehbare Bedingung für die wirkliche Welt. Für Rentsch jedenfalls ist auch das Heilige oder die Kunst ein „kulturelles Reflexivwerden der Transzendenz“. Das provozierte Widerspruch in der anschließenden Diskussion. Denn kann sich die Theologie darin wiederfinden, dass universale Strukturen dem Religiösen vorausgehen, die den Glauben erst begründen? Und gibt es nicht doch so etwas wie ein christliches „Apriori“, das der Erklärungsgrund für das ist, was wir universell nennen? Holm Tetens, Professor für Logik und Wissenschaftstheorie an der Freien Universität Berlin, wandte ein, ob nicht erst durch den Bezug zu Gott das Vertrauen zur Welt entstehe, für das es in der Welt keinen Grund gebe. Es sei ja gerade die Theologie, die die „Prototheorie“ von Rentsch korrigieren könne. Auch wenn Rentsch religiöse Erfahrung keineswegs ausschließen will, deutete sich in der Diskussion bereits an, dass grundsätzlich verschiedene Positionen aufeinander trafen. Auf der einen Seite eine rein rationale Sicht, die auch auch Religion auf Gründe außerhalb von ihr herleiten will, und die Verteidigung der Religion als Grundlage für alle weiteren Überlegungen.

Von dieser letzteren Sicht ging Harald Wohlrapp, Professor für Philosophie an der Universität Hamburg, mit seiner These aus, dass Religion die Kultivierung eines Grundvertrauens sei: „Wenn in der Kirche alles schön geschmückt ist, bekommen wir zu fassen, wie tief gegründet Vertrauen sein kann.“ Zweifel seien daher auch keine Widerlegung des Glaubens, sondern eine Aufforderung zu dessen Festigung. Im Unterschied zu solch einem Vertrauen gebe es auch Überzeugungen wie die „Autoevolution“, indem der Mensch die Evolution selbst in die Hand nehmen wolle und überzeugt sei, das mit moderner Technik zu schaffen – diese „Hybris“ bezeichnete Wohlrapp als Ersatzreligion. Als Beispiel für ein überwältigendes religiöses Erleben nannte er die Glaubenserfahrung des ehemaligen Kommunisten André Frossard. Entscheidend war für Wohlrapp, dass die „religiöse Rede ein anderes Genre ist als die theoretische“. Denn dass Frossard sein Leben durch den Glauben verändert habe, entspreche dem Paulinischen neuen Menschen. Einen ähnlichen Gedanken wie die Kritik an moderner Hybris hat Henning Tegtmeyer von der Universität Leuven im Hinblick auf die Stoa hervorgehoben. Die wollte Glück durch Ataraxie, die Seelenruhe, erreichen, im Unterschied zum Christentum, in dem Glück etwas Unverfügbares sei. Die christliche Ethik sei daher auch nicht die Fortsetzung der stoischen.

Warum sprechen eigentlich Atheisten so häufig von Gott? Diese Frage hat Holm Tetens in seinem Vortrag gestellt. Wer nicht mehr metaphysisch von Gott reden will, sei möglicherweise Naturalist, meinte Tetens. Die Naturalisten unterschied er in zwei Arten. Der harte Naturalismus vertrete einen Physikalismus, wonach es nur die Naturbestimmtheit der Welt gebe; diese völlig mangelhafte Position sei gar nicht das Problem. Wohl aber die weiche Variante des Naturalismus, dem zwar noch an der Rede von Gott gelegen sei, für den es aber nur eine Religion ohne Gott gibt: „Man soll nicht so tun, als rekonstruiere man einen Glauben an Gott, vielmehr will man ihn abschaffen“, meinte Tetens. Er forderte von den Naturalisten, die Karten auf den Tisch zu legen und sich als Atheisten zu bekennen. Für Tetens ist der einzige Grund, dass Naturalisten über Gott sprechen, wenn auch auf nicht-metaphysische Weise, dass nicht alle Menschen Naturalisten sind – die Naturalisten wollen im Gespräch bleiben. Als Beispiel wurde Jürgen Habermas genannt mit seinem „Übersetzungsprogramm“ religiöser Rede in eine säkulare. Als weiteres Beispiel nannte er das neue Buch „Gelassenheit“ von dem Lebenskunstphilosophen Wilhelm Schmid. Denn der Naturalist kümmere sich sehr wohl um die Lage des Menschen, der ein erfülltes Leben anstreben und nicht verzweifeln soll: Gelassenheit in einem gemeinsamen gelingenden Leben zu versuchen, das sei der neue Atheismus, der auch ohne Selbstwiderspruch nicht-metaphysisch über Religion reden könne. Aber niemals, so Tetens, wird der naturalistische Atheist sagen können, dass das Leben über Tod und Verwesung hinausgeht: „Wenn die Erfahrungswelt unsere Wirklichkeit ausmacht, ist der Christusglaube vergeblich.“ Dass Gott es mit mir und der Welt gut meint, ist nach Tetens der Kern des Glaubens.

Tetens hat damit den Titel der Tagung als Problem aufgewiesen, denn in dem nicht-metaphysischen „wir bringen die Welt gemeinsam voran“ erschöpfe sich nicht das Sprechen der Gläubigen. „Unsere Fragestellung ist falsch“, spitzte er seine Thesen zu, denn Atheisten müssten zeigen, wie ihr naturalistischer Reduktionismus begründbar sei. Zusammenfassend sagte Tetens, nicht die nicht-metaphysische Rede von Gott sei das Problem, sondern dass es Naturalisten gibt, die sich religiös nennen.

Es fragt sich also, ob man sich bei der religiösen Rede auf die tragenden Gehalte einer Religion einlässt oder nicht. Wenn man wie der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, den der Privatdozent für Systematische Theologie und Religionsphilosophie Hartmut von Sass von der Universität Zürich vorstellte, behauptet, dass sich das Christentum Argumente aus dem Scheitern des Gegenarguments – der Kritik an der Moderne – gibt, wird das nicht die religiöse Rede erklären. Nach Nancy betreibt das Christentum seine eigene Dekonstruktion, die sogar in dessen Wesen liege. Das Gebet habe kein Gegenüber, die Anbetung verschaffe sich ihren eigenen Gegenstand und die Offenbarung enthülle nichts Offenbares. Auch bei Nancy gibt es also ein Reden über Religion, ohne sich dessen spezifischen Formen anzunähern. Dass Glaube nur eine Haltung, keine Wahrheit, sei, hatte Martin Heidegger behauptet. In seinem Vortrag ging Rico Gutschmidt vom Philosophischen Institut der Universität Dresden auf das „grundlose Getragenwerden“ bei Heidegger ein. Es gebe keine Sicherung im Dasein, der Mensch sei auf das grundlose Vertrauen angewiesen. Nach Heidegger, so Gutschmidt, bietet auch der Glaube keinen Halt, vielmehr sei es Blasphemie, wollte der Christ in Gott Halt finden. Nachmetaphysisches Denken wie bei Heidegger oder Nancy scheint also notwendig metaphysikkritisch zu sein.

Geht es in der Religion überhaupt vorrangig um den Glauben? Diese Frage warf die Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz, Amber Griffioen, auf. In ihrem sprachphilosophischen Vortrag erklärte sie, dass die relevante Einstellung nicht der Glaube, sondern die Vorstellung sei. Es komme darauf an, wie wir über Gott sprechen und da habe es eine ganz verschiedene Bedeutung, ob Christen oder Muslime über die Dreifaltigkeit sprechen. Es komme also nicht auf den Bezug zur Existenz Gottes an und so könnten ontologische Realisten und Antirealisten dennoch bedeutungsvoll über Gott sprechen, etwa darüber, dass er allmächtig sei. Es sei Zeit, über neue Wege der Erkenntnis Gottes zu sprechen, die auch aus historischen Gründen dem 21. Jahrhundert, den Änderungen in der Moral und den Bedingtheiten der Menschen verantwortlich seien. Dass Griffioen dennoch über Gott zu sprechen auffordert und dies in einer tief metaphysischen Weise, scheint einem höflichen Atheismus nahezukommen. Denn der konkrete Inhalt der Religion und der Glaube der Menschen sind hierbei kein vorrangiges Thema. So wird auch bei Griffioen deutlich, wie sich die Diskussion vom „Wissen dass“, also der Realität einer bestimmten Religion, zum „Wissen wie“ verschiebt, eben dahin, wie „wir“ über Religion sprechen wollen. Dass es hierbei noch Unverfügbares gebe, wird man nicht behaupten können. Bei „Wissen wie“, also welche Vorstellungen über Religion „fruchtbar“ sind, wie Griffioen sagt, mag man noch über einen modernen Sinn von Metaphysik sprechen, die konkrete Religion wird aber beiseite geschoben.

Wenn die Frage nach Existenz oder nicht-Existenz religiöser Inhalte ein Kategorienfehler und so die falsche Fragestellung ist, wie Griffioen zu sagen bevorzugt, dann würde die Ablehnung dieser Frage natürlich auch für Debatten innerhalb einer Religion relevant werden. Die Festlegungen, die sich theologiegeschichtlich ergeben haben, könnten vor diesem Hintergrund also leicht ins Wanken gebracht werden, weil man sich auf ein anderes Gottesbild einigen will oder einfach auf angeblich zeitgemäße Verhaltensweisen. Es geht in dieser Sicht also ausdrücklich um „Einstellungen“ – ja wozu eigentlich, wenn die der Religion zugrundeliegenden Glaubensinhalte jederzeit außer Geltung gesetzt werden können? Im „religiösen Sprachspiel“ lässt sich natürlich jederzeit ein neuer Gott erfinden, ganz nach Lage der Lebenswelt, aus der dieses Bedürfnis entspringt. Doch mit Religion hat das nichts zu tun, eher mit einem philosophischen Spiel.

Eine Rückbesinnung auf die Metaphysik hält Karlheinz Ruhstorfer, Professor für Systematische Theologie an der Universität Dresden, für unverzichtbar. Zwar nicht einfach als Rückkehr durch die postmodernen Betrachtungen des 20. Jahrhunderts hindurch, aber durch eine radikale Verneinung der sinnlich-weltlichen Wirklichkeit, die den Weg zu den christlich geprägten Gründen verstellten, wie sie in der Heiligen Schrift geborgen seien. Habe Hegel noch das Offenbarwerden des christlichen Prinzips des Bezugs von Gott und Mensch gewürdigt, so habe Feuerbach die Linie der Bio-Anthropo-Logie eröffnet, die bis in die Gegenwart reiche und die Endlichkeit des Menschen in den Vordergrund rücke. Aber was wäre, fragte Ruhstorfer, wenn die moderne Metaphysikgeschichte gar nicht zur Verstellung und zum Entzug des Seins führen, wie Heidegger und andere behauptet haben. Wenn die Fragestellung der letzten 200 Jahre falsch war, die auf die Alternative zwischen Athen und Jerusalem hinauslief, anstatt auf deren Verbindung? Im Hinblick auf die verengte Sicht auf die Metaphysikgeschichte fragt Ruhstorfer mit Nancy, warum wir unseren Blick systematisch vom Christentum abwenden und zum Jüdisch-Griechischen hinschielen und uns so dem Christlichen nicht stellen wollen. Gemäß dem italienischen Philosophen Gianni Vattimo könne sogar der Tod des metaphysischen Gottes zur Wiederkehr des Gottes der Bibel führen. Dazu wäre eine Erneuerung der Wissenskultur nötig mit der Frage nach letzten Gründen. Daher sollten wir nach Ruhstorfer nicht einen weiteren Versuch starten, unserer Herkunft zu entkommen.