Der Mut, einen Neuanfang zu wagen

Ein Kinofilm, der mit seinem Realismus Hoffnung gibt: „Willkommen bei den Rileys“. Von José García

Das festgefahrene Leben von Doug Riley (James Gandolfini) erhält eine neue Aufgabe, als er die junge Stripperin Mallory (Kristen Stewart) kennenlernt. Bei Dougs Ehefrau Lois (Melissa Leo) ruft dies zunächst einmal blankes Entsetzen hervor. Foto: Arsenal
Das festgefahrene Leben von Doug Riley (James Gandolfini) erhält eine neue Aufgabe, als er die junge Stripperin Mallory ... Foto: Arsenal

Trauerbewältigung gehört zu den immer wiederkehrenden Sujets des Kinos. Selbst ein Spielfilm wie „Womb“ (DT vom 05. April), der vordergründig vom menschlichen Klonen handelt, stellt sich als eine Geschichte über Bewältigung von Trauer und Verlust heraus. Eine besondere Art, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, steht ebenfalls im Mittelpunkt des Spielfilms von Jake Scott „Willkommen bei den Rileys“.

Der Filmtitel bezieht sich auf das Schild, das am Eingang des Hauses von Doug (James Gandolfini) und Lois (Melissa Leo) Riley in einem Vorort von Minneapolis hängt. Dass aber die Fassade des trauten Heims Risse bekommen hat, erfährt der Zuschauer nach und nach. Doug, der eine offensichtlich finanziell gutgehende Sanitärbedarf-Firma führt, unterhält seit Jahren ein Verhältnis zur Kellnerin Vivian (Elisa Davis). Lois hat nicht nur bereits auf dem Friedhof einen Grabstein für ihren Mann und sich selbst aufstellen lassen, auf dem nur noch das jeweilige Todesdatum fehlt. Darüber hinaus hat sie sich jahrelang, seit dem Unfalltod ihrer 15-jährig verstorbenen Tochter, nicht mehr aus dem Haus hinausgewagt.

Die Reise nach New Orleans, wo er an einem Kongress seines Berufsverbandes teilnehmen soll, kommt Doug deshalb nur recht. Zufällig begegnet er im Rotlichtviertel der minderjährigen Stripperin Mallory (Kristen Stewart), die in ihm seinen Vaterinstinkt wieder weckt. Der beleibte Mann richtet sich in ihrer heruntergekommenen Behausung ein, die er zu renovieren anfängt. Irgendwie fühlt er sich verpflichtet, auch Mallorys Leben in Ordnung zu bringen, was bei dem Mädchen eher auf Widerwillen stößt. Doug findet jedoch Freude an seiner neuen Aufgabe, weshalb er seiner Frau eröffnet, er wolle auf unbestimmte Zeit in New Orleans bleiben. Lois springt über ihren Schatten und reist ihrem Mann nach. In einer Gefühlsschmonzette würde aus dem wieder zu sich findenden Ehepaar und dem verwaisten Mädchen ohne Weiteres eine neue Familie. Doch dieses und weitere Klischees umschifft das Drehbuch von Ken Hixon gekonnt.

Obwohl manche Volte des Drehbuchs leidig konstruiert wirkt, fühlt sich der Zuschauer durch das eindringliche Spiel der drei Protagonisten entschädigt, die drei Figuren mit einer entwaffnenden Menschlichkeit verkörpern. James Gandolfini gestaltet seinen Doug Riley mit einer vordergründigen Gleichgültigkeit, die sich etwa bei den Kongresskollegen in Teilnahmslosigkeit ausdrückt, unter der aber ein verletzlicher Kern schlummert – wovon etwa ein plötzliches Schluchzen beim Rauchen in der Garage zeugt. Kristen Stewarts Rolle hätte leicht zu einer holzschnittartigen Figur verkommen können. Sie verkörpert sie jedoch mit einer seltsamen Mischung aus Selbstzerstörungswillen und im Tiefsten übriggebliebener Kindlichkeit, die berechtigte Hoffnung auf einen Neuanfang zulässt. Melissa Leo verkörpert eine unter Schuldgefühlen leidende, gefühlskalt gewordene Frau, die jedoch im entscheidenden Augenblick ihre Passivität überwindet, um ihre Ehe zu retten. Mit einer Rolle, die der Alice in „The Fighter“ (DT vom 7. April) kaum gegensätzlicher sein könnte, stellt Melissa Leo nicht nur eine ungeheure Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Darüber hinaus straft sie das geflügelte Wort Lügen, laut dem es im amerikanischen Kino keine guten Rollen für Frauen ab Vierzig gibt. Die ruhige Kamera von Christopher Soos betont, insbesondere zu Beginn, die festgefahrene Situation, von der aus sich der Film entwickelt. Die zurückgenommene Kameraführung wird freilich vom Regisseur als Stilmittel eingesetzt. So kommentiert Jake Scott die Szene, in der alle drei Hauptfiguren erstmals aufeinandertreffen, folgendermaßen: „Im letzten Moment entschied ich mich, die Szene in einer einzigen Plansequenz mit einer Kamerafahrt zu drehen, was der Szene eine große Spontaneität verlieh.“ Durch die beobachtende Kamera wird vor allem das Spiel der Hauptdarsteller unterstrichen. Dazu trägt ebenfalls der ausdrucksvolle Soundtrack bei, der sich nicht so sehr durch die unaufdringliche Musikuntermalung als vielmehr durch die Hintergrundgeräusche bemerkbar macht. Die dezente Inszenierung erweist sich besonders bei den in keinem Augenblick voyeuristisch wirkenden Szenen im Rotlichtmilieu als besonders taktvoll.

„Willkommen bei den Rileys“ handelt von einer ungewöhnlichen Freundschaft, aber auch vom Mut, einen Neuanfang zu wagen. Weil seine zerbrechlichen Figuren den sie umgebenden Panzer aus Trauer zu durchbrechen, ihre lähmende Wehleidigkeit zu überwinden bereit sind, entlässt Jake Scotts Film den Zuschauer mit Hoffnung. Dafür hat er es nicht nötig, ein billiges Happy End vorzugaukeln.