Der Momente-Killer

Dein Freund, Dein Held und Dein Zerstörer – Eine kurze Reflexion über das Smartphone. Von Rudolf Gehrig

Mats Hummels
So geht es natürlich auch: Fußballer Mats Hummels baut eine digitale Brücke zwischen Fußballplatz und Fan-Wirklichkeit. dpa Foto: Foto:

Es läuft die vierte Minute im Viertelfinale des DFB-Pokals der Saison 2017/18 zwischen Bayern Leverkusen und Werder Bremen, als ein schriller Pfiff durchs Stadion tönt. Hektik kommt auf. Meine Augen suchen verzweifelt einen Ort, an dem ich meinen Bierbecher abstellen kann. Die rechte Hand nestelt währenddessen schon längst in meiner Hosentasche herum, bis mein Smartphone endlich bereit ist. Gerade noch rechtzeitig, den nun gibt der Schiedsrichter den Ball frei. Max Kruse läuft an und versenkt ihn im Tor. Ich reiße reflexartig meinen linken, handyfreien Arm hoch und brülle meine Freude mit Hunderten von anderen grün-weißen Werder-Fans in die Nacht hinaus. In welche Ecke unser Star-Stürmer den Ball nun geschossen hat, weiß ich nicht mehr, weil ich die entscheidenden Sekunden durch das Display meines Handys verfolgt habe und es darauf kaum zu erkennen war, da der Elfmeter auf der gegenüberliegenden Seite stattfand. Dennoch sollte mein wackeliges Handyvideo auf meiner Instagram-Seite nach kurzer Zeit über 80 Mal aufgerufen werden.

Die Idee hinter dem Wahn geht nicht auf

Es ist schwer zu sagen, wann ich damit angefangen habe, entscheidende Momente meines Lebens – und ja, dazu zähle ich auch Fußballspiele – unbedingt auf meinem Handy festhalten zu wollen. Doch mittlerweile nervt mich das selbst ein wenig. Natürlich hat es seinen Reiz, sich später einmal hinzusetzen und durch das Video erinnert zu werden an … ja, an was eigentlich? An den Moment, an dem meine größte Sorge dem perfekten Lichteinfall und einer wackelfreien Hand galten? Besonders deutlich wurde mir das, als ich an einem freien Tag das Haus verließ, um entspannt am Rhein entlang zu spazieren. Kaum dort angekommen, bekam ich einen Schreck, als mir auffiel, dass ich mein Handy zuhause vergessen hatte. Was, wenn ich jetzt die Gelegenheit für das perfekte Foto bekäme? So, wie gerade das Sonnenlicht aufs Wasser fällt, das Schiff vorbeistampft und im Hintergrund die Ente im Gras landet, diesen Moment werde ich vielleicht nicht mehr erleben! Und jetzt kann ich ihn nicht mal festhalten…

Ich lade immer wieder Fotos hoch, die für mich eine besondere Bedeutung haben, bei anderen aber vermutlich nicht einmal ein müdes Lächeln hervorrufen. Erst vor wenigen Wochen bin ich an derselben Stelle des Rheins gewesen. Wir haben ein Gruppenfoto gemacht. Es ist ein Foto, durch das ich mich auch später immer wieder an diesen Moment erinnern werde und das deshalb in gewisser Weise auch wertvoll ist. Aber oftmals geht es gar nicht vorrangig um schöne Erinnerungen. Vielleicht hängt der Smartphone-Video-Foto-Wahn mit dem Wunsch zusammen, schöne Momente beliebig oft wiederholen zu können. Aber das funktioniert nicht.

Wie sehr der Griff zum Handy das eigene Erleben verändert, kann man regelmäßig auf Pop-Konzerten erleben. Gefühlt die Hälfte fotografiert und filmt, was das Zeug hält. Später kann man Hunderte dieser Aufnahmen auf Youtube bewundern. Manche Bands greifen deshalb zu einem Trick. Wurden bei sentimentalen Songs früher noch ganz klassisch-romantisch die Feuerzeuge hochgehalten, werden heutzutage die Fans dazu aufgerufen, die kleinen Handyleuchten im Takt der Musik zu schwenken. Das führt dazu, dass sich keiner mehr die Finger verbrennt, nach dem Konzert noch genug Gas im Feuerzeug ist, um sich die Zigarette anzuzünden und die Leute endlich einmal den Moment genießen können, weil es während des Handyschwenkens schwieriger ist zu filmen. Ich weiß selbst, dass ich wie ein verbitterter, alter Mann klinge, dem die technische Entwicklung zu schnell geht und der sich jetzt den Frust von der Seele schreibt, wie jemand, der sich erst kürzlich für teures Geld ein neues Faxgerät angeschafft hat und nun bemerkt hat, dass es kaum noch gebraucht wird. Ich weiß auch, dass das alles sehr ambivalent ist. „Prüft alles und behaltet das Gute“, rät schon der Apostel Paulus. Auch ich bin auf die sozialen Netzwerke angewiesen. Auch ich muss, um das, was ich sagen will, möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, ein gewisses Maß an Selbstmarketing betreiben. Einige wählen den Rückzug aus dieser verlogenen und verkorksten Medienwelt. Andere versuchen wie einst Paulus auf dem heidnischen Areopag heute in den Untiefen des Internets ein wenig „Salz der Erde“ zu sein. Doch der Grat zwischen „Jünger Christi in der digitalen Welt“ und „selbstverliebter Pharisäer“ ist schmal. Und oft passiert es, dass man im gut gemeinten Übereifer, aus jeder Alltagssituation ein mediales Zeugnis für Christus machen zu wollen, gar nicht bemerkt, wie man der eigenen Begegnung mit dem Herrn im Wege steht.

Ich zucke immer ein wenig zusammen, wenn ich sehe, dass katholische Freunde von mir Fotos oder Selfies während der Heiligen Messe hochladen. Ich weiß, dass sie es nicht in böser Absicht tun. Sie wollen Zeugnis geben: „Seht her, ich bin in der Kirche, weil es mir viel bedeutet, wäre das nicht auch etwas für dich?“ Ich bin mir sicher, dass sie sehr empört wären, wenn während der Messe ein ignoranter Tourist ein Foto machen würde. „Das ist etwas ganz anderes“, sagen sie dann und haben damit teilweise Recht. Doch der Zweck heiligt nicht zwangsläufig die Mittel. Die heilige Veronica war dabei, als Jesus sein Kreuz durch die Straßen Jerusalems schleppte. Hätte sie ein Foto gemacht, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, um Zeugnis zu geben? Sie half dem Herrn, indem sie ihm das Schweißtuch reichte. Ironie der Geschichte: Ihr Bild bekam sie trotzdem.

Ich möchte mein Smartphone nicht mehr missen. Es ist für meine Arbeit unersetzlich geworden. Es ist sogar ein Teil meines Lebens geworden: Ich kann mit ihm Momente festhalten. Ich kann die Momente aber auch töten. Ich kann damit andere Menschen bekehren. Ich kann dadurch aber auch die eigene Umkehr erschweren. Das Rad wird sich vermutlich nicht mehr zurückdrehen lassen. Das Gemälde wurde durch das Foto ersetzt. Mittlerweile ist das Bewegtbild dabei, dem Foto den Rang abzulaufen. Wenn ich die Gelegenheit hätte, den Papst persönlich zu treffen, würde ich wahrscheinlich auch ein Selfie mit ihm machen wollen. Wann bekäme ich sonst noch einmal die Gelegenheit dazu? Doch was dann? Das Foto auf Facebook hochladen, Likes kassieren, es auf Leinwand drucken und groß ins Wohnzimmer hängen, um meine Besucher damit zu beeindrucken. Doch dann?

Im Kinofilm „The Dark Knight“ sagt der Bösewicht „Joker“ einen bedeutenden Satz: „Ich bin wie ein Hund, der Autos hinterherjagt. Ich wüsste gar nicht, was ich machen sollte, wenn ich eins erwische.“ Im Pauluswort steckt viel Weisheit: „Prüft alles und behaltet das Gute“. Wir müssen lernen, die Medien für uns zu nutzen und all das Böse in der Welt mit dem Guten zu bekämpfen. Platte Dämonisierungen greifen zu kurz. Umgekehrt dürfen die Mittel, die wir dafür nutzen, niemals Selbstzweck werden. Je früher wir das lernen, desto besser.

Ich weiß noch genau, wie ich vor vielen Jahren mein erstes Werder-Tor live im Stadion erlebte. Es war ein direkter Freistoßtreffer von Kevin De Bruyne zum zwischenzeitlichen 1 : 1 gegen Augsburg. Das Gefühl dieses Momentes, die vollkommene Ekstase und die wieder aufkeimende Hoffnung sind in mir heute präsenter, obwohl das deutlich länger zurückliegt als der eingangs erwähnte Treffer von Max Kruse gegen Leverkusen. Der Grund: Ich hatte damals mein Handy zuhause vergessen.