Der Krieg der Internet-Sterne

Rund um Papst und Vatikan hat sich die kirchennahe Blogger- und Twitter-Szene in eine Schlammschlacht verwandelt. Von Guido Horst

Vor dem Weltjugendtag - Papst Franziskus
Steht im Mittelpunkt einer heftigen Debatte in den sozialen Medien: Papst Franziskus, hier mit Tablet und jungen Leuten. Foto: dpa
Vor dem Weltjugendtag - Papst Franziskus
Steht im Mittelpunkt einer heftigen Debatte in den sozialen Medien: Papst Franziskus, hier mit Tablet und jungen Leuten. Foto: dpa

Der auch in Deutschland bekannte „vaticanista“ Sandro Magister hat zum Jahresende seinen Blog „www.chiesa.espressonline.it“ bei dem linksliberalen italienischen Wochenblatt „L'Espresso“ eingestellt: Seinen privaten Blog „Settimo cielo“ (Siebter Himmel) will der 73 Jahre alte Journalist weiterführen. Magister ist eine Institution. Gelesen wurden und werden seine Blogs in Italien, den Vereinigten Staaten, in Deutschland, von Japan bis China, von Australien bis in die Schweiz, von China bis Indien. Sein „chiesa“-Blog bei „L'Espresso“, gegründet 2002, womit Magister ein Pionier in der Blogger-Szene ist, war viersprachig (italienisch, englisch, französisch und spanisch), für die Übersetzung ins Deutsche sorgte zuletzt in weiten Teilen der traditionalistische Online-Dienst „katholisches.info“ von Giuseppe Nardi, den unter diesem Namen noch niemand persönlich kennengelernt hat. Der weiter bestehende Blog „Settimo cielo“ von Magister soll dreisprachig sein (italienisch, englisch, spanisch).

Alles begann mit einer „wunderbaren Freundschaft“

Obwohl bei einer nicht gerade christlich inspirierten Zeitschrift angesiedelt, waren Magisters „chiesa“-Blog und seine Berichterstattung für „L'Espresso“ völlig lehramtstreu, schon zu Zeiten von Johannes Paul II. und erst recht unter Benedikt XVI. Mit Franziskus kam die Wende. Schon bald nach dem März 2013 wurde aus dem Anwalt der Päpste ein Kritiker des amtierenden Amtsinhabers aus Lateinamerika. Magister ist kein Mann der hammerharten Kommentare. Er ist vielmehr ein fleißiger Sammler und Publizierer von Dokumenten, Briefen und Artikeln aus aller Welt, im Vatikan gut vernetzt, ein Kenner der Kurie und ein Anlaufpunkt für Indiskretionen. Was ihm beim vatikanischen Presseamt zum Verhängnis wurde. Als er im Sommer 2015 für „L'Espresso“ eine weitgehend fertige Fassung der Enzyklika „Laudato si?“ vorab veröffentlichte, entzog ihm der damalige Vatikansprecher Federico Lombardi SJ auf unbestimmte Zeit die Akkreditierung bei der „Sala stampa“. Magister wird es nicht sonderlich geschmerzt haben. Zu der Zeit war er schon längst auf die Seite der Franziskus-Kritiker gewechselt.

Somit war Magister einer der Alt-Meister einer kirchennahen Blogger-Szene, die vor über zehn Jahren zunehmend Einfluss auf die Berichterstattung über Papst, Vatikan und Kirche gewann. Hatten unter Johannes Paul II. die großen Federn unter den italienischen „vaticanisti“ überwiegend ihre italienischen Tageszeitungen bedient, so wuchs nun das Netz an katholischen Stimmen im Internet – und der „Vater“ dieser Bewegung wurde Benedikt XVI. Der ursprünglich für „Il Giornale“ schreibende Andrea Tornielli führte einen ausführlichen Blog und sorgte – dank bester Kontakte in den Vatikan – laufend für exklusive Nachrichten und Meldungen. Die Krisenjahre des deutschen Pontifikats – Stichworte sind der Fall Williamson, die Missbrauchsskandale in der Kirche und schließlich Vatileaks I – schienen die Blogger-Szene nur zu beflügeln. Unvergessen die Mailänder Bloggerin Raffaella mit ihrem „Papa Ratzinger Blog“, der unablässig sprudelte. Aber auch Priester und Ordensleute begannen, im Internet ihre persönlichen Seiten zu füllen.

Einen vorläufigen Höhepunkt fand diese Entwicklung, als der Päpstliche Medienrat im Mai 2011 Blogger aller Länder zu einem Treffen in den Vatikan einlud. 150 von ihnen kamen, 750 hatten sich eigentlich angemeldet, aber für alle war kein Platz. Vom „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ zwischen den Internet-Aktivisten und dem Vatikan schrieb damals die deutsche Bloggerin Barbara Wenz. Aber es war mehr als das. Die ganze Art, sich über die Vorgänge in der Kurie und der Weltkirche zu informieren, hatte sich gewandelt. Man ging nicht mehr an die Kioske und kaufte sich einen Stapel Zeitungen mit den bekanntesten Autoren in Sachen Kirche und Vatikan, sondern setzte sich morgens vor den Computer und ging ins Internet. Auch der Vatikan hatte erkannt, dass die Präsenz im Netz immer wichtiger wird und ließ den vatikannahen Online-Dienst „Il Sismografo“ (Der Seismograph) gründen und betreiben, eine Art beständiger Presseschau zu einschlägigen Kirchen-Themen, die für Information und ausgewogene Berichterstattung sorgen soll und heute noch funktioniert.

Die ungeheure Beschleunigung des Nachrichtenflusses ging einher mit einem Verlust der Qualität: Vermischung von Meldung und Kommentar, Schmähreden und Falschmeldungen wurden immer häufiger, auch eine gewisse Verrohung der Sitten war festzustellen. Für den deutschen Sprachraum hat das der Online-Dienst „kreuz.net“ vorexerziert, der viel gelesen wurde, weil er so unverschämt politisch unkorrekt war, bis er es übertrieb und von einer merkwürdigen Koalition von Amtskirche, Homosexuellen und geheimdienstlichen Kreisen zur Strecke gebracht wurde. In all diesen Zeiten war Sandro Magister ein Hort der Materialfülle und Korrektheit, bis er dann vorab die Enzyklika „Laudato si?“ veröffentlichte. Aber da war bereits etwas geschehen.

Bei der Ankündigung des Rücktritts von Benedikt XVI. verabschiedete sich die Bloggerin Raffaella aus der laufenden Online-Berichterstattung über Vatikan und Kirche – mit dem berühmten Satz: „Ich brauch jetzt erst mal einen Kamillen-Tee“. Heute behandelt sie auf ihrer Internet-Seite nur noch das Lehramt des deutschen Papstes. Es kam Franziskus und eine Polarisierung der Internet-Szene setzte ein. Manche Blogs sind in den vergangenen Jahren und Monaten verschwunden, wie jetzt „chiesa.espressonline“ von Sandro Magister, stattdessen ging die Hauptaktivität der digitalen Nachrichtenhäppchen und Kommentierungen auf Twitter und Facebook über. Jeder kann jetzt mitreden, es genügt ein Smartphone in der Hand. Wer das mit am fleißigsten tut, ist Pater Antonio Spadaro SJ, Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Civilta Cattolica“ und enger Vertrauter von Papst Franziskus, der in Santa Marta ein- und ausgeht.

Die Polarisierung im vatikannahen Online-Informationsgeschehen gipfelte im vergangenen Oktober in einem unrühmlichen Eklat, als Andrea Tornielli gemeinsam mit Giacomo Galeazzi, dem „vaticanista“ von „La Stampa“, einen ausführlichen Beitrag für die Turiner Tageszeitung veröffentlichte. Es ging um die Gegner von Papst Franziskus. Tornielli war inzwischen von „Il Giornale“ zu „La Stampa“ gewechselt und hatte dort den Online-Dienst „Vatican Insider“ aufgebaut, der als das inoffizielle Sprachrohr von Papst Franziskus bezeichnet werden kann.

Vor allem der synodale Prozess zu Ehe und Familie hat die kirchen- und vatikannahe Internet-Gemeinde gespalten und der „La Stampa“-Artikel von Tornielli und Galeazzi las sich wie eine Proskriptionsliste. Sie wurden alle mit Namen genannt, die Franziskus-Kritiker, der Bogen spannte sich von weitgehend seriösen Blogs wie „La Bussola nuova“ oder dem Blog Sandro Magisters über einzelne Journalisten wie Antonio Socci bis hin zu Traditionalisten wie die von der Stiftung „Lepanto“ des konzilskritischen Historikers Roberto De Mattei oder dem auf Asien spezialisierten Nachrichtendienst „Asia News“ oder gar dem Familien-Institut Johannes Paul II. Das Unstatthafte an dieser Liste der Papst-Kritiker war es, diese in die geistige Nähe eines Wladimir Putin oder von rechts-nationalen Politikern wie Matteo Salvini in Italien oder Marine Le Pen in Frankreich zu rücken. Der Titel des Artikels war bezeichnend: „Diese Katholiken gegen Franziskus, die Putin bewundern“. Die Begleitung eines Pontifikats im Internet, die mit den vielen katholischen Bloggern und Online-Diensten in den Anfangsjahren des deutschen Pontifikats so fröhlich und ungezwungen begann, ist längst schon einer Schlammschlacht gewichen.