Der Konflikt des Spotttölpels

Spektakuläre Bilder, die unter der unausgegorenen Dramaturgie leiden: „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1“. Von José García

Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) soll als „Spotttölpel“ zum Symbol für die Rebellion gegen das Kapitol aufgebaut werden. Einen ersten Eindruck der Hoffnung, die sie in den Menschen weckt, bekommt sie beim Besuch eines Lazaretts. Foto: Studiocanal
Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) soll als „Spotttölpel“ zum Symbol für die Rebellion gegen das Kapitol aufgebaut wer... Foto: Studiocanal

Auf der schwarzen Leinwand ist Katniss Evergreens (Jennifer Lawrence) Stimme zu hören. Sie wird in einer Krankenstation versorgt. Der dritte Teil der „Tribute von Panem“-Trilogie schließt nahtlos an den zweiten „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (DT vom 23.11.2013) an, der ja mit Katniss Evergreens Rettung aus der Arena endete, in der die Jubiläums-„Hungerspiele“ stattfanden. Die Verfilmung der Trilogie von Suzanne Collins wird allerdings in zwei Filme aufgeteilt, so dass vom dritten Band „Die Tribute von Panem – Mockingjay“ nun der erste Teil im Kino gestartet ist. Der zweite „Mockingjay –Teil 2“ und damit der vierte und abschließende Film soll im November 2015 im Kino anlaufen.

Katniss befindet sich zusammen mit einigen Überlebenden aus dem zerstörten Distrikt 12 im Distrikt 13, den es offiziell nicht mehr gab. Die Menschen haben dort überlebt, indem sie sich tief in die Erde eingegraben haben. Dementsprechend ist hier alles grau im grau, nicht nur die Kleidung, sondern auch der spartanisch eingerichtete Sitzungsraum. Ebenso anspruchslos ist selbst die Nicht-Frisur von Präsidentin Alma Coin (Julianne Moore), wie die aus dem Kapitol befreite Stylistin Effie Trinket (Elizabeth Banks) anmerkt. Damit kontrastiert der Luxus im Kapitol, den der Zuschauer aus den Vorgängerfilmen kannte, und der hier bei einer Rede von Präsident Snow (Donald Sutherland) in einem mit Marmor und Gold ausgestatteten Palast zum Vorschein kommt.

Der dritte „Die Tribute von Panem“-Film handelt nicht mehr wie die ersten zwei von den Gladiatoren-Kämpfen in der Arena. In der „Panem“-Welt ist der Aufstand offen ausgebrochen. Die Distrikte, die wie im alten Rom dem Kapitol „panem et circenses“ in Form von Rohstoffen liefern sollen, rebellieren gegen das Machtzentrum, das mit brutalen Methoden – Erschießungen vor laufender Kamera, Zerbomben eines Lazaretts, in dem verletzte Frauen und Kinder liegen – reagiert. Die von Distrikt 13-Präsidentin Alma Coin angeführte Rebellion braucht ein Gesicht. Das kann laut Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman), dem ehemaligen Organisator der „Hunger-Spiele“, der im zweiten Film „Catching Fire“ in den Widerstand gegangen und zu den Rebellen übergewechselt war, nur Katniss sein. Sie soll mit dem Spotttölpel (Mockingjay im Original) als Symbol die Menschen zum Aufstand anstacheln. Dafür will der PR-Experte Plutarch „Propos“ genannte Werbespots drehen. Die ersten Versuche, solche Videos im Studio aufzunehmen, schlagen fehl. Deshalb wird sie nach draußen, so etwa in ein Lazarett oder einfach auf die von den Bombern des Kapitols zerstörten Ruinen geschickt. Die Regisseurin Cressida (Natalie Dormer) soll sie mit einem kleinen Team begleiten. Ehe es zum Kampf kommt wird also ein medialer Krieg entfacht. Denn das Kapitol antwortet auf die gleiche Art und Weise. Der bereits aus den ersten beiden Teilen bekannte Entertainer Caesar Flickerman (Stanley Tucci) begrüßt bei „Capitol TV“ Peeta (Josh Hutcherson), der am Ende von „Catching Fire“ in der Arena zurückgelassen und im Kapitol gefangen genommen wurde. Das stellt den eigentlichen Konflikt in „Mockingjay – Teil 1“ dar. Zwar spielt der politische Diskurs des Aufstands der Rebellen gegen die Tyrannei des Kapitols eine zentrale Rolle. Doch einen solchen Kampf kennt der Kinozuschauer spätestens seit „Star Wars“, als sich die Rebellen gegen das Imperium auflehnten.

Das Perfide an den Methoden des Kapitols besteht vielmehr darin, dass Peeta als Waffe gegen Katniss eingesetzt wird. Auch darin erinnert Katniss' Konflikt an Anakin Skywalker, dessen (zugegebenermaßen ungeordnete) Liebe zu Padmé Amidala vom Imperator ausgenutzt wurde, um ihn auf die „dunkle Seite der Macht“ zu ziehen. Ähnlich dem „Star Wars“-Imperator benutzt Präsident Snow Peeta, um Katniss zu bezwingen. Im Laufe der Handlung muss sich allerdings die junge Frau auch fragen, ob nicht auch sie von den Rebellen ausgenutzt wird. Kann sie Plutarch Heavensbee und insbesondere Präsidentin Coin (Julianne Moore) vertrauen? Die unterkühlte Rebellen-Anführerin erscheint nicht nur verschlossen, sondern geradezu unergründlich. Obgleich das Drehbuch von Peter Craig, Danny Strong und Regisseur Francis Lawrence Katniss' Konflikt feinnuanciert ausarbeiten, bleibt im Gegensatz zu den ersten beiden Filmen kaum Platz für Romantik: Das Liebesdreieck aus Katniss, Peeta und Gale (Liam Hemsworth) bleibt eher diffus.

Ebenfalls im Unterschied zu „The Hunger Games“ und „Catching Fire“ erfährt der Zuschauer in „Mockingjay – Teil 1“ kaum etwas über die Menschen im Kapitol. Die Handlung spielt sich meistens in den düsteren unterirdischen Räumen des Distrikts 13 oder in den vom Kapitol hinterlassenen Ruinen etwa auch von Katniss' Heimat-Distrikt 12 ab.

Regisseur Francis Lawrence schafft an einigen Stellen punktuell Spannung. Auch emotive Momente sind ihm gelungen, wenn etwa die Verletzten im Lazarett Katniss mit dem vom Kapitol strengstens verbotenen „Spotttölpel-Zeichen“ begrüßen. Insgesamt jedoch leidet „Mockingjay – Teil 1“ an der Aufspaltung des dritten Bandes der „Panem“-Trilogie in zwei Filme. Nicht nur, weil der Film abrupt endet, sondern auch, weil vieles in die Länge gezogen wirkt. Eine klassische Dramaturgie funktioniert deshalb nicht mehr. Wenn schon der zweite Film „Catching Fire“ größtenteils die Überleitung vom ersten zum finalen Teil darstellte, so ist dies dem aktuellen Film erst recht anzumerken.