Der Islamunterricht wird verstärkt

Die Humboldt-Universität gründet Zentralinstitute für islamische und katholische Theologie. Von Alexander Riebel

hauptgebäude humboldt-universität zu berlin
Durch das Tor der Humboldt-Universität in Berlin werden auch bald Imame gehen, die hier ausgebildet werden. Foto: Humboldt-Universität
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Durch das Tor der Humboldt-Universität in Berlin werden auch bald Imame gehen, die hier ausgebildet werden. Foto: Humboldt-Universität

Die Berliner Humboldt-Universität hat ein Institut für islamische Theologie eingerichtet, das seinen Lehrbetrieb im Wintersemester 2019/20 aufnehmen soll. Nach dem Beschluss des Kuratoriums können nun weitere Schritte eingeleitet werden; am 11. Juli wurde zudem im Akademischen Senat entschieden, dass eine Ausschreibung für vier Professuren für das künftige islamische Institut starten kann.

Nach langen Verhandlungen seit 2016 mit islamischen Verbänden will die Universität nun mit der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V., mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. Landesverband Berlin sowie mit der Islamischen Föderation in Berlin e.V. im Beirat zusammenarbeiten.

Eine Diskussion hatte es zuvor über die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. gegeben, deren Vertreter zum Teil bereits als antisemitisch und mit Äußerungen gegen Israel aufgefallen waren. Zudem wird die Gemeinschaft vom Verfassungsschutz beobachtet, was aber nicht zum Ausschluss aus dem Beirat führte. Universität und Landesregierung werden nicht dulden, dass jemand in den Beirat kommt, der gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen hat.

Wie die „Welt“ vom 9. Juli berichtet, hatte sich das Studierendenparlament indessen einstimmig gegen die Gründung des Islaminstituts ausgesprochen. Der Beschluss wird mit den Worten zitiert: „,Ein Institut, an dessen Gründung reaktionär-konservative Islamverbände beteiligt sind, in diesem Falle sogar ausschließlich, ist inakzeptabel …‘ Das gelte vor allem für eine Universität, die sich gemäß dem eigenen Leitbild gegen Diskriminierung und für die Gleichstellung von Männern und Frauen einsetze.“ Auch die Islamische Föderation Berlin wird nach Angaben der „Welt“ vom Verfassungsschutz beobachtet und soll Verbindungen zur islamistischen Milli-Görüs-Bewegung unterhalten. Allerdings sind die Kritiken von liberaler Seite am Projekt des islamischen Instituts so nicht haltbar, wie dessen Gründungsdirektor Professor Michael Borgolte gegenüber der „Tagespost“ erklärt hat. Man habe gar nicht mit anderen islamischen Verbänden kooperieren können, weil sich aus der verfassungsrechtlichen Lage ergebe, dass man mit den stärksten Verbänden im Beirat zusammenarbeiten müsse. Borgolte habe bereits kleinere Verbände aufgefordert, sich zusammenzuschließen, bei deren momentanen Größe aber sei eine Aufnahme in den Beirat juristisch nicht haltbar. Der Beirat habe installiert werden müssen, weil durch das Grundgesetz Religionsfreiheit garantiert sei und der Staat sich nicht in religiöse Angelegenheiten einmischen dürfe. Daher müssten die Muslime im Beirat „sozialmächtig repräsentiert werden“, was eben nur durch die größten Verbände möglich sei.

Durch Forschung den Islam besser verstehen

Nur rund 20 Prozent der Muslime in Deutschland sind in Verbänden dieser Art organisiert, aber es gibt keine anderen Organisationen, die für Muslime sprechen könnten. Nach Borgolte können die Verbandsvertreter im Beirat aber nie allein entscheiden, weil noch zwei weitere muslimische Hochschullehrer oder -lehrerinnen vertreten sein werden, die nicht die Interessen der Verbände vertreten.

Der türkische Moscheenverband Ditib, der anfangs auch für den Beirat infrage kam, ist nicht mehr dabei, denn er hatte verfassungsrechtliche Bedenken gegenüber dem Gründungsvertrag, weil angeblich das Selbstbestimmungsrecht der Religionen nicht hinreichend beachtet worden sei; auch die Festlegung auf die Zweidrittelmehrheit bei Entscheidungen im Beirat hatte der Ditib kritisiert und eine Sperrminorität für sich gefordert. Auch der Verband der Islamischen Kulturzentren hat sich im Laufe der Verhandlungen zurückgezogen. So bleiben noch drei muslimische Verbände.

Die Islamische Theologie wird wie die katholische Theologie in einem Zentralinstitut organisiert, dem nach dem Berliner Hochschulgesetz Rang und Funktion einer Fakultät zukommt. Ein Zentralinstitut, so erläuterte Michael Borgolte, „führe Fächer zusammen, die Tangenten zu anderen Fächern“ haben. Zu den bereits vorgesehenen vier Professuren kämen noch mutmaßlich zwei hinzu durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, in denen interdisziplinär geforscht werden soll.

Grundsätzlich sollen die Forschungen zum Islam nicht antiquarisch aufgefasst werden, sondern Historisches und Gegenwartsinteresse verbinden. Dabei gehe es nach Borgolte um islamische Theologie, nicht um Islamwissenschaften; die bekenntnisorientierte Forschung und Lehre steht also im Vordergrund. Vergleichbar mit der christlichen Theologie soll die Überlieferung rational durchdrungen werden und so diene die interdisziplinäre theologische Islamforschung mit allen ihren Fächern dem Verständnis des Koran. Wenn etwa, wie geplant, Texte zwischen 1200 und 1800 erforscht werden, stehe immer das Interesse für die Gegenwart im Vordergrund als wissenschaftliche Aufklärung über den Islam und seinen Glauben. Ein Thema werde auch die kritische Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Koran-Ausgabe sein, die an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erstellt wird.

Die Wortbildung islamische Theologie hält Borgolte für eine „christliche Ableitung“, denn über Gott darf man im islamischen Sinne gar nicht forschen; eher sollte man vom islamischen Recht als Gegenstand der Islamforschung oder allgemeiner von ,Islamischen Studien‘ sprechen. Von dem neuen Institut sei jedenfalls eine Bereicherung für die Geistes- und Kulturwissenschaften zu erwarten. Andererseits wolle man die „überragende gesellschaftspolitische Herausforderung annehmen, die darin liege, „dass wir nicht länger islamische Religionslehrer von außen holen müssen, die hier nicht geboren sind“. Durch das Islamische Zentralinstitut können künftig Islamlehrer in Berlin ausgebildet werden. Die Präsidentin der Humboldt-Universität, Sabine Kunst, erklärte in einer Pressemitteilung zum Projekt des Islamischen Zentralinstituts: „Die Humboldt-Universität wird ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und die islamische Theologie in ihr interdisziplinäres wissenschaftliches Netzwerk einbinden – und zwar sowohl in ihrer sunnitischen wie schiitischen Ausrichtung. Das ist bislang einmalig in Deutschland und eine große Bereicherung für Berlin.“

„Christen müssen nach dem Platz in Gesellschaft fragen“

Und die Vorsitzende des Kuratoriums sowie frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sagte: „Für die Humboldt-Universität ist dies ein wichtiger Meilenstein in ihrer weiteren Entwicklung. Für die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, in der die Religionen in einer säkularen Welt miteinander noch stärker in den Dialog treten müssen, ist die wissenschaftliche Begleitung durch eine Hochschule wie der Humboldt-Universität von großer Bedeutung.“

An der Universität sollen künftig Imame, Religionslehrer und Seelsorger ausgebildet werden. Dabei wird die Universität in Forschung und Lehre die Wissenschaftsfreiheit wahren; es kann also kein unkontrollierter Islamunterricht stattfinden, wie an manchen Moscheen in Deutschland üblich. Nach Hans-Christoph Keller, Sprecher der Humboldt-Universität, bestätigt die Universität die Lehrinhalte gemäß der akademischen Freiheit.

Der Beirat aus den drei Verbänden und zwei weiteren verbandsunabhängigen Mitgliedern muss Berufungslisten mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen, er hat kein Vetorecht. Da der Beirat – und mit ihm die Verbände – kein Mitspracherecht bei der Aufstellung der Berufungslisten hat, kann er nicht selbst gestaltend tätig werden. Er berät bei der Aufstellung von Studiengängen und hat die Aufgabe, Studien- und Prüfungsordnungen zuzustimmen.

Islamische Theologie gibt es auch an anderen Universitäten schon seit 2011 wie in Münster, Erlangen-Nürnberg, Osnabrück, Tübingen und Frankfurt zusammen mit Gießen. Die liberale Muslimin Seyran Ates kritisiert das Projekt der Humboldt-Universität und will ein eigenes Institut gründen. Neben dem Institut für Islamische Theologie wird auch ein Institut für Katholische Theologie gegründet, was auf den Hochschulvertrag zwischen dem Land Berlin und der Humboldt-Universität für die Jahre 2018 bis 2022 zurückzuführen ist. Keller erklärte, das Katholische Seminar an der Freien Universität Berlin (FU) mit zwei Professuren werde demnächst aufgelöst und an die Humboldt Universität verlegt; ebenfalls als Zentralinstitut. Der Philosoph Professor Dominik Perler ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die die Neuaufstellung an der Universität begleitet und erklärte in einer Pressemeldung, das Institut soll „zwei gegenwärtige Entwicklungen aufnehmen, die religiöse Pluralisierung und Säkularisierung der Gesellschaft. Christliche Glaubensgemeinschaften müssen sich fragen, welchen Platz sie in einer säkularen Welt einnehmen, wie sie sich gegenüber nicht-religiösen Lebensformen verhalten wollen und wie sie die eigene Lebensform begründen können“. Er fügte hinzu: „Es gilt dann zu erforschen, wie im Austausch mit anderen Glaubensgemeinschaften eine katholische Identität entstanden ist, wie sich diese Identität in verschiedenen historischen Epochen und Ländern verändert hat.“ Denn Aufgabe des Instituts sei es, nicht nur katholische Missionierung zu untersuchen, sondern auch den Einfluss anderer Religionen auf das Christentum.

Fünf Professuren sind geplant – für systematische, biblische, historische sowie praktische Theologie und theologische Ethik, zusätzlich kommt die Professur der Guardini Stiftung e.V. für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung hinzu.