Der Drang zur Eile

Gut Ding will Weile haben – so sagte man früher. Heute in der Moderne scheint es aber nur noch auf Tempo anzukommen, die Qualität wird zweitrangig. Ein Irrtum. Ein Plädoyer für die Rückkehr des bedächtigen und besseren Wissens. Von Hartmut Volk

Immer schnell, schnell. Egal, wo man sich aufhält und was man tut. Für viele Menschen wird eine solche Arbeits- und Informationsweise zu einer Überforderung. Foto: dpa
Immer schnell, schnell. Egal, wo man sich aufhält und was man tut. Für viele Menschen wird eine solche Arbeits- und Info... Foto: dpa

Unser Alltag ist reich an Druckverhältnissen aller Art. Doch es ist beileibe nicht nur der Leistungs-, der Veränderungs- und last but not least der sich aus der allgemeinen Zukunftsunsicherheit ergebende Verunsicherungsdruck, der den Rücken von Menschen wie Unternehmen krümmt. Vielmehr sind es zwei hausgemachte „Drücke“, die auf ganz besondere Weise ihr Scherflein zu der allgemeinen Druckbelastung nicht nur beitragen, sondern sie Tag für Tag weiter in die Höhe schrauben.

Da ist Vater Staat, der mit seinem bürokratischen Aktionismus zur „Lösung“ in der Regel meist imaginierter oder sonstwie herbeigeredeter Probleme mittlerweile jenseits der Schmerzgrenze nervt. Durch die dadurch nun tatsächlich entstehenden Probleme wird das ohnehin schon genügend Komplizierte noch fortlaufend weiter kompliziert. Und weit schlimmer noch: Was die Gesetzes- und Vorschriftenmaschinerie mittlerweile an Ungarem und Voreiligem ausspuckt, entmündigt Menschen wie Unternehmen zunehmend und nimmt beiden die Herrschaft über ihre Lebens- beziehungsweise Geschäftsführung sowie über ihr Eigentum weitgehend aus der Hand. Und da ist der durch nichts stichhaltig zu begründende Drang zur Eile, unter dessen Auswirkungen die Gesellschaft ächzt. Und das nicht zuletzt, weil sich die Geschwindigkeit des Geschehens meist reziprok proportional zu dessen Qualität verhält. Ist Messlatte und Taktgeber wirtschaftlichen Handelns doch schon längst nicht mehr die Frage nach dem Sinnvollen und auch dem Verträglichen des Tuns.

Beherrscht werden die Überlegungen von der Frage, was wie noch schneller, mit weniger Aufwand und dem störenden Faktor menschlicher Bedürfnisse auf die Beine gestellt werden kann. Und so haben sich Zeitdruckverhältnisse aufgebaut, die zunehmend erkennbar die Gesellschaft destabilisieren.

Unter Ausklammerung jedweder nach dem Sinn fragenden Überlegungen schneller als der Wettbewerb mit irgendetwas, nur zu oft auch in ihren Auswirkungen höchst Fragwürdigem am Markt zu sein, zermürbt ja nicht nur die Gesundheit derer, die da in stetig reduzierter Zahl immer forscher ranmüssen. Auch der Qualität bekommt das nicht. Zunehmend „glänzen“ Angebote aller Art mit einer Unausgereiftheit, die noch vor wenigen Jahrzehnten als schlicht ehrenrührig betrachtet worden wäre. Allein schon die astronomische Zahl der Rückrufe in der Automobilindustrie müsste die Alarmglocken schrillen lassen.

Desgleichen, zurück ins Politische, die Revision von Verordnungen und Gesetzen, kaum dass sie das Licht der Welt erblickt haben. Was muss noch passieren, um zu erkennen, dass es an der Zeit ist, Tempo aus dem Geschehen zu nehmen, dass aktionistische und in wachsendem Maß auch zeitgeistig-egoistische Hetze kein Erfolgsrezept ist, dass sich die Qualität von Entscheidungen definitiv im umgekehrten Verhältnis zu der Geschwindigkeit verhält, mit der sie getroffen werden, dass weltweit mehr Zeit damit verbracht wird, mit heißer Nadel Genähtes zu reparieren, als in Ruhe Durchdachtes auf den Weg zu bringen?

Karlheinz Geißler ist ein lebenserfahrener, reflektierter Mann. Wenn es ihm etwas angetan hat, dann der landläufige Umgang mit Zeit. Ihm spürt der emeritierte Pädagogikprofessor als Mitgründer und Leiter des Projekts Ökologie der Zeit der Evangelischen Akademie Tutzing, als Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und als Leiter seines Münchner Instituts für Zeitberatung timesandmore seit Jahren hingebungsvoll nach. Sein Credo: „Wer in der Zeit nichts anderes als eine Ressource sieht und sie entsprechend ausbeutet, beutet sich selbst aus!“ Sein Trachten: Die Augen für die Auswirkungen und Folgen der Hetze zu öffnen, die allenthalben die Herrschaft an sich gerissen hat. Und die, wie er sagt, Qualität in all ihren Erscheinungsformen schwer beeinträchtigt: im Persönlichen die Lebensqualität, im Sozialen die Beziehungsqualität, im Wirtschaftlichen die Produkt- ebenso wie die Dienstleistungs- und insbesondere auch die Qualität der Verlässlichkeit, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene die kulturelle Qualität. Für Letzteres ein Beispiel? Geißler verweist auf die Bilder, die wir via Kabel oder Antennenschüssel zu sehen bekommen. Sie wechseln schneller und schneller. Die Schnittfrequenz der Hauptnachrichtensendung im Fernsehen, der Tageschau, lag 1975 bei 10, 2 Sekunden, 1995 waren es nur mehr 6, 6 Sekunden und heute liegt sie bei 4, 7 Sekunden. „Da die USA bereits bei 1, 5 Sekunden angelangt sind, wird's auch bei uns in Europa noch schneller werden. Dann geht's nicht mehr darum, etwas zu verstehen oder sich etwas anzusehen, dann geht's nur mehr darum, sich einen visuellen Kick abzuholen“, sagt er.

Und ergänzt: „Sinn, Konsequenz und Logik scheinen in dieser unserer kurzlebigen Zeit zu langsam, zu zeitaufwändig geworden zu sein. Sinnfragen und erst recht Sinnkrisen passen nicht mehr in eine Gesellschaft, in der ein Großteil ihrer Mitglieder wie die Kapsel einer Rohrpostanlage durch ihr Leben schießt. Man kann sich Fragen von Sinn, Wert und Bedeutung, hofft man beim kollektiven Zeitgeistrennen um die mannigfaltigen Sinnersatzangebote mit begrenzter Haltbarkeit überhaupt noch mitzukommen, nicht mehr leisten.“

Auch die Sprechgeschwindigkeit bei Rundfunk- und Fernsehmoderatoren hat enorm zugenommen. Und dieses Tempo wird auch von deren Gesprächspartnern erwartet. Politiker, zitiert Geißler eine Untersuchung aus den USA, hatten in den 1960er Jahren im Fernsehen noch dreiundvierzig Sekunden Zeit, ohne Unterbrechung ihre Position zu vertreten, 1992 blieben davon noch acht Sekunden übrig. Heute erscheint das vielen Moderatoren immer noch zu lang. „Es wird schneller geredet und weniger dabei gesagt. Die Redner und Rednerinnen drängen ihre Aussagen und Informationen zusammen, wodurch sie sie zwangsläufig auch immer mehr entkernen.“

Geißler nennt das eine hoch problematische Entwicklung. Zum einen, weil in einer Welt, in der die Informationsmengen und die Geschwindigkeit des Informationstransportes rasant zunehmen, die menschlichen Kompetenzen zur Informationsverarbeitung nicht in gleichem Umfang Schritt halten. Und zum anderen, weil das zur Folge hat, dass zwangsläufig immer mehr und immer öfter geschwafelt wird, dass über Inhalte schwadroniert wird, von denen die Redner und Rednerinnen wenig bis gar keine Ahnung haben.

Und so gibt er zu bedenken: „Kontemplative Phasen, Zeiten des Nachdenkens, in denen das Präsentierte nachhallt und sich setzt, werden immer seltener. Dass unter solchen Umständen zwangsläufig auch die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen wächst, liegt auf der Hand.“ Werde der Zwang, möglichst alles zu beschleunigen, zum am meisten hervorstechenden Faktor und Merkmal einer Gesellschaft, falle vieles unter den Tisch, über das nachgedacht und das in regelmäßigen Abständen überprüft werden sollte. Doch „Nachdenken hat schon seit längerem als Erfolgsstrategie an Ansehen eingebüßt. Genauso wie die uralte Weisheit, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Und dass der, der es eilig zu haben meint, zu seinem eigenen Nutz und Frommen einen Umweg machen soll.“

Faszinationen gingen heute von rasch wechselnden oder immer wieder neu bestückten Oberflächen aus. „Auch deshalb verzichten immer mehr Menschen auf die Klärung tiefergehender Sinnfragen und ersetzen den Sinn durch die betäubende Übung, alles auf einmal machen, erreichen und erleben zu wollen.“ Und so wimmele es in den Medien dieser Welt nur so von nichtssagenden Kurzstatements, sinnschwachen Versprechen und Notizen zu Personen mit höchst flüchtigem Bekanntheitsgrad. Motto „Es ist nichts passiert – mehr dazu in Kürze!“

Geißler: „Wo immer man hinsieht, man stößt auf oberflächliche ,Briefings‘. In den Führungsetagen der Wirtschaft sind sie zur Methode gewordene Illusion des schnellen Weges vom Nichtwissen zum Wissen. Ähnliches kennt man aus der Wissenschaftsszene, wo sich die sinnentlastete Kommunikation in so schlichten und einfältigen Gewändern wie Thesenpapieren, Exposés und ,Abstracts‘ präsentiert, wo Forschungsergebnisse hinausposaunt werden, die weder mit Forschung noch mit Ergebnissen bei genauerem Hinsehen etwas zu tun haben.“

So drängt sich für Geißler der Eindruck auf, „der ,Sinn‘ und mit ihm die zur Sinnfindung notwendige Zeit gehört vielleicht auch zu jenem ,alten Europa‘, das zu verlassen und zu vergessen wir derzeit mit großem Aufwand genötigt werden.“ Und so sinniert er: „Sind die Fortschritts- und Freiheitsversprechen vielleicht doch nur leere Operettenphrasen, eventuell sogar als Freiheit maskierte Freiheitsbeschränkungen? Droht uns möglicherweise eine bisher unbekannte Abart der Vogelfreiheit? Fragen über Fragen, die sich in einer einzigen zusammenfassen lassen: Sind wir eigentlich für jene Welt der Eile und des Kurzatmigen gemacht, die wir geschaffen haben und in die wir uns wider eigentlich besseres Wissen immer weiter verstricken?“