Der Dicke Hund: Ratgeber Reform

„Kirche – was sich jetzt ändern muss.“ An Reform- und Reformationswillen der säkulare Medien wird es nicht scheitern. Von Josef Bordat

DER DICKE HUND: Neue Brutalität in  Satirikerkreisen

Medien entwickeln sich immer mehr von der Informationsquelle zum Ratgeber. Zehn Tipps zum Abnehmen. Die schönsten Strände Südamerikas. Welches Auto passt zu mir? Und dann spielen die Medien auch sehr gerne Bundeskanzlerin respektive -trainer, besonders in dem Fall, dass es bei den Originalen nicht so läuft, wie sich die Medien das wünschen. Momentan läuft es bei der Katholischen Kirche nicht so rund – und dankenswerterweise stehen auch hier die Medien sogleich mit Rat und… Tipps zur Seite. Wer „Kirche – was sich jetzt ändern muss“ in eine Suchmaschine eingibt, erhält die gesammelte ekklesiologische Weisheit säkularer Gegenwartspublizistik frei Haus.

Allen voran – na, klar: die „BILD“-Zeitung. „Wir sind Papst“ – das war einmal. Sie gibt nunmehr Tipps für eine Reform der Kirche. „Wir sind Luther“. Ein Zwölf-Punkte-Plan soll die Kirche wieder flott machen. Diesen hat Peter Winnemöller in einem „MeinungsMacher“-Beitrag für die Online-Ausgabe der „Tagespost“ bereits hinreichend charakterisiert: eine „mediale Stinkbombe“, „unter Stammtischniveau“, „boulevardesk“. Die Themen: Zölibat, Frauen, Hierarchie. Das typische Reformprogramm. Praktisch zeitgleich bei „Anne Will“ (ARD): Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ meint mit Blick auf Stephan Ackermann, den Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz: „Herr Bischof, vielleicht müssen Sie die Reformation nachholen.“ Nun: Vielleicht. Nur ist er, Ackermann, der hier stellvertretend für die Katholische Kirche angesprochen wird, dabei sicher nicht auf die ewig gleiche Leier der Kirchenredakteure in den deutschen Leitmedien angewiesen. Ganz bestimmt nicht.

Die etwas Umsichtigeren unter ihnen holen sich zumindest Stimmen aus der Kirche selbst, freilich nur solche, die zur Linie des Senders oder Blattes passen. Oder man macht es wie „Orange“, ein Online-Angebot des „Handelsblatt“ für Schüler und Studenten, und geht gleich aufs Ganze, indem man eine junge Frau interviewt, die sagt: „Ich will Priesterin in der katholischen Kirche werden!“ Die nicht unsympathische Dame schlägt sich ganz gut, angesichts der naiven Fragen, offenbart aber neben guten pastoralen Absichten („den Menschen dienen, für sie da sein“) vor allem einen Mangel an Kenntnis in systematischer („beten die Muttergottes Maria an“ – Katholiken beten Gott an und verehren Maria) und historischer Hinsicht („Zölibat im 12. Jahrhundert entstanden“ – Die erste formale Festlegung der Ehelosigkeit von Priestern geschah bereits auf der Synode von Elvira Anfang des 4. Jahrhunderts, lange vor der kirchenrechtlichen Festlegung im Zuge des Zweiten Laterankonzils, 1139). Nicht gerade überzeugend, wenn man Werbung für die große Reform machen will.

Und das will man ja, denn: „Das System katholische Kirche ist krank“ („Zeit Online“), das heißt: „Der gute Wille und das Handeln Einzelner allein reichen nicht aus. Das kirchliche System bedarf einer grundlegenden Veränderung, wenn es weiterhin den Anspruch erhebt, zur Realisierung des Christentums beitragen zu wollen.“ Ergo: „Die Kirche muss ihre Machtstruktur ändern“ („Frankfurter Rundschau“), „Der Zölibat ist ein Risikofaktor für den Missbrauch“ (Hubert Wolf im Gespräch mit Petra Ensminger, „Deutschlandfunk“ – Zur Ehrenrettung: „Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.“), „Missbrauchsbeauftragter: Kirche muss Strukturen überdenken“ („Kölnische Rundschau“). Das sollte reichen, um den Reform- und Reformationswillen der säkulare Medien zu zeigen. Dass es dabei nicht um sie selbst geht, sondern um die Kirche, die ihr sonst so fern steht, macht die Sache zu einem ziemlich dicken Hund.