Der Dicke Hund: Desinformative Wissensbildung

Wenn kein distanzierender sprachlicher Modus mehr hilft. Von Josef Bordat

Desinformative Wissensbildung - DER DICKE HUND

Endlich kommt mal das Wissen zum Zug! Beim Thema Lebensrecht. Wurde aber auch Zeit, nach all der Polemik, die sich rund um den „Marsch für das Leben“ alljährlich ansammelt. Das Wissen bringt das „Göttinger Tageblatt“ ins Spiel: „Demo gegen Abtreibungsgegner: Das müssen Sie wissen“ heißt es. Dass ausgerechnet das „Göttinger Tageblatt“ auf Wissen setzt, liegt nahe, ist Göttingen doch die „Stadt, die Wissen schafft“. Um das zu wissen, muss man nie in Göttingen gewesen sein, die Durchfahrt reicht, denn bereits am Bahnhof zeigt sich der Stolz der Stadt auf seine Universität. Dortselbst sollte am 23. Oktober ein Lebensrechtler sprechen, den das „Göttinger Tageblatt“ als den „umstrittenen Abtreibungsgegner Gerhard Steier“ vorstellt. Veranstaltet wurde der Abend von einer christlichen Göttinger Hochschulgruppe namens „Reformatio 21“. Das „Göttinger Tageblatt“ weiß: „Dagegen formiert sich Protest“. Das festzustellen allein ist noch keine große Leistung des menschlichen Geistes, „formiert sich“ gegen Lebensrechtsveranstaltungen doch stets „Protest“. Das „Göttinger Tageblatt“ beziehungsweise Autor Michael Brakemeier weiß auch, dass die Protestler wissen wollen, es seien „konservative bis völkisch-nationale Kreise“, die sich beim jährlichen „Marsch für das Leben“ in Berlin treffen. Löblich, dass sich das „Göttinger Tageblatt“ diese und andere Positionen der Protestler nicht vorschnell zu eigen macht, weshalb der Artikel fast durchgehend im Konjunktiv geschrieben ist, doch bereits das kommentarlose Darstellen von Absurdem ist fahrlässig. Da hilft auch kein distanzierender sprachlicher Modus. Wenn etwa der Einsatz für das in Artikel 2 Grundgesetz garantierte Lebensrecht jedes Menschen als „völkisch-national“ gekennzeichnet wird, müsste man, dem Wissen verpflichtet, einhaken.

In Einzelfällen mag der Einsatz für das Lebensrecht auch in Sorge um die demographische Entwicklung (vulgo: „völkisch“) motiviert sein, in der Regel ist er es aber nicht. Gerade, wenn der Veranstalter des Vortrags eine „christliche Hochschulgruppe“ ist, sollte die Zuschreibung „völkisch-national“ hinterfragt werden. Doch stattdessen wird die Gruppe „Reformatio 21“ mit rechten Parteien in Verbindung gebracht („Frauen zu zwingen, ungewollte Kinder auszutragen, wie es etwa die Gruppe R21 und auch die AfD tun“) – immer aus der Sicht ihrer Gegner, die den Einsatz für das Grundrecht auf Leben ausschließlich als „Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung von Frauen und allen Menschen, die schwanger werden können“ interpretieren. Im zweiten Teil des Artikels im „Göttinger Tageblatt“ geht es darum, dass die R21 die Veranstaltung verlegt hat, in ein Gebäude der Heilsarmee. Ob wegen der Raummiete, die von der Universität verlangt wurde, oder aufgrund „politischer Bedenken der Universität“ (Heilsarmee-Sprecher Andreas Quiring) – da will sich die Zeitung nicht festlegen. Fest steht unterdessen: „Auf das Gebäude der Heilsarmee verübten unbekannte Täter in der Nacht nach dem Vortrag einen Anschlag mit lila Farbbeuteln“ (idea). Davon freilich konnte selbst das „Göttinger Tageblatt“ nichts wissen.

Doch: Dem Protest aus der Deckung des Konjunktivs heraus größtmögliches Verständnis entgegenzubringen (Zwischenüberschrift: „Darum ist die Veranstaltung umstritten“) und durch mangelnde journalistische Einordnung dabei mitzuhelfen, dass das schiefe Bild der Protestler im Diskurs als Basis genommen wird, wenn es um die Beurteilung des Lebensrechts einerseits und die Arbeit von Lebensschützern andererseits geht, ist schon ziemlich unseriös. Das Ganze dann aber auch noch als „Wissen“ zu verkaufen, ist ein dicker Hund.