Den Glauben leben

Leipzig feiert das 800-jährige Bestehen der Thomaskirche und des Thomanerchores. Von Werner Häussner

Der Thomanerchor in der Leipziger Thomaskirche. Foto: dpa
Der Thomanerchor in der Leipziger Thomaskirche. Foto: dpa

Thomaskirche, Thomasschule, Thomanerchor: Seit 800 Jahren werden in dieser Trias die Ideale Glauben, Lernen und Singen verwirklicht. Mit einem groß angelegten Festjahr feiert Leipzig das Thomana-Jubiläum – und mit ihm eine Institution, die das Leipziger Stadt- und Musikleben geprägt hat. Und das nicht nur und nicht erst durch Johann Sebastian Bach, dem wohl berühmtesten aller Thomaskantoren.

Zentrales Ereignis der vielfältigen festlichen Anlässe wird ein Zyklus von Festmotetten in der Thomaskirche. Das Bach-Archiv Leipzig als Partner der „Thomana 2012“ beauftragte zeitgenössische Komponisten, Festmusiken zu schaffen. Sie werden zu den höchsten Kirchenfesten des Jahres uraufgeführt. Die erste Festmusik zum Epiphaniefest am 6. Januar jedoch war Johann Sebastian Bach gewidmet. Sofia Gubaidulina, die tief im orthodoxen Glauben verwurzelte russische Komponistin, musste ihren Auftrag für diesen Tag wegen Krankheit zurückgeben – ihre Epiphanie-Musik erklingt aber am 14. Juni im Rahmen des Bachfestes.

An Ostern bekommt Georg Christoph Biller das musikalische Wort: Der 16. Nachfolger Bachs im Amt des Thomaskantors gestaltet den Osterfestgottesdienst am 8. April in der Thomaskirche und die Motette am 21. April. Biller war selbst Thomaner. Der Pfarrersohn aus Nebra war elf Jahre Leiter des Gewandhauschores und wurde 1992 zum Thomaskantor berufen. Sein Anliegen ist es, die Musik nicht nur als absolute Größe zu verstehen, sondern in die Liturgie einzubinden.

Für das Pfingstfest hat der Doyen der deutschen Komponisten, Hans Werner Henze, zur Feder gegriffen. Die Festmusik des 85-jährigen erklingt am 26. Mai zum ersten Mal. Für den Reformationstag komponiert der 1939 in der Schweiz geborene, vielfach ausgezeichnete Heinz Holliger die Festmusik. Der Australier Brett Dean ist bekannt geworden durch seine Oper „Bliss“, uraufgeführt in Sidney und 2010 in Hamburg dem deutschen Publikum vorgestellt. Er schreibt die Weihnachts-Festmusik. Der Abschluss des Zyklus und gleichzeitig des Thomana-Jahres wird musikalisch in den Händen von Krzysztof Penderecki liegen: Ein Werk des weltbekannten polnischen Tonschöpfers wird für den 6. Januar 2013 erwartet.

Für die rund 100 Jungs des Thomanerchors wird das Jubiläumsjahr einige Höhepunkte bereithalten. Vor allem sie profitieren von den Zukunftsvisionen, die ihr Kantor Georg Christoph Biller entwickelt hat: Als Teil eines groß angelegten Projekts eines musischen Bildungszentrums wird am 20. März der „Campus forum thomanum“ eingeweiht. Dazu gehört auch ein modernes Internat, das sich Leipzig 11,4 Millionen kosten lässt. Im Januar war Richtfest; 2013 sollen die Neun- bis Achtzehnjährigen aus ihren derzeitigen Container-Unterkünften in ihre neuen Zwei- und Dreibett-Zimmer umziehen. In dem neuen Alumnat ist dann Platz für 120 Thomaner.

Bevor die Festwoche beginnt, ist der Chor jedoch erst einmal unterwegs: Ihre Jubiläumstournee führt die Thomaner mit Bachs „Matthäuspassion“ nach Südkorea, Japan und England, bevor sie am 22. und 23. März im Gewandhaus im Rahmen eines „Großen Concerts“ Bachs Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ zum Besten geben. Die Festwoche vom 19. bis 25. März beginnt mit der Eröffnung der Ausstellung „Cantate! – zum 800. Geburtstag der Thomaner“ im Neubau des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig. Nach dem Festakt für geladene Gäste in der Thomaskirche gibt es am 20. März gegen 12.30 Uhr einen Festumzug von der Kirche zum neuen „Campus forum thomanum“ und zur Einweihungsfeier. Das „Fest der Knabenchöre“ schließt die Woche am 24./25. März ab: Zu Gast sind die „Konkurrenten“ der Thomaner aus Dresden (Kreuzchor), Regensburg (Domspatzen) und Cambridge (Choir of King's College).

Das Internationale Leipziger Bachfest vom 7. bis 17. Juni steht ebenfalls unter dem Thema 800 Jahre Musica Sacra an St. Thomas. Es soll die Amtszeit Bachs aus verschiedenen historischen Perspektiven beleuchten. Im Programm steht nicht nur eine Uraufführung aus der Feder des amtierenden Thomaskantors, sondern auch eines der ersten überlieferten Werke von Georg Rhau (1488–1548). Außerdem erklingen neu edierte Werke der Thomaskantoren Johann Schelle (1684–1701) und Johann Adam Hiller (1728–1804). Im Eröffnungskonzert am 7. Juni dirigiert Biller Max Regers Psalm 100 und eine Uraufführung eines „Te Deum“ von Heinz Werner Zimmermann. Thomasorganist Ullrich Böhme spielt Bachs Toccata und Fuge F-Dur (BWV 225).

Erstmals beim Bachfest ein Familienprogramm

Weltbekannte Interpreten wie der Pianist Nikolai Tokarew, das Bach-Collegium Japan unter Masaaki Suzuki, Ton Koopman und das Amsterdam Baroque Orchestra, Marcus Creed und das Volkalconsort Berlin entführen in den historischen Leipziger Spielstätten zu einer Entdeckungsreise nach dem jeweils „neuesten Lied“ einer 800-jährigen Musiktradition. Ein brandneues Lied wird am 14. Juni in der Thomaskirche gesungen: Dort erklingen dann die ursprünglich für den 6. Januar geplante Epiphanias-Musik Sofia Gubaidulinas, die Oster-Festmusik Billers und die Pfingstmusik Henzes in einem Konzert. Erstmals gibt es beim Bachfest 2012 eine neues Kinder-, Jugend- und Familienprogramm unter dem Titel „B@ch für uns“. Der Herbst gehört dann den Festwochen zu 800 Jahre Thomasschule und Thomaskirche. Am Reformationsfest wird der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, die Predigt halten.

„Mit ihrer reichen Tradition hat die Thomana, die Trias von Kirche, Chor und Schule, über Jahrhunderte das städtische Leben geprägt – auch heute“, heißt es in der Ankündigung zum Festjahr. Wie zu Zeiten der Augustiner-Chorherren, der Umbrüche in der Reformation, den Neuerungen von Aufklärung, Säkularisation und Industrialisierung, den Anfechtungen im Nationalsozialismus und der DDR-Zeit, wollen sie sich auch heute ihrem Auftrag stellen, „Glauben zu leben, Musik und Kultur zu gestalten, Menschen zu bilden.“